Dass James den Tough-minded sowohl als „sensationalistic“ wie auch als „materialistic“ bezeichnet (und weiter unten noch als „irreligious“) lässt den Zweifel aufkommen, ob er wohl mit seiner Typisierung denselben Typengegensatz im Auge habe, wie ich. Materialismus wird vulgär ja stets verstanden als eine Einstellung, die sich nach „materiellen“ Werten orientiert, also als eine Art von moralischem Sensualismus. Die James’sche Charakterisierung ergäbe also ein sehr ungünstiges Gemälde, wenn wir diesen Ausdrücken ihre vulgäre Bedeutung unterschieben wollten. Dies läge gewiss nicht im Sinne von James, dessen oben zitierte Worte über die Typen ein Missverständnis nach dieser Richtung verhindern wollen. Man dürfte also nicht fehlgehen, wenn man annimmt, dass James hauptsächlich die philosophische Bedeutung der in Frage stehenden Ausdrücke im Auge hatte. Dann heisst Materialismus eine Einstellung, welche sich allerdings nach materiellen Werten orientiert, aber nicht nach „sinnlichen“, sondern nach Tatsachenwerten; wobei mit „Tatsache“ etwas Äusseres und sozusagen Stoffliches gemeint ist. Der Gegensatz dazu ist „Idealismus“, im philosophischen Sinne einer Hauptbewertung der Idee. Ein moralischer Idealismus kann damit nicht gemeint sein, sonst müssten wir auch, entgegen der Absicht von James, annehmen, dass mit Materialismus ein moralischer Sensualismus gemeint sei. Wenn wir also annehmen, dass er mit Materialismus eine Einstellung meint, die den orientierenden Hauptwert auf die reale Tatsächlichkeit legt, so gelangen wir wieder dazu, auch in diesem Attribut eine extravertierte Eigentümlichkeit aufzufinden, womit unsere anfänglichen Zweifel sich zerstreuen. Dass der philosophische Idealismus dem introvertierten Ideologismus entspricht, haben wir bereits gesehen. Ein moralischer Idealismus wäre aber keineswegs charakteristisch für den Introvertierten, denn auch der Materialist kann moralisch idealistisch sein.

d) Das vierte Gegensatzpaar ist Optimismus versus Pessimismus.

