Man muss diese Worte aufmerksam lesen: mit dieser Kraft „beginnen die Wege Gottes“, nämlich Jahves, des jüdischen Gottes, der im Neuen Testament diese Form von sich abtut. Er ist dort nicht mehr Naturgott. Psychologisch will das heissen, dass diese rohe Triebseite der im Unbewussten aufgestauten Libido in der christlichen Einstellung dauernd unten gehalten wird; damit wird die eine Gotteshälfte verdrängt, resp. auf das Schuldkonto des Menschen geschrieben, und in letzter Linie der Domäne des Teufels zugewiesen. Daher, wenn die unbewusste Kraft anfängt, emporzuströmen, wenn „die Wege Gottes anfangen“, dann kommt der Gott in der Gestalt von Behemoth.[240] Man könnte ebenso gut sagen, dass der Gott sich dann in Teufelsgestalt präsentiere. Diese moralischen Bewertungen aber sind optische Täuschungen: die Kraft des Lebens ist jenseits des moralischen Urteils. Meister Eckehart sagt: „Sage ich also, Gott ist gut: es ist nicht wahr, ich bin gut, Gott ist nicht gut! Ich gehe noch weiter: ich bin besser als Gott! Denn nur was gut ist, kann besser, und nur was besser werden kann, kann das Beste werden. Gott ist nicht gut, darum kann er auch nicht besser, und weil nicht besser, auch nicht das Beste werden. Fernab von Gott liegen diese drei Bestimmungen „gut“, „besser“, „das Beste“. Er steht über allem dem.“[241]
Als nächste Wirkung des erlösenden Symbols ergibt sich die Vereinigung der Gegensatzpaare: so vereinigt sich das ideale Reich des Epimetheus mit dem Reiche Behemoths; d. h. das moralische Bewusstsein geht einen gefährlichen Bund ein mit den unbewussten Inhalten und der dazugehörigen, mit diesen Inhalten identischen Libido. Nun sind aber dem Epimetheus die Gotteskinder anvertraut, nämlich jene höchsten Güter der Menschlichkeit, ohne die ein Mensch nichts anderes ist als ein Tier. Durch die Vereinigung mit dem eigenen unbewussten Gegensatz tritt die Gefahr der Verödung, Verwüstung oder Überschwemmung ein, d. h. die Werte des Bewussten könnten an die energetischen Werte des Unbewussten verloren gehen. Wäre jenes Bild der natürlichen Schönheit und Sittlichkeit angenommen und bewahrt worden, und hätte es nicht bloss vermöge seiner schuldlosen Natürlichkeit als Anreiz für die schwüle Schmutzigkeit des Hintergrundes unserer „sittlichen“ Kultur gedient, dann wären die Gotteskinder trotz dem Bund mit Behemoth nicht gefährdet gewesen, denn Epimetheus hätte dann jederzeit unterscheiden können zwischen Wert und Unwert. Aber weil das Symbol unserer Einseitigkeit, unserer rationalistischen Differenziertheit und zugleich Verkrüppelung als unannehmbar erscheint, so fehlt jeder Masstab für Wert und Unwert. Wenn die Vereinigung der Gegensatzpaare dann als höheres Ereignis doch kommt, tritt notwendigerweise die Gefahr der Überschwemmung und Zerstörung ein, und zwar charakteristischer Weise dadurch, dass die gefährlichen Gegentendenzen unter dem Deckmantel der „richtigen Begriffe“ eingeschmuggelt werden. Man kann auch das Böse und Verderbliche rationalisieren und ästhetisieren. So werden die Gotteskinder dem Behemoth eines nach dem andern ausgeliefert, d. h. die bewussten Werte werden gegen reine Triebmässigkeit und Verblödung eingetauscht. Die vorher unbewussten rohen und barbarischen Tendenzen verschlingen die bewussten Werte, daher Behemoth und Leviathan einen unsichtbaren Walfisch (unbewusst) als Symbol ihres Prinzipes aufstellen, während das entsprechende Symbol des epimetheischen Reiches der Vogel ist. Der Walfisch, als Bewohner des Meeres, ist allgemein das Symbol des verschlingenden Unbewussten.[242] Der Vogel, als Bewohner des hellen Luftreiches, ist ein Symbol des bewussten Gedankens, oder sogar des Ideals (Flügel!) und des heiligen Geistes.
