Im V. Kapitel seiner Schrift bemerkt Gross, dass innerhalb der normalen Breite die beiden von ihm beschriebenen Minderwertigkeitstypen physiologische Individualitätsverschiedenheiten darstellen. Das verflacht-verbreiterte und das verengt-vertiefte Bewusstsein ist also eine Verschiedenheit des Charakters.[253] Der Typus des verbreiterten Bewusstseins ist nach Gross vorzugsweise praktisch, wegen der raschen Anpassung an die Umgebung. Das Innenleben überwiegt nicht, weil es nicht zur Ausbildung grosser Vorstellungskomplexe kommt. „Sie wirken energisch propagierend für die eigene Persönlichkeit — stehen sie höher, auch für fertig überkommene grosse Ideen.“[254] Gross hält das Gefühlsleben dieses Typus für primitiv, bei Höherstehenden organisiere es sich „durch die Übernahme fertiger Ideale von aussen her“. Dadurch kann die Tätigkeit, resp. das Gefühlsleben (wie Gross sagt) heroisch werden. „Aber immer ist es banal.“ „Heroisch“ und „banal“ scheinen nicht zueinander zu passen. Gross zeigt uns aber sofort, was er damit meint: bei diesem Typus besteht keine genügend reich entwickelte Verbindung des erotischen Vorstellungskomplexes mit dem übrigen Bewusstseinsinhalt, d. h. mit den übrigen Komplexen ästhetischer, ethischer, philosophischer und religiöser Natur. Freud würde hier von der Verdrängung des erotischen Elementes sprechen. Für Gross ist das ausgeprägte Vorhandensein dieser Verbindung das „eigentliche Zeichen der vornehmen Natur“ (p. 61). Für die Ausbildung dieser Verbindung ist eine verlängerte Sekundärfunktion unerlässlich, denn nur durch Vertiefung und verlängertes Bewussthalten der Elemente kann diese Synthese zu Stande kommen. Durch übernommene Ideale kann die Sexualität zwar in die Bahnen des sozial Nützlichen gedrängt werden, aber sie „erhebt sich nie über die Grenzen der Trivialität“. Dieses etwas harte Urteil betrifft einen durch das Wesen des extravertierten Charakters leicht erklärlichen Tatbestand: der Extravertierte orientiert sich ausschliesslich an äussern Daten, sodass das Hauptgewicht seiner psychischen Tätigkeit immer in der Beschäftigung mit solchen liegt. Es bleibt daher wenig oder nichts übrig für die Ordnung der innern Angelegenheiten. Sie haben sich von vornherein den von aussen aufgenommenen Bestimmungen unterzuordnen. Unter diesen Umständen kann daher auch die Verbindung der höher entwickelten mit den minder entwickelten Funktionen nicht stattfinden, denn sie verlangt ein grosses Mass von Zeit und Mühe, eine langwierige und schwierige Selbsterziehungsarbeit, die ohne Introversion überhaupt nicht geleistet werden kann. Dafür fehlt dem Extravertierten Zeit und Lust, und zudem hindert ihn daran dasselbe unverhohlene Misstrauen, mit dem er seine Innenwelt, und der Introvertierte die Aussenwelt betrachtet. Man darf nun aber nicht glauben, dass der Introvertierte dank seiner grössern synthetischen Fähigkeit und seines bessern Vermögens, Affektwerte zu realisieren, sozusagen ohne weiteres in der Lage wäre, auch die Synthese seiner Individualität durchzuführen, d. h. zunächst einmal eine harmonische Verbindung der höhern und niedern Funktionen herzustellen. Ich ziehe diese Formulierung der Gross’schen Auffassung, dass es sich bloss um die Sexualität handle, vor, denn m. E. handelt es sich nicht bloss um die Sexualität, sondern auch um andere Triebe. Die Sexualität ist allerdings eine sehr häufige Ausdrucksform für ungebändigte, rohe Triebe, aber ebenso ist auch das Machtstreben in allen seinen vielfachen Aspekten ein solcher Trieb. Gross hat für den Introvertierten den Ausdruck „sejunktive Persönlichkeit“ erfunden, womit er die eigentümliche Schwierigkeit dieses Typus, Komplexe zu verbinden, hervorhob. Die synthetische Fähigkeit des Introvertierten dient zunächst bloss dazu, von einander möglichst getrennte Komplexe zu bilden. Solche Komplexe verhindern aber geradezu die Entwicklung einer höhern Einheit. So bleibt auch beim Introvertierten der Komplex der Sexualität oder des egoistischen Machtstrebens oder der Genussucht isoliert und möglichst scharf geschieden von andern Komplexen. Ich erinnere mich z. B. eines introvertierten, sehr intellektuellen Neurotikers, der sich abwechselnd in den hohen Sphären des transscendentalen Idealismus und in übelberüchtigten Vorstadtbordellen aufhielt, ohne dass sein Bewusstsein die Existenz eines moralischen oder ästhetischen Konfliktes zugelassen hätte. Die beiden Dinge wurden, als gänzlich verschieden, reinlich auseinander gehalten. Das Resultat war natürlich eine schwere Zwangsneurose.
