2. Die charakteristischen Gegensatzpaare der James’schen Typen.

a) Das erste Gegensatzpaar, welches James als unterscheidendes Merkmal der Typen anführt, ist der Rationalismus versus Empirismus.

Ich habe, wie der Leser bemerkt haben wird, mich bereits im Vorigen zu diesem Gegensatz ausgesprochen und dabei den Gegensatz als Ideologismus versus Empirismus gefasst. Ich habe den Ausdruck „Rationalismus“ vermieden, weil das concrete, empirische Denken ebenso „rational“ ist, wie das aktive, ideologische Denken. Die ratio regiert beide Formen. Und zudem gibt es nicht nur einen logischen Rationalismus, sondern auch einen Gefühlsrationalismus, indem nämlich der Rationalismus überhaupt eine allgemeine psychologische Einstellung auf Vernünftigkeit des Denkens und Fühlens ist. Ich befinde mich mit dieser Auffassung des Begriffes „Rationalismus“ in einem bewussten Gegensatz zu der historisch-philosophischen Auffassung, welche „rationalistisch“ im Sinne von „ideologisch“ gebraucht, resp. Rationalismus als Primat der Idee auffasst. Bei den neuern Philosophen hat die ratio allerdings den rein ideellen Charakter abgestreift und wird gerne als ein Vermögen, Trieb, Wollen sogar als ein Gefühl, oder als eine Methode bezeichnet. Jedenfalls ist sie — psychologisch betrachtet — eine gewisse Einstellung, die, wie Lipps sagt, vom „Objektivitätsgefühl“ geleitet ist. Bei Baldwin[286] ist sie das „constitutive, regulative Prinzip des Geistes“. Herbart erklärt die Vernunft als „Vermögen der Überlegung“.[287] Schopenhauer sagt von der Vernunft, dass sie nur eine Funktion habe, nämlich „die Bildung des Begriffes; und aus dieser einzigen erklären sich sehr leicht und ganz und gar von selbst alle jene oben angeführten Erscheinungen, die das Leben des Menschen von dem des Tieres unterscheiden, und auf die Anwendung oder Nichtanwendung jener Funktion deutet schlechthin alles, was man überall und jederzeit vernünftig oder unvernünftig genannt hat“.[288] Die „oben angeführten Erscheinungen“ beziehen sich auf gewisse Äusserungen der Vernunft, die Schopenhauer beispielsweise zusammengestellt hat, nämlich „die Beherrschung der Affekte und Leidenschaften, die Fähigkeit, Schlüsse zu machen und allgemeine Prinzipien“, „das übereinstimmende Handeln mehrerer Individuen“, „die Zivilisation, der Staat; ferner die Wissenschaft, das Aufbewahren früherer Erfahrung“, etc. Wenn für Schopenhauer die Vernunft die Funktion der Begriffsbildung hat, so hat sie demnach den Charakter derjenigen Einstellung des psychischen Apparates, welche geeignet ist, durch Denktätigkeit Begriffe zu bilden. Ganz in diesem Sinne einer Einstellung fasst auch Jerusalem[289] die Vernunft auf, nämlich als eine Willensdisposition, die uns befähigt, bei unsern Entscheidungen vom Verstande Gebrauch zu machen und die Leidenschaften zu beherrschen.