Der endgültige Untergang des Guten wird verhindert durch Prometheus’ Dazwischentreten. Er befreit das letzte Gotteskind, den Messias, aus der Gewalt seiner Feinde. Messias wird der Erbe des Gottesreiches, während Prometheus und Epimetheus, die Personifikationen der getrennten Gegensätze, vereint sich in ihr „heimatliches Tal“ zurückziehen. Beide sind der Herrschaft ledig, Epimetheus, weil er verzichten musste, Prometheus, weil er gar nicht darnach strebte. Psychologisch ausgedrückt heisst es: die Introversion und Extraversion hören auf, als einseitige Richtlinien zu dominieren, dadurch hört auch die Dissociation der Psyche auf. An ihre Stelle tritt eine neue Funktion, symbolisch dargestellt durch ein Kind, genannt Messias, das lange schlafend lag. Der Messias ist der Mittler, das Symbol einer neuen, die Gegensätze vereinigenden Einstellung. Er ist ein Kind, ein Knabe, nach dem alten Vorbild des „puer aeternus“, durch seine Jugend die Wiedergeburt und die Wiederbringung des Verlorenen (Apokatastasis) andeutend. Was Pandora als Bild zur Erde brachte, was von den Menschen verworfen wurde und ihnen zum Unheil gereichte, erfüllt sich im Messias. Dieser Symbolzusammenhang entspricht einer häufigen Erfahrung in der Praxis der analytischen Psychologie: Wenn in den Träumen ein Symbol auftritt, so wird es aus all den oben weitläufig angegebenen Gründen verworfen, und es bewirkt sogar eine Gegenreaktion, welche der Invasion Behemoths entspricht. Aus diesem Konflikt ergibt sich eine Vereinfachung der Persönlichkeit auf die seit Anfang des Lebens vorhandenen individuellen Grundzüge, welche den Zusammenhang der gereiften Persönlichkeit mit den Energiequellen der Kindheit gewährleisten. Wie Spitteler zeigt, besteht die grosse Gefahr bei diesem Übergang darin, dass statt des Symboles die dadurch erregten archaïschen Triebe rationalistisch aufgenommen und in den hergebrachten Anschauungsformen untergebracht werden.
Der englische Mystiker, W. Blake[243] sagt: „Es gibt zwei Klassen von Menschen: die Fruchtbaren[244] und die Verschlingenden.[245] Religion ist ein Bestreben, die beiden zu vereinigen.“[246] Mit diesem Wort Blakes, das in so einfacher Weise Spittelers grundliegende Ideen und meine Ausführungen dazu zusammenfasst, möchte ich dieses Kapitel beschliessen. Wenn ich ihm eine ungewöhnliche Ausdehnung gegeben habe, so geschah es, wie bei der Erörterung der Schillerschen Briefe, um dem Reichtum an Gedanken und Anregungen, den uns Spittelers „Prometheus und Epimetheus“ bietet, gerecht zu werden. Ich habe mich soviel wie möglich auf das Wesentliche beschränkt, indem ich vorsätzlich eine ganze Reihe von Problemen, die eine vollständige Bearbeitung dieses Stückes behandeln müsste, übergangen habe.
VI
Das Typenproblem in der Psychiatrie.
VI.
Das Typenproblem in der Psychiatrie.
