Dem Gewissen war das neue Symbol offenbar höchst unsympathisch, weshalb der König den Bauern riet, das Kleinod zu den Priestern zu tragen. „Als kaum der Hiphil-Hophal (der Oberpriester) schauete des Bildes Angesicht, da fing er an sich zu entsetzen und zu ekeln, schrie und rief, indem er seine Arme schützend kreuzte über seiner Stirne:
„Hinweg mit diesem Hohn, denn etwas Widergöttliches beruht in ihm und fleischlich ist sein Herz und Frechheit blickt aus seinen Augen.“
Darauf brachten die Bauern das Kleinod zur Akademie: Die Lehrer der hohen Schule aber fanden, dass dem Bilde „Gefühl und Seele“ fehle, „überdies der Ernst, und auch zu allermeist der leitende Gedanke.“
Der Goldschmied schliesslich fand das Kleinod unecht und von gemeinem Stoff. Auf dem Markt, wo die Bauern das Bild los werden wollten, kam die Markt-Polizei dazu. Die Hüter des Rechtes riefen beim Anblick des Bildes: „Wohnt auch ein Herz in eurem Leib und ruhet auch in eurer Seele ein Gewissen, dass ihr solches wagt und leget also öffentlich vor Aller Augen diese blosse, unverschämte, geile Nacktheit? —
Und nun so hebt euch eilig weg! und wehe über euch, wofern durch einen Zufall ihr beschmutzt mit diesem Anblick unsere reinen Kinder samt den weissen Weibern. —“
Das Symbol ist vom Dichter gekennzeichnet als fremd, sittenlos, ungesetzlich, der moralischen Empfindung zuwider, dem Gefühl und unserer Vorstellung des Seelischen widerstreitend, ebenso unserm Begriffe des Göttlichen, es spricht zur Sinnlichkeit, ist schamlos und geeignet, die öffentliche Sittlichkeit in hohem Masse durch Erregung sexueller Phantasien zu gefährden. Diese Attribute bestimmen also eine Wesenheit, welche besonders mit unsern moralischen Werten sich im Widerspruch befindet, in zweiter Linie auch mit dem ästhetischen Werturteil, indem die höhern Gefühlswerte daran mangeln, und die Abwesenheit des „leitenden Gedankens“ auch auf eine Irrationalität seines gedanklichen Inhaltes deutet. Das Verdikt „widergöttlich“ liesse sich wohl auch mit „antichristlich“ wiedergeben, indem diese Geschichte weder im fernen Altertum noch in China lokalisiert ist. Dieses Symbol ist also gemäss allen Attributen ein Vertreter der minderwertigen Funktion, also der nicht anerkannten psychischen Inhalte. Das Bild stellt offenbar — obschon dies nirgends gesagt ist — eine nackte menschliche Gestalt dar — „lebende Gestalt“.
Diese Gestalt drückt die völlige Freiheit aus, so zu sein, wie man ist, zugleich auch die Pflicht, so zu sein, wie man ist; sie bedeutet demnach die höchste Möglichkeit ästhetischer wie sittlicher Schönheit, aber von Natur wegen und nicht in künstlich hergerichteter Idealform, den Menschen, wie er sein könnte. Ein solches Bild, dem Menschen, wie er gegenwärtig ist, vor Augen gestellt, kann gar nichts anderes als das in ihm auslösen, was schlummernd gebunden lag, und nicht mitlebte. Sollte der Zufall es wollen, dass er erst zur Hälfte zivilisiert, zur andern Hälfte aber noch ein Barbar ist, so wird durch solchen Anblick alle Barbarei in ihm aufgeweckt. Der Hass des Menschen konzentriert sich immer auf das Etwas, das ihm seine schlechten Eigenschaften zum Bewusstsein bringt. Daher das Schicksal des Kleinods mit dem Augenblick seines Erscheinens in der Welt auch besiegelt war. Der stumme Hirtenknabe, der es zuerst fand, wird von den wütenden Bauern halbtot geprügelt, dann „schmettern“ die Bauern das Kleinod auf die Strasse. Damit hat das Erlösersymbol seine kurze aber typische Laufbahn geendet. Die Anlehnung an den christlichen Passionsgedanken ist unverkennbar. Die Erlösernatur des Kleinodes erhellt auch daraus, dass es bloss alle Tausend Jahre einmal erscheint; es ist ein seltenes Ereignis, dieses „Blühen des Schatzes“ und Erscheinen eines Heilandes, eines Saoshyant, eines Buddha.