Wir müssen diese Kritik im Auge behalten, wenn wir den Gross’schen Ausführungen über den Typus mit vertieftem Bewusstsein folgen. Das vertiefte Bewusstsein ist, wie Gross sagt, „die Grundlage der verinnerlichten Individualitäten“. Infolge des starken Kontraktiveffektes werden äussere Reize immer vom Standpunkt einer Idee aus gesehen. An Stelle des Triebes zum praktischen Leben in der sog. Wirklichkeit tritt „der Drang zur Verinnerlichung“. „Die Dinge werden nicht als Einzelerscheinung aufgefasst, sondern als Teilbegriffe der grossen Vorstellungskomplexe.“ Diese Auffassung von Gross stimmt genau überein mit unsern frühern Überlegungen anlässlich der Erörterung des nominalistischen und realistischen Standpunktes und seiner Vorstadien in der platonischen, megarensischen und zynischen Schule. Es ist aus den Gross’schen Auffassungen leicht zu ersehen, worin der Unterschied zwischen den Standpunkten besteht: der Mensch mit kurzer Sekundärfunktion hat in der Zeiteinheit viele und nur locker verbundene Primärfunktionen; er ist also besonders an die einzelne Erscheinung, an den Individualfall gebunden. Für ihn sind daher die Universalia nur nomina und entbehren der Wirklichkeit. Für die Menschen mit verlängerter Sekundärfunktion dagegen stehen immer die innern Tatbestände, die Abstrakta, Ideen oder Universalia im Vordergrund, sie sind ihm das eigentlich Wirkliche, worauf er alle Einzelerscheinungen beziehen muss. Er ist daher natürlicherweise Realist (im Sinne der Scholastik). Da dem Introvertierten immer die Betrachtungsweise über der Wahrnehmung des Äussern steht, so ist er geneigt, Realitivist zu sein.[255] Er empfindet als besonders lustvoll die Harmonie der Umgebung[256]; sie entspricht seinem innern Drange nach Harmonisierung seiner isolierten Komplexe. Er vermeidet jedes „ungehemmte Auftreten“, weil es zu störenden Reizen führen könnte. (Die Fälle von Affektexplosionen müssen ausgenommen werden!) Die soziale Rücksichtnahme ist gering infolge der Absorption durch innere Vorgänge. Das starke Vorherrschen der eigenen Ideen verhindert das Übernehmen fremder Ideen und Ideale. Durch die starke innere Durcharbeitung der Vorstellungskomplexe erhalten sie ausgesprochenen Individualcharakter. „Das Gefühlsleben ist häufig sozial unbrauchbar, immer aber individuell.“[257]
Diese Behauptung des Autors müssen wir einer eingehenden Kritik unterziehen, denn sie enthält ein Problem, das nach meiner Erfahrung immer zu den grössten Missverständnissen zwischen den Typen Anlass gibt. Der introvertierte Intellektuelle, den Gross hier offenbar im Auge hat, zeigt nach aussen möglichst kein Gefühl, sondern logisch korrekte Ansichten, und korrektes Handeln, nicht zum mindesten deshalb, weil er erstens eine natürliche Abneigung gegen zur Schau getragene Gefühle hat, und weil er zweitens sich scheut, durch Inkorrektheit störende Reize, d. h. Affekte der Mitmenschen zu wecken. Er fürchtet unangenehme Affekte bei den andern, weil er dem andern seine eigene Sensitivität zutraut und immer auch schon durch die Raschheit und Sprunghaftigkeit des Extravertierten gestört worden ist. Er verdrängt sein Gefühl, daher es innerlich gelegentlich bis zur Leidenschaft anschwillt, daher nur zu deutlich von ihm wahrgenommen wird. Die Emotionen, die ihn