Vernunft ist also die Fähigkeit, vernünftig zu sein, eine bestimmte Einstellung, welche ein Denken, Fühlen und Handeln gemäss objektiven Werten ermöglicht. Diese „objektiven“ Werte ergeben sich vom Standpunkt des Empirismus aus durch die Erfahrung, von dem des Ideologismus aus aber durch einen aktiven Bewertungsakt der Vernunft, welche dann in Kant’schem Sinne ein „Vermögen“ wäre, „nach Grundsätzen zu urteilen und zu handeln“. Denn die Vernunft ist bei Kant die Quelle der Idee, welche ein „Vernunftbegriff“ ist, „dessen Gegenstand gar nicht in der Erfahrung kann angetroffen werden“, und welche dasUrbild des Gebrauchs des Verstandes — als regulatives Prinzip zum Behuf des durchgängigen Zusammenhanges unseres empirischen Verstandesgebrauches“ enthält.[290] Diese Anschauung ist echt introvertiert. Ihr gegenüber steht die empiristische Anschauung Wundts, wonach die Vernunft zu den komplexen intellektuellen Funktionen gehört, welche mit ihren „Vorstufen, die ihnen die unerlässlichen sinnlichen Substrate liefern, in einen allgemeinen Ausdruck“ zusammengefasst werden. „Dass nun dieser Begriff des „Intellektuellen“ ein Überlebnis der Vermögenspsychologie ist, das womöglich noch mehr als die alten Begriffe Gedächtnis, Verstand, Phantasie usw. unter der Vermengung mit logischen Gesichtspunkten leidet, die ausserhalb der Psychologie liegen, und dass er umso unbestimmter und zugleich willkürlicher wird, je mannigfaltigere psychische Inhalte er umfasst, ist einleuchtend.“ „Gibt es für den Standpunkt der wissenschaftlichen Psychologie kein Gedächtnis, keinen Verstand und keine Phantasie, sondern eben nur gewisse elementare psychische Vorgänge und ihre Zusammenhänge, die man in ziemlich willkürlicher Unterscheidung unter jenen Namen zusammenfasst, so gibt es natürlich noch weniger eine „Intelligenz“ oder „intellektuelle Funktionen“ als einen einheitlichen, irgend einem fest abzugrenzenden Tatbestand entsprechenden Begriff. Dennoch bleiben gewisse Fälle, wo es nützlich ist, sich, wenn auch in einem durch die psychologische Betrachtungsweise veränderten Sinne, jener Begriffe aus dem alten Inventar der Vermögenspsychologie zu bedienen. Diese Fälle ergeben sich da, wo uns komplexe, aus sehr verschiedenen Bestandteilen gemischte Phänomene entgegentreten, die wegen der Regelmässigkeit ihrer Verbindung vor allem auch aus praktischen Gründen eine Berücksichtigung erheischen, oder wo uns das individuelle Bewusstsein bestimmte Richtungen der Anlage und Bildung darbietet, und wo nun die Regelmässigkeit der Verbindung wiederum zur Analyse solcher komplexer geistiger Anlagen herausfordert. In allen diesen Fällen ist es aber natürlich die Aufgabe der psychologischen Untersuchung, nicht bei den so gebildeten Generalbegriffen stehen zu bleiben, sondern sie womöglich auf ihre einfachen Faktoren zurückzuführen.[291] Diese Anschauung ist echt extravertiert. Ich habe die besonders charakteristischen Stellen durch Sperrdruck hervorgehoben. Während für den introvertierten Standpunkt die „Generalbegriffe“ wie Vernunft, Intellekt, etc. „Vermögen“, d. h. einfache Grundfunktionen sind, welche die Mannigfaltigkeit der von ihnen geleiteten psychischen Prozesse in einheitlichem Sinne zusammenfassen, so sind sie für den extravertierten, empiristischen Standpunkt nichts als sekundäre, abgeleitete Begriffe, Komplikationen der Elementarvorgänge, auf welch letztere von dieser Ansicht der Wertakzent verlegt wird. Wohl lassen sich, nach diesem Standpunkt, solche Begriffe nicht umgehen, aber man sollte sie im Prinzip immer auf „ihre einfachen Faktoren zurückführen.“ Es ist selbstverständlich, dass der empiristische Standpunkt gar nicht anders denken kann als reduktiv in Bezug auf allgemeine Begriffe, denn für ihn sind Begriffe immer nur aus Erfahrung Abgeleitetes. Er kennt überhaupt keine „Vernunftbegriffe“, Ideen a priori, weil sein Denken passiv apperceptiv auf die sinnlich bedingte Erfahrung eingestellt ist. Infolge dieser Einstellung ist immer das Objekt betont, es ist gewissermassen handelnd, und nötigt zu Erkenntnissen und komplizierten Vernunftschlüssen, und diese erfordern die Existenz allgemeiner Begriffe, die aber nur dazu dienen, gewisse Gruppen von Phänomenen unter einem Collektivum zu begreifen. So ist der Allgemeinbegriff natürlicherweise nichts als eine sekundäre Grösse, die eigentlich, ausser in der Sprache, nicht existiert. Die Wissenschaft kann daher der Vernunft, der Phantasie etc. kein Recht auf Sonderexistenz einräumen, insoferne sie der Ansicht ist, dass nur das wirklich existiere, was als sinnlich gegebene Tatsache, als „elementarer Faktor“ vorhanden ist. Wenn aber das Denken, wie es beim Introvertierten der Fall ist, aktiv apperceptiv eingestellt ist, so hat die Vernunft, der Intellekt, die Phantasie etc. den Wert einer Grundfunktion, eines Vermögens, d. h. eines Könnens oder Tuns von innen heraus, weil für diesen Standpunkt der Wertakzent auf dem Begriffe ruht und nicht auf den vom Begriffe gedeckten und zusammengefassten Elementarvorgängen. Dieses Denken ist von Hause aus synthetisch. Es ordnet nach dem Schema des Begriffes an und benützt den Erfahrungsstoff, um seine Ideen zu erfüllen. Der Begriff tritt als Aktivum auf und zwar aus eigener innerer Kraft, welche den Erfahrungsstoff gestaltend ergreift. Der Extravertierte vermutet als Quelle dieser Kraft einerseits blosse Willkür, andererseits vorschnelle Generalisierung beschränkter Erfahrungen. Der Introvertierte, der seiner eigenen Denkpsychologie unbewusst ist und vielleicht sogar den modegemässen Empirismus selber als Richtschnur adoptiert hat, verteidigt sich erfolglos gegen diesen Vorwurf. Der Vorwurf ist aber nichts anderes als eine Projektion der extravertierten Psychologie. Der aktive Denktypus bezieht nämlich die Energie seiner Denktätigkeit weder aus der Willkür noch aus der Erfahrung, sondern aus der Idee, d. h. aus der angebornen funktionellen Form, welche durch seine introvertierte Einstellung aktiviert ist. Diese Quelle ist ihm unbewusst, weil er die Idee wegen ihrer apriorischen Inhaltlosigkeit erst in der Gestaltung a posteriori erkennen kann, nämlich in der Form, welche der durch das Denken bearbeitete Erfahrungsstoff annimmt. Dem Extravertierten aber ist das Objekt und der Elementarvorgang darum wichtig und unerlässlich, weil er unbewusst die Idee in das Objekt projiziert hat und er nur durch die empirische Sammlung und Vergleichung zum Begriffe und damit zur Idee aufsteigen kann. Die beiden Denkrichtungen sind einander merkwürdig entgegengesetzt: Der Eine gestaltet aus seiner unbewussten Idee heraus den Stoff und gelangt so zur Erfahrung; der Andere lässt sich vom Stoffe, der seine unbewusste Ideenprojektion enthält, leiten und gelangt so zur Idee. Dieser Einstellungsgegensatz hat etwas Irritierendes an sich, und deshalb ist er es auch, der im Grunde genommen die hitzigsten und erfolglosesten wissenschaftlichen Diskussionen verursacht.