Wir gelangen nunmehr zu dem Versuch eines Psychiaters, zwei Typen herauszuheben aus der verwirrenden Mannigfaltigkeit der sog. psychopathischen Minderwertigkeiten. Diese ungemein umfangreiche Gruppe vereinigt alle psychopathischen Grenzzustände, die nicht mehr dem Gebiete der eigentlichen Psychosen zuzurechnen sind, also alle Neurosen und alle Degenerationszustände, wie intellektuelle, moralische, affektive, und sonstige psychische Minderwertigkeiten. Dieser Versuch stammt von Otto Gross, der unter dem Titel: „Die zerebrale Sekundärfunktion“, 1902 eine theoretische Studie veröffentlichte, deren Grundhypothese ihn zur Aufstellung von zwei psychologischen Typen veranlasst hat.[247] Obschon das ihn beschäftigende empirische Material dem Gebiete der psychischen Minderwertigkeit entnommen ist, so hindert doch nichts, die dort gewonnenen Gesichtspunkte auch auf das weitere Gebiet der normalen Psychologie zu übertragen, indem nämlich der unbalancierte seelische Zustand dem Forscher nur eine besonders günstige Gelegenheit gewährt, gewisse psychische Phänomene in fast übertriebener Deutlichkeit zu sehen, Phänomene, die innerhalb der normalen Grenzen oft nur undeutlich wahrzunehmen sind. Der abnorme Zustand wirkt gelegentlich wie ein Vergrösserungsglas. Gross selber dehnt in seinem Schlusskapitel seine Folgerungen auch auf weitere Gebiete aus, wie wir unten sehen werden.
Gross versteht unter der „Sekundärfunktion“ einen zerebralen Zellvorgang, der nach stattgehabter „Primärfunktion“ einsetzt. Die Primärfunktion entspräche der eigentlichen Leistung der Zelle, nämlich der Erzeugung eines positiven psychischen Vorganges, sagen wir, einer Vorstellung. Die Leistung entspricht einem energetischen Vorgange, nämlich vermutlich der Auslösung einer chemischen Spannung, d. h. einem chemischen Zerfall. Nach dieser akuten Entladung, welche Gross als Primärfunktion bezeichnet, setzt die Sekundärfunktion ein, d. h. eine Restitution, ein Wiederaufbau durch Ernährung. Diese Funktion wird je nach der Intensität des vorausgegangenen Aufwandes an Energie kürzere oder längere Zeit in Anspruch nehmen. Die Zelle ist während dieser Zeit in einem gegenüber vorher veränderten Zustand, in einer Art Reizzustand, der den weitern psychischen Ablauf nicht unbeeinflusst lassen kann. Namentlich hochbetonte, affektvolle Vorgänge dürften einen besondern Energieaufwand, und daher eine besonders verlängerte Restitutionsperiode oder Sekundärfunktion bedeuten. Die Wirkung der Sekundärfunktion auf den psychischen Ablauf denkt sich Gross als eine nachweisbare spezifische Beeinflussung des nachfolgenden Associationsverlaufes, und zwar im Sinne einer Einschränkung der Associationsauswahl auf das in der Primärfunktion dargestellte „Thema“, der sog. „Hauptvorstellung“. Tatsächlich habe ich etwas später in meinen eigenen experimentellen Arbeiten — und ebenso mehrere meiner Schüler in entsprechenden Untersuchungen — auf die Perseverationsphänomene[248] nach hochbetonten Vorstellungen hinweisen können, Phänomene, die zahlenmässig nachzuweisen sind. Mein Schüler Eberschweiler hat in einer sprachlichen Untersuchung dieses selbe Phänomen in den Assonanzen und Agglutinationen nachgewiesen.[249] Aus der pathologischen Erfahrung weiss man überdies, wie häufig gerade bei schweren Gehirnläsionen wie Apoplexien, Tumoren, atrophischen und sonstigen Entartungszuständen die Perseverationen sind. Sie sind wohl eben dieser erschwerten Restitution zuzuschreiben. Die Gross’sche Hypothese hat daher viel Wahrscheinlichkeit für sich. Es ist nun ganz natürlich, die Frage aufzuwerfen, ob es nicht Individuen oder sogar Typen gibt, bei denen die Restitutionsperiode, die Sekundärfunktion, länger dauert als bei andern, und ob nicht daraus eventuell gewisse eigenartige Psychologien abzuleiten wären. Eine kurze Sekundärfunktion beeinflusst in einer gegebenen Zeitspanne weit weniger konsekutive Associationen, als eine lange. Die Primärfunktion kann daher im erstern Fall