quälen, sind ihm wohlbekannt. Er vergleicht sie mit den Gefühlen, die andere, natürlich in erster Linie extravertierte Fühltypen ihm zeigen und findet, seine „Gefühle“ seien ganz anders als die anderer Menschen. Er kommt daher auf die Idee, seine „Gefühle“ (genauer gesagt: seine Emotionen) seien einzigartig, d. h. individuell. Es ist natürlich, dass sie verschieden sind von den Gefühlen des extravertierten Fühltypus, denn diese sind ein differenziertes Anpassungsinstrument und ermangeln deshalb der „echten Leidenschaftlichkeit“, welche die innern Gefühle des introvertierten Denktypus kennzeichnet. Die Leidenschaft als etwas Triebmässiges hat aber wenig Individuelles an sich, sondern sie ist gegebenenfalls allen Menschen gemeinsam. Nur das Differenzierte kann individuell sein. Daher in grossen Affekten sich der Typenunterschied auch sofort verwischt zu Gunsten des allgemeinen „Allzumenschlichen“. In Wirklichkeit hat m. E. der extravertierte Fühltypus in erster Linie einen Anspruch auf Individualität des Gefühls, denn seine Gefühle sind differenziert; er verfällt aber derselben Täuschung bezüglich seines Denkens. Er hat Gedanken, die ihn quälen. Er vergleicht sie mit den Gedanken, die die Umgebung, d. h. in erster Linie die introvertierten Denktypen aussprechen. Er findet, dass seine Gedanken wenig damit übereinstimmen, er hält sie daher für individuell und sich selbst vielleicht für einen originellen Denker oder er verdrängt die Gedanken deshalb überhaupt, weil ja doch niemand sonst so etwas denke. In Wirklichkeit sind es aber die Gedanken, die alle Welt hat, die aber selten laut gesagt werden. Nach meiner Ansicht entspringt also die obige Behauptung von Gross einer subjektiven Täuschung, die aber zugleich eine allgemeine Regel ist.
„Die erhöhte Kontraktivkraft ermöglicht das Sichvertiefen in Dinge, denen kein unmittelbares Vitalinteresse mehr anhaftet.“[258] Damit trifft Gross einen wesentlichen Zug der introvertierten Mentalität: der Introvertierte hat eine Neigung, den Gedanken an sich zu entwickeln ganz abgesehen von aller äussern Wirklichkeit. Hierin liegt ein Vorzug und eine Gefahr. Es ist ein grosser Vorteil, einen Gedanken jenseits der Sinnlichkeit abstrakt entwickeln zu können. Die Gefahr ist aber, dass dadurch der Gedankengang sich von jeder praktischen Anwendbarkeit entfernt, wodurch sein Lebenswert proportional sinkt. Der Introvertierte ist daher immer etwas bedroht, zuviel aus dem Leben hinauszugeraten und die Dinge zuviel unter ihrem symbolischen Aspekt zu betrachten. Auch diesen Zug hebt Gross hervor. Der Extravertierte ist aber nicht besser gestellt, nur liegt für ihn die Sache anders. Er hat die Fähigkeit, seine Sekundärfunktion derart zu verkürzen, dass er fast lauter positive Primärfunktionen erlebt, d. h. dass er überhaupt nicht mehr haftet, sondern in einer Art Rausch über die Wirklichkeit hinausfliegt, die Dinge nicht mehr sieht und realisiert, sondern nur noch als Stimulantien benützt. Diese Fähigkeit ist ein grosser Vorteil, denn damit kann man sich über manche schwierige Situation hinaushelfen („Verloren bist Du, glaubst Du an Gefahr.“ Nietzsche), ein grosser Nachteil aber, weil sie schliesslich mit einer Katastrophe endigt, indem sie öfters in ein fast unentwirrbares Chaos hineinführt.