Ich hoffe, dass diese Auseinandersetzung meine Ansicht genügend belegt, dass die ratio und ihre einseitige Erhebung zum Prinzip, eben der Rationalismus, dem Empirismus ebenso sehr eignen, wie dem Ideologismus. Statt von Ideologismus zu sprechen, könnte ich auch das Wort „Idealismus“ anwenden. Dieser Verwendung steht aber sein Gegensatz zu „Materialismus“ entgegen, und ich könnte als Gegensatz zu „materialistisch“ nicht „ideologisch“ sagen, da der Materialist, wie die Geschichte der Philosophie zeigt, oft ebenso gut ein Ideolog sein kann, nämlich dann, wenn er kein Empiriker ist, sondern von der allgemeinen Idee der Materie aus aktiv denkt.

b) Das zweite Gegensatzpaar, das James aufstellt, ist Intellektualismus versus Sensualismus (Sensationalism).

Sensualismus ist der Ausdruck, der das Wesen des extremen Empirismus kennzeichnet. Er behauptet die Sinneserfahrung als einzige und ausschließliche Quelle der Erkenntnis. Die sensualistische Einstellung ist ganz nach dem durch die Sinne gegebenen Objekt orientiert, also nach aussen. Offenbar meint James einen intellektuellen und nicht einen ästhetischen Sensualismus, aber eben darum scheint „Intellektualismus“ nicht gerade der dazu passende Gegensatz zu sein. Psychologisch ist der Intellektualismus eine Einstellung, welche sich dadurch kennzeichnet, dass sie dem Intellekt den bedingenden Hauptwert gibt, also dem Erkennen auf der begrifflichen Stufe. Ich kann mit dieser Einstellung auch ein Sensualist sein, nämlich dann, wenn ich mein Denken mit concreten Begriffen beschäftige, die allesamt aus der sinnlichen Erfahrung stammen. Daher kann auch der Empiriker intellektuell sein. Philosophisch wird Intellektualismus etwa promiscuë mit Rationalismus gebraucht, daher man wiederum Ideologismus als den Gegensatz zu Sensualismus nennen müsste, insofern ja auch Sensualismus in seinem Wesen nur ein extremer Empirismus ist.

c) Das dritte James’sche Gegensatzpaar ist Idealismus versus Materialismus.

Man hätte schon beim Sensualismus die Vermutung hegen können, dass James damit nicht bloss einen gesteigerten Empirismus, d. h. also einen intellektuellen Sensualismus meint, sondern mit dem Ausdruck „sensationalistic“ vielleicht auch das eigentlich Empfindungsmässige abgesehen von allem Intellekt hervorheben wollte. Mit Empfindungsmässigem meine ich die eigentliche Sinnlichkeit, allerdings nicht in vulgärem Sinne als voluptas, sondern als eine psychologische Einstellung, bei welcher weniger das eingefühlte Objekt, als vielmehr die blosse Tatsache der Sinneserregung und -empfindung die orientierende und determinierende Grösse ist. Diese Einstellung kann auch als eine reflektorische bezeichnet werden, indem die ganze Mentalität von der Sinnesempfindung abhängt und auch in ihr gipfelt. Das Objekt wird weder abstrakt erkannt noch eingefühlt, sondern wirkt durch seine natürliche Existenzform, und das Subjekt orientiert sich ausschließlich an den durch den Kontakt mit dem Objekt erregten Sinnesempfindungen. Diese Einstellung entspräche einer primitiven Mentalität. Ihr zugehöriger Gegensatz ist die intuitive Einstellung, welche charakterisiert ist durch ein empfindungsmässiges Erfassen, welches weder intellektuell noch gefühlsmässig ist, sondern beides zugleich in ungesonderter Mischung. Wie das sinnliche Objekt in der Wahrnehmung erscheint, so erscheint auch der psychische Inhalt in der Intuition, also quasi illusionär oder halluzinatorisch.