viel häufiger stattfinden. Das psychologische Bild dieses Falles zeigt daher die Eigentümlichkeit einer rasch immer wieder erneuten Bereitschaft der Aktion und der Reaktion, also eine Art von Ablenkbarkeit, eine Neigung zur Oberflächlichkeit der Verbindungen, ein Mangel an tiefern, geschlossenem Zusammenhängen, eine gewisse Inkohärenz, soweit Bedeutsamkeit des Zusammenhanges erwartet wird. Dagegen drängen sich in der Zeiteinheit viele neue Themata auf, ohne sich aber irgendwie zu vertiefen, sodass auch Heterogenes und Verschiedenwertiges à niveau auftritt, wodurch der Eindruck der sog. „Nivellierung der Vorstellungen“ (Wernicke) hervorgerufen wird. Dieses rasche Aufeinanderfolgen der Primärfunktionen schliesst eo ipso ein Erleben der Affektwerte der Vorstellungen aus, daher die Affektivität nicht anders als oberflächlich sein kann. Zugleich sind dadurch aber auch rasche Anpassungen und Einstellungsänderungen ermöglicht. Der eigentliche Denkvorgang, oder besser gesagt, die Abstraktion, leidet natürlich unter der Kürze der Sekundärfunktion, indem der Vorgang der Abstraktion ein länger andauerndes Verweilen von mehreren Ausgangsvorstellungen und deren Nachwirkungen verlangt, also eine längere Sekundärfunktion. Ohne sie kann keine Vertiefung und Abstraktion einer Vorstellung — oder Vorstellungsgruppe — erfolgen. Die schnellere Wiederherstellung der Primärfunktion bedingt eine höhere Reagibilität, allerdings nicht in intensivem, sondern in extensivem Sinne, daher eine prompte Auffassung der unmittelbaren Gegenwart, aber nur ihrer Oberfläche und nicht ihrer tiefern Bedeutung nach. Dieser Umstand erweckt den Eindruck der Kritiklosigkeit oder je nachdem auch den der Vorurteilslosigkeit, des Entgegenkommens und Verstehens oder gegebenenfalls auch den Eindruck der unverständlichen Rücksichtslosigkeit, der Taktlosigkeit oder gar der Gewalttätigkeit. Das zu rasche Hinweggleiten über tiefere Bedeutungen veranlasst den Eindruck einer gewissen Blindheit für alle nicht an der äussersten Oberfläche liegenden Dinge. Die rasche Reagibilität erscheint auch als sog. Geistesgegenwart, Verwegenheit bis Tollkühnheit, die ihre Voraussetzung in der Kritiklosigkeit, im Nichtrealisieren der Gefahr hat. Die Raschheit der Aktion täuscht Entschlossenheit vor, ist aber mehr blinder Impuls. Der Eingriff in fremdes Gebiet erscheint als selbstverständlich und ist erleichtert durch die Unkenntnis des Affektwertes der Vorstellung, der Handlung und ihrer Wirkung auf den Mitmenschen. Durch die rasch wieder erneute Bereitschaft wird die Verarbeitung der Wahrnehmungen und Erfahrungen gestört, sodass das Gedächtnis in der Regel erheblich leidet, denn meistens können nur diejenigen Associationen leicht reproduziert werden, die massenhafte Verbindungen eingegangen sind. Relativ isolierte Inhalte versinken rasch, daher es unendlich viel schwerer ist eine Reihe von sinnlosen (inkohärenten) Worten sich zu merken, als ein Gedicht. Rasche Entflammbarkeit, Enthusiasmus, der bald erlöscht, sind weitere Charakteristika, ebenso gewisse Geschmacklosigkeiten, die durch die allzu rasche Aufeinanderfolge heterogener Inhalte und durch Nichtrealisierung ihrer zu differenten Affektwerte entstehen. Das Denken hat repräsentativen Charakter, also mehr die Art des Vorstellens und des Aneinanderreihens von Inhalten, als den der Abstraktion und Synthese. Ich bin bei dieser Schilderung des Typus mit kurzer Sekundärfunktion im wesentlichen Gross gefolgt unter Beifügung einiger Transskriptionen ins Normale. Gross nennt nämlich diesen Typus: Minderwertigkeit mit verflachtem Bewusstsein. Wenn wir aber die allzu krassen Züge bis zum Normalen abmildern, so erhalten wir ein Gesamtbild, in welchem der Leser unschwer den „less emotional type“ Jordans wieder erkennt, also den Extravertierten. Gross gebührt daher das nicht unbeträchtliche Verdienst, der Erste zu sein, der eine einheitliche und einfache Hypothese für das Zustandekommen dieses Typus aufgestellt hat.