Gross lässt aus dem extravertierten Typus die sog. zivilisatorischen und aus dem introvertierten Typus die sog. kulturellen Genies hervorgehen. Erstere Form entspricht dem „praktischen Durchsetzen“, letztere dem „abstrahierenden Erdenken“. Gross gibt zum Schlusse seiner Überzeugung Ausdruck, „dass unsere Zeit besonders des verengt-vertieften Bewusstseins bedürfe im Gegensatz zu frühern Zeiten, die ein breiteres und flacheres Bewusstsein hatten.“[259] „Wir freuen uns am Ideellen, am Tiefen, am Symbolischen. Durch Einfachheit zur Harmonie — das ist die Kunst der Hochkultur.“
Es war freilich das Jahr 1902, als Gross diese Worte schrieb. Und jetzt? Wenn man dazu überhaupt eine Meinung äussern darf, so müssten wir sagen: wir bedürfen offenbar beides, Zivilisation und Kultur, Verkürzung der Sekundärfunktion bei den einen und Verlängerung bei den andern. Denn wir schaffen nicht das Eine ohne das Andere, und — leider müssen wir es uns gestehen — es fehlt der heutigen Menschheit an beiden. Was beim einen zuviel ist, ist beim andern zu wenig, so wollen wir uns vorsichtigerweise ausdrücken. Denn das beständige Gerede vom Fortschritt ist unglaubwürdig und verdächtig geworden.
Zusammenfassend möchte ich bemerken, dass die Gross’schen Ansichten sich weitgehend mit den meinigen decken. Sogar meine Terminologie — Extraversion und Introversion — rechtfertigt sich angesichts der Gross’schen Auffassung. Es bleibt uns nur noch eine kritische Beleuchtung der Gross’schen Fundamentalhypothese, des Begriffes der Sekundärfunktion, vorbehalten.
Es ist immer eine missliche Sache um physiologische oder „organische“ Hypothesen in Bezug auf psychologische Vorgänge. Es herrschte, wie bekannt, in den Zeiten der grossen Erfolge der Hirnerforschung eine Art Manie, physiologische Hypothesen für psychologische Vorgänge zu fabrizieren, worunter die Hypothese, dass im Schlafe die Zellfortsätze sich zurückzögen, nicht einmal die absurdeste ist, welche ernsthafte Würdigung und „wissenschaftliche“ Diskussion erfuhren. Man hat mit Recht von einer förmlichen „Hirnmythologie“ gesprochen. Ich möchte die Hypothese von Gross aber keineswegs als „Gehirnmythus“ behandeln, dazu hat sie einen zu grossen Arbeitswert. Sie ist eine vorzügliche Arbeitshypothese, was auch von anderer Seite schon mehrfach gebührend anerkannt worden ist. Die Idee der Sekundärfunktion ist ebenso einfach wie genial. Es lässt sich mit diesem einfachen Begriff eine sehr grosse Zahl von komplexen Seelenphänomenen auf eine befriedigende Formel bringen, und zwar Phänomene, deren differente Natur einer einfachen Reduktion und Klassifikation durch eine andere Hypothese erfolgreich widerstanden hätten. Bei einer so glücklichen Hypothese ist man immer in Versuchung, ihre Ausdehnung und Anwendbarkeit zu überschätzen. Dies dürfte auch hier der Fall sein. Und doch hat diese Hypothese leider auch nur eine beschränkte Reichweite. Wir wollen ganz absehen von der Tatsache, dass die Hypothese an sich nur ein Postulat ist, denn niemand hat die Sekundärfunktion der Gehirnzelle je gesehen und niemand könnte beweisen, dass und warum die Sekundärfunktion im Prinzip den qualitativ gleichen Kontraktiveffekt auf die nächsten Associationen haben sollte wie die Primärfunktion, die doch ihrer Definition nach von der Sekundärfunktion ganz wesentlich verschieden ist. Es gibt