Du gewisser neuer Geist,
Fördre in uns deine Werke“, etc.
Dieser Hymnus geht durchaus parallel mit unsern vorangegangenen Ausführungen. Dass dieselben Priester, die dieses Lied singen, den neuen Lebensgeist, das neue Symbol verwerfen, entspricht ganz dem rationalistischen Wesen epimetheischer Kreaturen. Die Vernunft sucht die Lösung immer auf dem vernünftigen, konsequenten, logischen Wege, womit sie in allen mittlern Lagen und Problemen Recht hat, aber in den grössten und entscheidenden Fragen reicht sie nicht aus. Sie ist unfähig, das Bild, das Symbol zu erschaffen; das Symbol ist irrational. Wenn der rationale Weg zur Sackgasse geworden ist, — was er nach einiger Zeit immer zu werden pflegt — dann kommt die Lösung von der Seite, von der man sie nicht erwartet. („Was kann von Nazareth Gutes kommen?“) Dieses psychologische Gesetz ist z. B. die Grundlage der messianischen Prophezeiungen. Die Prophezeiungen selbst sind Projektionen des das künftige Geschehen vorahnenden Unbewussten. Weil die Lösung irrational ist, so wird das Erscheinen des Erlösers an eine unmögliche, d. h. irrationale Bedingung geknüpft, also an die Schwangerschaft der Jungfrau.[228] Diese Prophezeiung ist, wie viele andere, die etwa lauten, wie: „Macbeth wird keiner Feindesmacht erliegen, kommt feindlich nicht der Birnams Wald gestiegen, zum Dunsinan.“
Die Geburt des Erlösers, d. h. die Entstehung des Symbols, findet dort statt, wo man sie nicht erwartet, und zwar gerade dort, von woher eine Lösung am allerunwahrscheinlichsten ist. So sagt Jesaia (53, 1): „Aber wer glaubt unserer Predigt? Und wem wird der Arm des Herrn offenbaret?
Denn er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt noch Schöne; wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.
Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn nichts geachtet.“
Das Erlösende entsteht nicht nur dort, von woher man nichts erwartet, sondern es tritt, wie diese Stelle zeigt, auch in einer Gestalt hervor, an der nichts Schätzenswertes ist für das epimetheische Urteil. Spitteler hat sich bei der Schilderung der Verwerfung des Symbols wohl kaum an das biblische Vorbild bewusst angelehnt, sonst würde man es seinen Worten anmerken. Vielmehr hat er aus derselben Tiefe geschöpft, aus der Propheten und Schöpfer die lösenden Symbole schaffen.
Die Erscheinung des Erlösers bedeutet eine Vereinigung der Gegensätze: „Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen, und die Pardel bei den Böcken liegen. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben.
Kühe und Bären werden an der Weide gehen, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh essen wie die Ochsen.
Und ein Säugling wird seine Lust haben am Loch der Otter, und ein Entwöhneter wird seine Hand stecken in die Höhle des Basilisken.“[229]