Den entgegengesetzten Typus bezeichnet Gross als Minderwertigkeit mit verengtem Bewusstsein. Die Sekundärfunktion dieses Typus ist besonders intensiv und verlängert. Durch ihre Verlängerung wird die konsekutive Association in höherm Masse beeinflusst als beim oben erwähnten Typus. Es liegt nahe, in diesem Falle auch eine verstärkte Primärfunktion anzunehmen, also eine umfangreichere und völligere Leistung der Zelle als beim Extravertierten. Die verlängerte und verstärkte Sekundärfunktion wäre die natürliche Folge davon. Die verlängerte Sekundärfunktion bewirkt ein längeres Haftenbleiben der von der Ausgangsvorstellung angeregten Wirkung. Dadurch entsteht ein Effekt, den Gross als „Kontraktivwirkung“ bezeichnet, nämlich eine besonders (im Sinne der Ausgangsvorstellung) gerichtete Auswahl der konsekutiven Associationen. Dadurch wird eine umfangreiche Realisierung oder Vertiefung des „Themas“ erzielt. Die Vorstellung wirkt nachhaltig, der Eindruck geht tief. Eine ungünstige Folge ist die Einschränkung auf ein engeres Gebiet, worunter die Mannigfaltigkeit und der Reichtum des Denkens leiden. Jedoch wird die Synthese wesentlich unterstützt, da die zusammenzusetzenden Elemente lange genug konstelliert bleiben, um ihre Abstraktion zu ermöglichen. Des weitern bewirkt die Einengung auf ein Thema zwar eine Anreicherung an zugehörigen Associationen und eine feste innere Verknüpfung und Geschlossenheit eines Vorstellungskomplexes, aber zugleich auch wird dieser Komplex gegen alles Nichtzugehörige abgeschlossen und gerät dadurch in eine associative Isolierung, welches Phänomen Gross (in Anlehnung an Wernickes Begriff) als „Sejunktion“ bezeichnet. Eine Folge der Sejunktion der Komplexe ist die Anhäufung von Vorstellungsgruppen (oder Komplexen), die unter sich in keinem oder einem nur lockern Zusammenhang stehen. Nach aussen zeigt sich dieser Zustand als eine disharmonische, oder, wie Gross sie nennt, eine sejunktive Persönlichkeit. Die isolierten Komplexe bestehen zunächst ohne gegenseitige Einwirkung nebeneinander, infolgedessen sie sich auch nicht gegenseitig ausgleichend und korrigierend durchdringen. Sie sind zwar in sich selbst streng und logisch geschlossen, aber entbehren des korrigierenden Einflusses andersgerichteter Komplexe. Es kann daher leicht vorkommen, dass ein besonders starker und daher auch besonders abgeschlossener und unbeeinflussbarer Komplex sich zur „überwertigen Idee“ erhebt, d. h. zu einer Dominante wird, welche jeder Kritik trotzt und völliger Autonomie geniesst, sodass sie sich zur allbeherrschenden Grösse, zum „spleen“ aufschwingt.[250] In krankhaften Fällen wird sie zur Zwangsidee oder zur paranoischen Idee, d. h. zu einer absolut unerschütterlichen Grösse, welche das ganze Leben des Individuums in ihren Dienst zwingt. Dadurch wird die ganze Mentalität anders orientiert, der Standpunkt wird „verrückt“. Aus dieser Auffassung der Entstehung einer paranoischen Idee könnte auch die Tatsache erklärt werden, dass in gewissen Anfangszuständen durch geeignete psychotherapeutische Prozeduren die paranoische Idee auch korrigiert werden kann, nämlich dann, wenn es gelingt, sie mit andern erweiternden und daher korrigierenden Vorstellungskomplexen zu verbinden.