einen andern Umstand, der m. E. weit schwerer ins Gewicht fällt: der Habitus der psychologischen Einstellung kann sich bei einem und demselben Individuum innerhalb kürzester Frist ändern. Wenn die Dauer der Sekundärfunktion ein physiologischer oder organischer Charakter ist, dann muss er als mehr oder weniger dauerhaft angesehen werden. Es ist dann nicht zu erwarten, dass die Dauer der Sekundärfunktion plötzlich sich ändert, denn solches sehen wir bei einem physiologischen oder organischen Charakter niemals, pathologische Veränderungen ausgenommen. Wie ich schon mehrfach hervorhob, sind Introversion und Extraversion gar keine Charaktere, sondern Mechanismen, die sozusagen beliebig ein- oder ausgeschaltet werden können. Nur aus ihrem habituellen Vorherrschen entwickeln sich dann die entsprechenden Charaktere. Gewiss beruht die Prädilektion auf einer gewissen angebornen Disposition, die aber wohl nicht immer absolut entscheidend ist. Ich habe oft gesehen, dass Milieueinflüsse fast ebenso wichtig sind. Ich erlebte es sogar einmal, dass jemand, der in der nächsten Umgebung eines Introvertierten lebte und ein deutlich extravertiertes Benehmen aufwies, seine Einstellung änderte und introvertiert wurde, als er später in eine nahe Beziehung zu einer ausgesprochen extravertierten Persönlichkeit trat. Viele Male habe ich gesehen, dass gewisse persönliche Einflüsse in kürzester Frist auch bei einem ausgesprochenen Typus die Dauer der Sekundärfunktion wesentlich veränderten, und dass ebenso der frühere Zustand sich wiederherstellt, wenn der fremde Einfluss wegfiel. Mir scheint, man müsse, solchen Erfahrungen entsprechend, das Interesse mehr der Beschaffenheit der Primärfunktion zuwenden. Gross selber hebt die besonders verlängerte Sekundärfunktion nach affektvollen Vorstellungen hervor[260] und bringt damit die Sekundärfunktion in Abhängigkeit von der Primärfunktion. Es ist in der Tat gar kein plausibler Grund vorhanden, warum die Typenlehre auf die Dauer der Sekundärfunktion gegründet werden sollte, man könnte sie vielleicht ebensowohl auf die Intensität der Primärfunktion gründen, denn die Dauer der Sekundärfunktion ist doch offenbar abhängig von der Intensität der Energieaufwendung, der Leistung der Zelle. Man könnte natürlich dagegen einwenden, dass die Dauer der Sekundärfunktion abhänge von der Schnelligkeit der Restitution, und dass es Individuen gäbe mit einer besonders prompten Hirnernährung gegenüber andern Minderbegünstigten. In diesem Falle müsste das Gehirn des Extravertierten eine grössere Restitutionsfähigkeit besitzen, als das des Introvertierten. Zu einer solchen, sehr unwahrscheinlichen Annahme fehlt jeder Beweisgrund. Was uns von den wirklichen Gründen der verlängerten Sekundärfunktion bekannt ist, beschränkt sich auf die Tatsache, dass, abgesehen von pathologischen Zuständen, die besondere Intensität der Primärfunktion eine Verlängerung der Sekundärfunktion logischerweise bewirkt. Dieser Tatsache entsprechend liegt also das eigentliche Problem bei der Primärfunktion und verdichtet sich zu der Frage, woher es komme, dass beim Einen die Primärfunktion in der Regel intensiv, beim Andern aber schwach ist. Wenn wir somit das Problem auf die Primärfunktion abstellen, dann ergibt sich die Notwendigkeit, zu erklären, woher die verschiedene Intensität und der tatsächlich