Ich hege grosse Zweifel, ob dieser bekannte Gegensatz, nach dem sich menschliche Temperamente unterscheiden lassen, ohne weiteres auf die James’schen Typen verwendet werden darf. Ist z. B. der Empirismus Darwins auch pessimistisch? Gewiss ist er es für einen, der eine ideologistische Weltanschauung hat und den andern Typus Mensch durch die Brille einer unbewussten Gefühlsprojektion sieht. Der Empiriker selber braucht aber deshalb keineswegs seine Ansicht als pessimistisch aufzufassen. Oder ist z. B. der Denker Schopenhauer, dessen Weltanschauung rein ideologistisch ist (genau wie der reine Ideologismus der Upanishads), der James’schen Typisierung entsprechend, etwa optimistisch? Kant selber, ein sehr reiner introvertierter Typus, steht jenseits von Optimismus und Pessimismus, so gut wie die grossen Empiriker. Es scheint mir daher, dass dieser Gegensatz auch mit den James’schen Typen nichts zu tun hat. So gut wie es optimistische Introvertierte gibt, gibt es auch optimistische Extravertierte und vice-versa. Es wäre aber sehr leicht möglich, dass James dieser Irrtum unterlaufen ist auf Grund der vorhin angedeuteten subjektiven Projektion. Eine materialistische oder rein empiristische oder positivistische Weltanschauung erscheint dem Standpunkt des Ideologismus als schlechthin trostlos. Er muss sie also als pessimistisch empfinden. Wer aber an den Gott „Materie“ glaubt, dem erscheint die materialistische Anschauung als optimistisch. Durch die materialistische Auffassung wird nämlich dem Ideologismus der Lebensnerv durchschnitten, denn seine Hauptkraft, das aktive Appercipieren und das Verwirklichen der Urbilder, wird dadurch lahmgelegt. Darum muss ihm eine solche Ansicht als durchaus pessimistisch erscheinen, denn sie beraubt ihn jeglicher Hoffnung, die ewige Idee je wieder in der Erscheinung verwirklicht zu erblicken. Eine Welt realer Tatsachen bedeutet für ihn Exil und dauernde Heimatlosigkeit. Wenn also James die materialistische Ansicht parallel setzt mit Pessimismus, so dürfte dieser Umstand darauf hinweisen, dass er persönlich zur ideologistischen Seite gehört — eine Annahme, die unschwer durch viele andere Züge aus dem Leben dieses Philosophen erhärtet werden könnte. Dieser Umstand dürfte auch erklären, warum der Tough-minded die drei etwas verdächtigen Epitheta: sensualistisch, materialistisch, irreligiös abbekommen hat. Auf denselben Umstand weist auch jene Stelle in „Pragmatism“ hin, wo James die gegenseitige Abneigung der Typen einem Zusammentreffen von Bostoner Touristen mit der Bevölkerung von Cripple Creek[292] vergleicht. Dieser Vergleich ist für den andern Typus wenig schmeichelhaft und lässt auf eine gefühlsmässige Abneigung schliessen, gegen die auch ein starker Wille zur Gerechtigkeit nicht ganz aufkommt. Dieses kleine „document humain“ scheint mir aber gerade ein kostbarer Beweis zu sein für die Tatsache der irritierenden Verschiedenheit der beiden Typen. Es mag vielleicht kleinlich erscheinen, wenn ich gerade auf solche Gefühlsinkompatibilitäten einen gewissen Nachdruck lege. Aber ich habe mich durch vielfache Erfahrungen davon überzeugt, dass gerade solche im Bewusstseinshintergrund gehaltene Gefühle gelegentlich auch das schönste Raisonnement in ungünstiger Weise beeinflussen und die Verständigung hintertreiben. Man kann sich ja leicht denken, dass auch die Bevölkerung von Cripple Creek den Bostoner Touristen mit besondern Augen ansieht.