[251] Es besteht auch eine unzweifelhafte Behutsamkeit, ja sogar Ängstlichkeit hinsichtlich der Associierung getrennter Komplexe. Die Dinge müssen reinlich gesondert bleiben, die Brücken zwischen den Komplexen werden sozusagen möglichst abgebrochen durch rigorose und rigide Formulierung des Komplexinhaltes. Gross nennt diese Tendenz „Associationsangst“. (Psychopath. Minderw. p. 40.) Die strenge innere Geschlossenheit eines solchen Komplexes erschwert jeden Beeinflussungsversuch von aussen. Ein solcher Versuch hat nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn es ihm gelingt, entweder die Prämisse oder den Schluss des Komplexes ebenso streng und logisch, wie sie unter sich verbunden sind, an einen andern Komplex anzuschliessen. Die Anhäufung von ungenügend verbundenen Komplexen bewirkt natürlich eine starke Abschliessung nach aussen und, wie wir sagen würden, eine starke Aufstauung der Libido innen. Daher findet man regelmässig eine ausserordentliche Konzentration auf innere Vorgänge, je nach der Art des Menschen entweder auf physische Sensationen bei einem mehr empfindungsmässig Orientierten oder auf geistige Vorgänge bei einem mehr Intellektuellen. Die Persönlichkeit erscheint gehemmt, absorbiert oder zerstreut, „in Gedanken versunken“ oder intellektuell einseitig oder hypochondrisch. Auf jeden Fall findet sich eine geringe Anteilnahme am äussern Leben und eine deutliche Neigung zu Menschenscheu und Einsamkeit, die sich oft durch eine besondere Liebe zu Tieren oder Pflanzen compensiert. Dafür sind die innern Vorgänge umso reger, weil von Zeit zu Zeit bisher wenig oder gar nicht verbundene Komplexe plötzlich „zusammenstossen“ und dadurch wieder Anlass geben zu einer intensiven Primärfunktion, die eine lange, zwei Komplexe amalgamierende Sekundärfunktion auslöst. Man könnte meinen, dass auf diese Weise einmal alle Komplexe zusammenstossen und dadurch eine allgemeine Einheitlichkeit und Geschlossenheit der psychischen Inhalte erzeugen könnten. Diese heilsame Folge würde natürlich nur dann eintreten, wenn man unterdessen den Wechsel des äussern Lebens stillstellen könnte. Weil dies aber nicht möglich ist, so treffen doch immer wieder neue Reize ein, die Sekundärfunktionen erzeugen, welche die innern Linien durchkreuzen und verwirren. Dementsprechend hat dieser Typus die ausgesprochene Tendenz, äussere Reize fernzuhalten, dem Wechsel aus dem Wege zu gehen, das Leben in seinem konstanten Flusse womöglich anzuhalten, bis er alle innern Amalgamierungen vollzogen hat. Wenn es sich um einen Kranken handelt, so wird er diese Tendenz auch deutlich zeigen, er wird sich möglichst von allem zurückziehen und ein Einsiedlerleben zu führen suchen. Er wird aber nur in leichten Fällen auf diese Weise seine Heilung finden. In allen schwereren Fällen bleibt nichts anderes übrig, als die Intensität der Primärfunktion herabzusetzen, welche Frage allerdings ein Kapitel für sich ist, das wir aber doch schon in der Besprechung der Schillerschen Briefe gestreift haben. Es ist ohne weiteres klar, dass dieser Typus durch ganz besondere Affektphänomene ausgezeichnet ist. Wie wir sahen, realisiert dieser Typus die der Ausgangsvorstellung zugehörigen Associationen. Er associiert das dem Thema zugehörige Material in vollem Masse, d. h. insofern es sich nicht um bereits an andere Komplexe gebundene Materialien handelt. Trifft ein