vorkommende rasche Wechsel der Intensität der Primärfunktion stamme. Ich halte dies für ein energetisches Phänomen, das von einer allgemeinen Einstellung abhängt. Die Intensität der Primärfunktion scheint in erster Linie davon abzuhängen, wie gross die Spannung der Bereitschaft ist. Ist ein grosser Betrag an psychischer Spannung vorhanden, so wird auch die Primärfunktion besonders intensiv sein mit entsprechenden Folgen. Wenn mit zunehmender Ermüdung die Spannung abnimmt, dann tritt Ablenkbarkeit, Oberflächlichkeit der Association, schliesslich Ideenflucht ein, also der Zustand, der durch schwache Primärfunktion und kurze Sekundärfunktion gekennzeichnet ist. Die allgemeine psychische Spannung hängt ihrerseits (abgesehen von physiologischen Gründen, wie Ausgeruhtsein etc.) von höchst komplexen Faktoren ab, wie Stimmung, Aufmerksamkeit, Erwartung, etc., d. h. also von Werturteilen, die ihrerseits wieder Resultanten aus allen vorangegangenen psychischen Prozessen sind. Ich verstehe darunter natürlich nicht nur logische Urteile, sondern auch Gefühlsurteile. In unserer technischen Sprache bezeichnen wir die allgemeine Spannung energetisch als Libido, bewusstseinspsychologisch als Wert. Der intensive Vorgang ist „libidobesetzt“ oder eine Manifestation der Libido, m. a. W. ein hochgespannter energetischer Ablauf. Der intensive Vorgang ist ein psychologischer Wert, daher die aus ihm hervorgehenden associativen Verknüpfungen als wertvolle bezeichnet werden, im Gegensatz zu jenen, die bei geringem Kontraktiveffekt zustande kommen, als welche wir wertlos oder oberflächlich bezeichnen. Die gespannte Einstellung ist nun für den Introvertierten durchaus bezeichnend, während die entspannte, leichte Einstellung den Extravertierten verrät[261], von Ausnahmezuständen abgesehen. Die Ausnahmen aber sind häufig und zwar bei einem und demselben Individuum. Man gebe dem Introvertierten das durchaus zusagende harmonische Milieu, so entspannt er sich bis zur totalen Extraversion, und man glaubt einen Extravertierten vor sich zu haben. Man versetze aber den Extravertierten in eine stille Dunkelkammer, wo ihn alle verdrängten Komplexe annagen können, und er wird in eine Spannung versetzt werden, in der er den leisesten Reiz bis zum äussersten realisieren wird. So können die wechselnden Situationen des Lebens ebenfalls wirken und den Typus momentan umgestalten, wodurch aber die Vorzugseinstellung in der Regel nicht dauernd verändert wird, d. h. trotz gelegentlicher Extraversion bleibt der Introvertierte, was er vorher war, und ebenso der Extravertierte.
Ich fasse zusammen: Die Primärfunktion scheint mir wichtiger zu sein, als die Sekundärfunktion. Die Intensität der Primärfunktion ist das ausschlaggebende Moment. Sie hängt ab von der allgemeinen psychischen Spannung, d. h. von dem Betrag angehäufter, disponibler Libido. Das Moment, das diese Anhäufung bedingt, ist ein komplexer Tatbestand, der die Resultante aller vorausgegangenen psychischen Zustände ist. Er lässt sich als Stimmung, Aufmerksamkeit, Affektlage, Erwartung etc. charakterisieren. Die Introversion ist charakterisiert durch allgemeine Spannung, intensive Primärfunktion und entsprechend lange Sekundärfunktion. Die Extraversion ist charakterisiert durch allgemeine Entspannung, schwache Primärfunktion und entsprechend kurze Sekundärfunktion.