Das Ende der Laufbahn des Kleinodes ist geheimnisvoll: es fällt in die Hand eines wandernden Juden. „Nicht wars ein Jude dieser Welt und über alle Massen fremd erschien uns seine Kleidung.“[235] Dieser besondere Jude kann nur Ahasver sein, der den wirklichen Erlöser nicht annahm und sich hier ein Erlöserbild sozusagen stiehlt. Die Ahasversage ist eine späte christliche Sage, die als solche nicht früher als Anfangs des XVII. Jahrhunderts zurückzudatieren ist.[236] Sie geht psychologisch hervor aus einem Libidobetrag oder Persönlichkeitsteil, der in der christlichen Einstellung zu Leben und Welt keine Verwendung findet und deshalb verdrängt wird. Für diesen Teil waren die Juden von jeher Symbol, daher der mittelalterliche Verfolgungswahnsinn gegenüber den Juden. Die Idee des Ritualmordes enthält den Gedanken der Verwerfung des Erlösers in verschärfter Form, denn man sieht den Splitter im eigenen Auge als Balken im Auge des Bruders. Der Ritualmordgedanke spielt auch bei Spitteler an, indem der Jude das vom Himmel geschenkte Wunderkind stiehlt. Dieser Gedanke ist eine mythologische Projektion der unbewussten Wahrnehmung, dass die Erlösungswirkung immer wieder vereitelt wird durch die Gegenwart eines unerlösten Stückes im Unbewussten. Dieses unerlöste, nicht domestizierte, unerzogene oder barbarische Stück, das man nur an der Kette halten und noch nicht frei laufen lassen kann, wird projiziert auf die, die das Christentum nicht angenommen haben, während es in Wirklichkeit ein Stück in uns ist, das bis jetzt den christlichen Domestikationsprozess nicht durchlaufen hat. Es besteht eine unbewusste Wahrnehmung dieses widerstrebenden Stückes, dessen Existenz man verleugnen möchte — daher die Projektion. Die Ruhelosigkeit ist ein concreter Ausdruck der Unerlöstheit. Das unerlöste Stück reisst das neue Licht, die Energie des neuen Symboles sofort an sich. Damit ist in anderer Weise dasselbe ausgedrückt, was wir schon oben andeuteten, als wir von der Wirkung des Symbols auf die allgemeine Psyche sprachen: das Symbol reizt alle verdrängten und nicht anerkannten Inhalte, wie z. B. bei den „Hütern des Marktes“; ebenso beim Hiphil-Hophal, der gemäss seinem unbewussten Widerstand gegen seine eigene Religion die Widergöttlichkeit und Fleischlichkeit des neuen Symbols sofort hervorhebt und verstärkt. Der Affekt der Ablehnung entspricht dem Betrage der verdrängten Libido. Mit der moralischen Umwandlung des reinen Himmelsgeschenkes in die schwülen Phantasiegespinnste dieser Köpfe ist der Ritualmord vollzogen. Das Erscheinen des Symbols aber hat trotzdem gewirkt. Zwar wurde es in seiner reinen Gestalt nicht angenommen, sondern es wurde von den archaïschen und undifferenzierten Mächten verschlungen, wobei die bewusste Moralität und Ästhetik noch kräftig mithalfen. Damit beginnt die Enantiodromie, die Wandlung von bisherigem Wert in Unwert, von bisher Gutem in Böses.
Das Reich der Guten, dessen König Epimetheus ist, lag seit Alters in Feindschaft mit dem Reich Behemoths. Der Behemoth und der Leviathan[237] sind die zwei aus dem Buche Hiob bekannten Ungetüme Gottes, die symbolischen Ausdrücke seiner Macht und Kraft. Als rohe tierische Symbole bezeichnen sie psychologisch verwandte Kräfte der menschlichen Natur.[238] Darum sagt Jahve: „Siehe da den Behemoth, den ich neben dir gemacht habe. —
Siehe, seine Kraft ist in seinen Lenden, und sein Vermögen in den Sehnen seines Bauches. Sein Schwanz strecket sich wie eine Zeder, und die Sehnen seiner Schenkel sind dicht geflochten[239]: Er ist der Anfang der Wege Gottes.“