Reiz auf solches Material, d. h. auf einen Komplex, so entsteht entweder eine gewaltige Reaktion, eine affektvolle Explosion oder gar nichts, wenn die Abgeschlossenheit des Komplexes nichts hereinlässt. Wenn die Realisierung aber stattfindet, so werden alle Affektwerte ausgelöst; es findet eine starke affektive Reaktion statt, welche eine lange Nachwirkung hinterlässt, die sehr häufig aussen unbemerkt bleibt, sich aber dafür innen umso tiefer einbohrt. Die Nachschwingungen des Affektes erfüllen das Individuum und machen es unfähig, neue Reize aufzunehmen, bis der Affekt verklungen ist. Eine Häufung von Reizen wird unerträglich, weshalb dann heftige Abwehrreaktionen eintreten. Bei starker Komplexanhäufung entsteht überhaupt eine chronische Abwehreinstellung, die sich zu Misstrauen, ja sogar bis zu Verfolgungswahn in pathologischen Fällen steigern kann. Die plötzlichen Explosionen, abwechselnd mit Schweigsamkeit und Abwehr, können der Persönlichkeit einen bizarren Anstrich geben, sodass solche Menschen ihrer Umwelt zum Rätsel werden. Die wegen innerer Inanspruchnahme verminderte Bereitschaft bewirkt Mangel an Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit. Dadurch entstehen öfters verlegene Situationen, in denen man sich nicht zu helfen weiss — wiederum ein Grund mehr, sich von der Gesellschaft zurückzuziehen. Durch gelegentliche Explosionen wird zudem Verwirrung gestiftet in den Beziehungen zu andern, und wegen der Verlegenheit und Ratlosigkeit fühlt man sich ausser Stande, die Beziehungen wieder ins richtige Geleise zu bringen. Diese Schwerfälligkeit der Anpassung führt zu einer Reihe schlechter Erfahrungen, die unfehlbar ein Gefühl der Minderwertigkeit oder Bitterkeit erzeugen, wenn nicht gar Erbitterung, die sich dann gerne gegen diejenigen richtet, die die wirklichen oder vermeintlichen Urheber des Unglückes waren. Das affektive Innenleben ist sehr intensiv, und wegen der vielen nachklingenden Affekte ergibt sich auch eine äusserst feine Abstufung der Töne und ihrer Wahrnehmung, also eine besondere emotionale Sensitivität, die sich auch nach aussen verrät durch eine besondere Scheu und Ängstlichkeit vor emotionalen Reizen oder allen Situationen, wo solche Eindrücke möglich wären. Die Empfindlichkeit richtet sich namentlich gegen emotionale Zustände der Umgebung. Brüske Meinungsäusserungen, affektvolle Behauptungen, Gefühlsbeeinflussungen und dergl. werden daher von vornherein abgewehrt — und zwar aus Angst vor der eigenen Emotion, die wieder einen nachhallenden Eindruck auslösen könnte, dessen man nicht Herr zu werden fürchtet. Aus dieser Sensitivität entsteht mit der Zeit leicht eine gewisse Schwermut, die auf dem Gefühl beruht, vom Leben ausgeschlossen zu sein. An anderer Stelle[252] hält Gross dafür, dass „Tiefsinn“ ein besonderes Charakteristikum dieses Typus sei. An derselben Stelle wird auch hervorgehoben, dass die Realisierung des Affektwertes leicht zur affektiven Überschätzung führe, zum „Zuwichtig-nehmen“. Das starke Hervortreten der Innenvorgänge und des Emotionalen in diesem Bilde lässt leicht den Introvertierten erkennen. Die Beschreibung, die Gross gibt, ist weit vollständiger als die Jordansche des „impassioned type“, der aber in seinen Hauptzügen mit dem von Gross geschilderten Typus identisch sein dürfte.