e) Das fünfte Gegensatzpaar ist Religiosität versus Irreligiosität.

Die Gültigkeit dieses Gegensatzes für die James’sche Typenpsychologie hängt natürlich wesentlich ab von der Definition, die er der Religiosität gibt. Wenn er das Wesen der Religiosität ganz vom ideologistischen Standpunkt auffasst als eine Einstellung, bei welcher die religiöse Idee eine dominierende Rolle spielt (im Gegensatz zum Gefühl), dann hat er gewiss recht, den Tough-minded auch als irreligiös zu bezeichnen. Aber James denkt zu weit und zu menschlich, als dass er nicht sähe, dass die religiöse Einstellung auch durch das religiöse Gefühl determiniert sein kann. Sagt er doch selber: „Unsere Ehrerbietung vor Tatsachen hat nicht alle Religiosität in uns neutralisiert. Aber diese Ehrerbietung ist in sich selber sozusagen religiös. Unsere wissenschaftliche Einstellung ist fromm (our scientific temper is devout)“.[293] Den Mangel an Ehrfurcht vor „ewigen“ Ideen ersetzt der Empiriker durch einen sozusagen religiösen Glauben an die reale Tatsache. Wenn jemand seine Einstellung orientiert an der Idee Gottes, so ist es psychologisch dasselbe, wie wenn er es an der Idee des Stoffes täte oder wie wenn er die realen Tatsachen zum determinierenden Faktor seiner Einstellung erhöbe. Insofern diese Orientierung nur unbedingt geschieht, verdient sie das Epitheton „religiös“. Von einem hohen Standpunkt aus ist aber die reale Tatsache ebenso sehr wert, ein unbedingter Faktor zu sein, wie die Idee, das Urbild, das der Zusammenprall des Menschen und seiner innern Bedingungen mit den harten Tatsachen der äussern Wirklichkeit seit Myriaden Jahren geschaffen hat. Die unbedingte Hingebung an die realen Tatsachen kann jedenfalls vom psychologischen Standpunkt aus nie als irreligiös bezeichnet werden. Der tough-minded hat eben seine empiristische Religion, wie der tender-minded seine ideologistische Religion hat. Es ist nun allerdings auch eine Tatsache unserer gegenwärtigen Kulturepoche, dass die Wissenschaft vom Objekt und die Religion vom Subjekt, d. h. vom Ideologismus beherrscht wird, denn irgend wohin musste sich die aus sich selber wirkende Idee doch flüchten, nachdem sie in der Wissenschaft ihren Platz dem Objekt hatte räumen müssen. Wenn die Religion in dieser Weise als gegenwärtige Kulturerscheinung verstanden wird, dann hat James recht, den Empiriker als irreligiös zu bezeichnen, aber auch nur so weit. Da die Philosophen nicht unbedingt eine ganz abgesonderte Menschenklasse sind, so werden sich ihre Typen auch weit über den Bezirk des philosophierenden Menschen in die allgemeine Menschheit hinaus erstrecken, vielleicht soweit als die kultivierte Menschheit überhaupt reicht. Aus diesem allgemeinen Grunde schon verböte es sich, die eine Hälfte der Kulturmenschheit als irreligiös zu bezeichnen. Wir wissen ja aus der Psychologie des Primitiven, dass die religiöse Funktion schlechthin zum Bestande der Psyche gehört und stets und überall vorhanden ist, so undifferenziert sie auch sein mag.

