Die Natur des erlösenden Symboles ist die eines Kindes[230], d. h. die Kindlichkeit oder Voraussetzungslosigkeit der Einstellung gehört zum Symbol und dessen Funktion. Diese „kindliche“ Einstellung bringt es eo ipso mit sich, dass an Stelle der Eigenwilligkeit und rationalen Absichtlichkeit ein anderes Führungsprinzip tritt, dessen „Göttlichkeit“ gleichbedeutend ist mit „Übermacht“. Das Führungsprinzip ist irrationaler Natur, weshalb es in der Hülle des Wunderbaren erscheint. Diesen Zusammenhang gibt Jesaia sehr schön 9, 5: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heisst Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friedefürst.“
Diese Bestimmungen geben die wesentlichen Eigenschaften des lösenden Symboles, die wir oben bereits festgestellt haben. Das Kriterium der „göttlichen“ Wirkung ist die unwiderstehliche Kraft des unbewussten Impulses. Der Held ist immer die mit magischer Kraft ausgerüstete Figur, die das Unmögliche möglich macht. Das Symbol ist der mittlere Weg, auf dem sich die Gegensätze einen zu neuer Bewegung, ein Wasserlauf, der nach langer Dürre Fruchtbarkeit ergiesst: Die Spannung vor der Lösung wird einer Schwangerschaft verglichen:
„Gleichwie eine Schwangere, wenn sie schier gebären soll, so ist ihr Angst, schreiet in ihren Schmerzen: so gehet’s uns auch, Herr, vor deinem Angesicht.
Da sind wir auch schwanger, und ist uns bange, dass wir kaum Odem holen; doch können wir dem Lande nicht helfen —.
Aber deine Toten werden leben, meine Leichname werden auferstehen.“
Im Akte der Erlösung belebt sich das, was unbelebt, tot war, d. h. psychologisch: diejenigen Funktionen, die brach lagen und steril, unbeschäftigt, verdrängt, verachtet, unterschätzt, etc., waren, brechen plötzlich hervor und fangen an zu leben. Es ist eben gerade die minderwertige Funktion, welche das Leben, das in der differenzierten Funktion zu erlöschen drohte, fortsetzt.[231] Dieses Motiv kehrt im neutestamentlichen Gedanken der ἀποκατάρτασις πάντων, der Wiederbringung[232], wieder, welche eine hohe Entwicklungsform jenes allgemein verbreiteten Gedankens des Heldenmythus ist, nach dem der Held, wenn er aus dem Walfischbauch herauskommt, auch seine Eltern und all die, die vom Ungeheuer früher verschluckt worden sind, herausführt, was Frobenius das „Allausschlüpfen“ nennt.[233] Den Zusammenhang mit dem Heldenmythus wahrt auch Jesaia zwei Verse weiter (27, 1): „Zu der Zeit wird der Herr heimsuchen mit seinem harten, grossen und starken Schwert beide, den Leviathan, der eine flüchtige Schlange, und den Leviathan, der eine gewundene Schlange ist, und wird den Drachen im Meer erwürgen.“
Mit der Geburt des Symbols hört die Regression der Libido ins Unbewusste auf. Die Regression verwandelt sich in Progression, die Stauung gerät in Fluss. Dadurch wird die anziehende Macht des Urgrundes gebrochen. Darum heisst es auch in Barlachs Drama: Der tote Tag: Kule: „Und da stehen dann die schönen Gestalten der bessern Zukunft um mein Lager. Noch starr, aber von herrlicher Schönheit, noch schlafend — aber wer sie erweckte, der schüfe der Welt ein besseres Gesicht. Das wäre ein Held, der das könnte.
Mutter: Ein Heldentum in Jammer und Nöten!
Kule: Aber es könnte vielleicht doch einer!
Mutter: Der sollte vorher seine Mutter begraben.“ —