Es klingt, wie wenn die Nähe Gottes eine Gefahr wäre, d. h. wie wenn die Konzentration der Libido im Unbewussten eine Gefahr wäre für das bewusste Leben. Dem ist nun tatsächlich so: je mehr die Libido im Unbewussten investiert wird oder, besser gesagt, sich investiert, desto höher steigt der Einfluss, die Wirkungsmöglichkeit des Unbewussten, d. h. alle verworfenen, abgelegten, überlebten, ja seit Generationen gänzlich verlorenen Funktionsmöglichkeiten beleben sich und beginnen einen wachsenden Einfluss auf das Bewusstsein auszuüben, trotz oft verzweifelter Gegenwehr der bewussten Einsicht. Das Rettende ist das Symbol, welches Bewusstes und Unbewusstes in sich fassen und vereinigen kann. Während die dem Bewusstsein disponible Libido in der differenzierten Funktion sich allmählich erschöpft und sich immer langsamer und schwieriger ergänzen lässt, und während die Symptome des Uneinssein mit sich selber sich häufen, wächst die Gefahr einer Überschwemmung und Zerstörung durch unbewusste Inhalte, zugleich aber wächst auch das Symbol, das berufen ist, den Konflikt zu lösen. Das Symbol aber ist auf’s allerinnigste verbunden mit dem Gefährlichen und Bedrohenden, sodass es mit ihm entweder verwechselt werden kann, oder dass es bei seinem Erscheinen eben gerade das Böse und Zerstörende hervorruft. Jedenfalls ist die Erscheinung des Erlösenden aufs innigste mit Zerstörung und Verwüstung verknüpft. Wenn das Alte nicht reif wäre zum Tode, so würde nichts Neues erscheinen, und das Alte könnte und brauchte nicht ausgerottet zu werden, wenn es dem Neuen nicht schädlicherweise den Platz versperrte. Dieser natürliche psychologische Zusammenhang der Gegensätze findet sich bei Jesaia 7, 16 ff. 7, 14 heisst es, dass eine Jungfrau einen Sohn gebären wird, den sie Immanuel heissen wird. Immanuel heisst bezeichnenderweise „Gott mit uns“, d. h. Vereinigung mit der latenten Dynamis des Unbewussten, die im lösenden Symbol gewährleistet ist. Was aber diese Vereinigung zunächst bedeuten will, zeigen die unmittelbar folgenden Verse:
„Denn ehe der Knabe lernet Böses verwerfen und Gutes erwählen, wird das Land verödet sein, vor dessen zween Königen dir grauet.“
8, 1: „Und der Herr sprach zu mir: Nimm vor dich eine grosse Tafel und schreib darauf mit Menschengriffel: Raubebald, Eilebeute.“
8, 3: „Und ich ging zu der Prophetin, die ward schwanger und gebar einen Sohn. Und der Herr sprach zu mir: nenne ihn Raubebald, Eilebeute.
Denn ehe der Knabe rufen kann: Lieber Vater, liebe Mutter! soll die Macht von Damaskus und die Ausbeute Samarias weggenommen werden durch den König zu Assyrien.“
8, 6: „Weil dies Volk verachtet das Wasser zu Siloah, das stille gehet —
Siehe, so wird der Herr über sie kommen lassen starke und viele Wasser des Stromes, nämlich den König zu Assyrien und alle seine Herrlichkeit, dass sie über alle ihre Bette fahren und über alle ihre Ufer gehen;
Und werden einreissen in Juda, und schwemmen und überherlaufen, bis dass sie an den Hals reichen; und werden ihre Flügel ausbreiten, dass sie dein Land, o Immanuel, füllen, so weit es ist.“
Ich habe schon in meinem Buch über „Wandlungen und Symbole der Libido“ darauf hingewiesen, dass die Gottesgeburt vom Drachen, von der Überschwemmungsgefahr, dem Kindsmord bedroht ist. Psychologisch heisst das: dass die latente Dynamis ausbrechen und das Bewusstsein überschwemmen kann. Diese Gefahr ist für Jesaia der fremde König, der ein feindliches, mächtiges Reich regiert. Für Jesaia ist das Problem natürlich nicht psychologisch, sondern wegen seiner völligen Projektion concret. Bei Spitteler dagegen ist das Problem schon sehr psychologisch, deshalb vom concreten Objekt abgelöst, und doch drückt es sich in ganz ähnlichen Formen aus wie bei Jesaia, obschon wir kaum eine bewusste Anlehnung vermuten dürfen. Die Geburt des Erlösers ist gleichbedeutend mit einer grossen Katastrophe, indem nämlich ein neues, mächtiges Leben da hervorbricht, wo man gar kein Leben und keine Kraft und keine Entwicklungsmöglichkeit vermutete. Es strömt hervor aus dem Unbewussten, d. h. aus demjenigen Teil der Psyche, der gewollt und ungewollt nicht gewusst und deshalb von allen Rationalisten als Nichts behandelt wird. Aus diesem Nichtgeglaubten und Verworfenen kommt der neue Kraftzuschuss, die Erneuerung des Lebens. Was heisst aber das Nichtgeglaubte und Verworfene? Es sind alle diejenigen psychischen Inhalte, die wegen ihrer Unverträglichkeit mit den bewussten Werten verdrängt wurden, also das Hässliche, Unmoralische, Unrichtige, Unzweckmässige, Untaugliche usw. D. h. alles, was dem betreffenden Individuum einmal so erschienen ist. Die Gefahr besteht nun darin, dass der Mensch, wegen der Gewalt, mit der diese Dinge wiedererscheinen, wegen ihres neuen und wunderbaren Glanzes dermassen davon weggerissen wird, dass er alle frühern Werte darüber verwirft oder vergisst. Was man früher verachtete, wird jetzt oberstes Prinzip, und was früher Wahrheit war, heisst jetzt Irrtum. Diese Umkehrung der Werte kommt einer Zerstörung der bisherigen Lebenswerte gleich, ist also gleich wie eine Verwüstung des Landes durch Überschwemmung.
So bringt bei Spitteler das Himmelsgeschenk der Pandora dem Lande und den Menschen Unheil. Wie der Büchse der Pandora in der klassischen Sage die Krankheiten entströmen, das Land überschwemmen und verheeren, so entsteht ein ähnliches Unheil durch das Kleinod. Um dies zu begreifen, müssen wir uns Rechenschaft geben über die Beschaffenheit dieses Symboles. Die ersten, die das Kleinod finden, sind die Bauern, wie die Hirten die ersten sind, die den Erlöser begrüssen. Sie drehen es hin und her in ihren Händen, „bis sie schliesslich ganz und gar verdummeten, gemäss der fremden, sittenlosen, ungesetzlichen Erscheinung.“ Als sie es vor den König brachten und dieser es zur Prüfung dem Gewissen zeigte, damit es ja oder nein dazu sage, da sprang es erschrocken vom Schrank auf den Boden, und versteckte sich unter das Bett „unmöglichen Vermutens“. Wie eine flüchtende Krabbe „giftig glotzend, feindlich sträubend die gewundnen Scheeren“ — „so schaute das Gewissen unterm Bett hervor und es geschah, je näher Epimetheus rückte das Gebild, je weiter zog das andere sich zurück mit widerwärtigen Gebärden. Und also schweigend hockt es da und auch kein einz’ges Wort und keine Silbe gab es laut, wie sehr der König immer bat und flehete und reizte mit verschiedenen Reden.“