Wenn wir die vorhin angedeutete Beschränktheit des Begriffes „Religion“ bei James nicht annehmen, dann muss es sich wieder um eine gefühlsmässige Entgleisung handeln, die, wie wir sahen, sich nur allzu leicht ereignet.

f) Das sechste Gegensatzpaar ist Indeterminismus versus Determinismus.

Dieser Gegensatz ist psychologisch interessant. Es ist selbstverständlich, dass der Empirismus causal denkt, womit der notwendige Zusammenhang von Ursache und Wirkung axiomatisch angenommen ist. Die empiristische Einstellung wird orientiert durch das eingefühlte Objekt, sie wird gewissermassen von der äussern Tatsache „bewirkt“ mit dem Gefühl der Notwendigkeit einer aus einer Ursache erfolgenden Wirkung. Es ist ganz natürlich, dass sich dieser Einstellung der Eindruck der Unabänderlichkeit der Kausalzusammenhänge psychologisch aufdrängt. Die Identifikation der innern psychischen Vorgänge mit dem Ablauf äusserer Tatsachen ist schon aus dem Grunde gegeben, dass unbewusst im Einfühlungsakt eine beträchtliche Summe der eigenen Aktivität, des eigenen Lebens dem Objekt verliehen wird. Dadurch wird das Subjekt dem Objekt assimiliert, obschon der Einfühlende das Objekt zu assimilieren glaubt. Wenn aber auf dem Objekt ein starker Wertakzent liegt, so besitzt damit das Objekt eine Bedeutung, welche auch ihrerseits das Subjekt beeinflusst und es zu einer Dissimilation von sich selber zwingt. Die menschliche Psychologie ist bekanntlich chamäleonartig, das erfährt der praktische Psycholog alltäglich. Wo immer das Objekt überwiegt, finden im Subjekt Angleichungen an die Natur des Objektes statt. So spielt z. B. die Identifikation mit dem geliebten Objekt in der analytischen Therapie keine geringe Rolle. Die Psychologie der Primitiven vollends gibt uns eine Menge von Beispielen der Dissimilation zu Gunsten des Objektes, z B. die häufige Angleichung an das Totemtier oder an die Ahnengeister. Die Stigmatisierung der mittelalterlichen bis neuzeitlichen Heiligen gehört ebenfalls hieher. In der „imitatio Christi“ ist die Dissimilation sogar zum Prinzip erhoben. Bei dieser unzweifelhaften Anlage der menschlichen Psyche zur Dissimilation ist das Herübernehmen der objektiven Kausalzusammenhänge ins Subjekt psychologisch leicht verständlich. Die Psyche kommt dadurch, wie gesagt, unter den Eindruck der alleinigen Gültigkeit des Kausalprinzips, und es bedarf schon des ganzen erkenntnistheoretischen Rüstzeuges, um sich der Übermacht dieses Eindruckes zu erwehren. Erschwerend kommt dabei in Betracht, dass die empiristische Einstellung mit ihrem ganzen Wesen uns hindert, an die innere Freiheit zu glauben. Denn jeder Beweis, ja jede Beweismöglichkeit fehlt uns. Was will jenes blasse, undeutliche Gefühl der Freiheit besagen gegenüber der erdrückenden Masse objektiver Beweise des Gegenteils? Der Determinismus des Empirikers ist daher sozusagen unvermeidlich, vorausgesetzt, dass der Empiriker soweit denkt und es nicht vorzieht — wie das nicht selten geschieht — zwei Schubfächer zu besitzen, das eine für die Wissenschaft und das andere für die von den Eltern und der Societät überkommene Religion. Wie wir sahen, besteht das Wesen des Ideologismus auf einer unbewussten Aktivierung der Idee. Diese Aktivierung kann auf einer nachträglichen, im Leben erworbenen Abneigung gegen die Einfühlung beruhen, kann aber auch von Geburt an existieren als eine a priori von Natur geschaffene und begünstigte Einstellung. (Ich habe in meiner praktischen Erfahrung mehrfach solche Fälle gesehen.) In diesem letztern Falle ist die Idee a priori aktiv, ohne aber, ihrer Leere und Unvorstellbarkeit wegen, dem Bewusstsein gegeben zu sein. Sie ist als überwiegende innere, aber unvorstellbare Tatsache den „objektiven“ äussern Tatsachen übergeordnet, und gibt wenigstens das Gefühl ihrer Unabhängigkeit und Freiheit an das Subjekt ab, das sich infolge seiner innern Angleichung an die Idee dem Objekt gegenüber als unabhängig und frei empfindet. Wenn die Idee der orientierende Hauptfaktor ist, so assimiliert sie sich das Subjekt ebensowohl, wie das Subjekt versucht, durch die Gestaltung des Erfahrungsstoffes sich die Idee zu assimilieren. Es findet also genau wie bei der obenbesprochenen Objekteinstellung eine Dissimilation des Subjektes von sich selber statt, aber in umgekehrtem Sinne, d. h. in diesem Fall zu Gunsten der Idee. Das anererbte Urbild ist eine alle Zeiten überdauernde, allen Erscheinungswechseln übergeordnete Grösse, die vor aller und über aller individueller Erfahrung steht. Der Idee kommt daher eine besondere Macht zu. Wenn sie aktiviert ist, so überträgt sie ein ausgesprochenes Machtgefühl ins Subjekt, indem sie sich mittelst der innern unbewussten Einfühlung das Subjekt assimiliert. Daraus entspringt im Subjekt das Gefühl der Macht, der Unabhängigkeit, der Freiheit und der Ewigkeit. (Vergl. dazu Kants Postulate von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit.) Wenn das Subjekt die freie Tätigkeit seiner über die reale Tatsache erhabenen Idee empfindet, so drängt sich ihm natürlicherweise der Gedanke der Freiheit auf. Wenn sein Ideologismus rein ist, so muss es sogar zu einer indeterministischen Überzeugung gelangen.

Der hier besprochene Gegensatz ist in hohem Masse charakteristisch für unsere Typen. Der Extravertierte ist gekennzeichnet durch sein Streben nach dem Objekt, durch die Einfühlung in und die Identifikation mit dem Objekt, und seine gewollte Abhängigkeit vom Objekt. Er ist durch das Objekt ebenso sehr beeinflusst, wie er es zu assimilieren strebt. Der Introvertierte dagegen ist gekennzeichnet durch seine anscheinende Selbstbehauptung gegenüber dem Objekt. Er sträubt sich gegen jede Abhängigkeit vom Objekt, er weist die Beeinflussung durch das Objekt ab, ja er empfindet gelegentlich sogar Furcht davor. Umsomehr aber hängt er ab von der Idee, welche ihn vor äusserer Abhängigkeit beschützt und ihm das Gefühl der innern Freiheit gibt, dafür aber auch eine ausgesprochene Machtpsychologie.