g) Der siebente Gegensatz ist Monismus versus Pluralismus.
Es ist nach dem Obengesagten ohne weiteres verständlich, dass die Einstellung, die durch die Idee orientiert ist, nach dem Monismus tendiert. Die Idee hat immer hierarchischen Charakter, sei sie nun gewonnen durch Abstraktion aus Vorstellungen und concreten Begriffen, oder sei sie a priori als unbewusste Form existierend. Im erstem Fall ist sie der höchste Punkt des Gebäudes, der gewissermassen alles, was unter ihm liegt, abschliesst und damit umfasst, im letztern Fall ist sie der unbewusste Gesetzgeber, der die Möglichkeiten und Notwendigkeiten des Denkens reguliert. Beide Male hat die Idee beherrschende Eigenschaft. Obschon eine Mehrzahl von Ideen vorhanden ist, so hat doch jeweils eine Idee für kürzere oder längere Zeit die Oberhand und konstelliert monarchisch die Grosszahl der psychischen Elemente. Umgekehrt ist es ebenso klar, dass die Einstellung, die sich nach dem Objekte orientiert, immer zu einer Mehrzahl von Prinzipien (Pluralismus) neigt, denn die Mannigfaltigkeit der Objekteigenschaften zwingt auch zu einer Mehrzahl von Begriffen und Prinzipien, ohne welche eine Erklärung sich dem Wesen des Objektes nicht anpassen kann.
Die monistische Tendenz gehört zur Introversionseinstellung, die pluralistische Tendenz zur Extraversionseinstellung.
h) Der achte Gegensatz ist Dogmatismus versus Skeptizismus.
Es ist auch in diesem Falle leicht einzusehen, dass der Dogmatismus in erster Linie der Einstellung, die der Idee folgt, anhaftet, obschon die unbewusste Verwirklichung der Idee nicht eo ipso Dogmatismus ist. Gleichwohl macht die Art und Weise, wie sich eine unbewusste Idee sozusagen gewaltsam verwirklicht, auf Aussenstehende den Eindruck, als ob der nach Ideen Denkende von einem Dogma ausginge, in dessen starre Schranken der Erfahrungsstoff gepresst wird. Die Einstellung, die sich nach dem Objekt richtet, erscheint selbstverständlich in Bezug auf alle Ideen a priori als skeptisch, denn sie will in erster Linie das Objekt und die Erfahrung zum Worte kommen lassen, unbekümmert um allgemeine Ideen. Der Skeptizismus ist in diesem Sinne sogar eine unerlässliche Vorbedingung aller Empirie.
Auch dieses Gegensatzpaar bestätigt die wesentliche Ähnlichkeit der James’schen Typen mit den meinigen.
3. Zur Kritik der James’schen Auffassung.
Wenn ich die James’sche Auffassung kritisiere, so muss ich vor allem hervorheben, dass sie sich fast ausschliesslich mit den Denkqualitäten der Typen beschäftigt. In einem philosophischen Werke ist dies wohl kaum anders zu erwarten. Diese durch den Rahmen bedingte Einseitigkeit gibt aber leicht Anlass zu Verwirrung. Es ist nämlich nicht schwer, diese oder jene Eigenschaften oder sogar einige davon am entgegengesetzten Typus nachzuweisen. Z. B. gibt es Empiriker, die dogmatisch, religiös, idealistisch, intellektualistisch und rationalistisch sind, und umgekehrt gibt es Ideologen, die materialistisch, pessimistisch, deterministisch, und irreligiös sind. Wenn man schon darauf hinweisen kann, dass diese Ausdrücke sehr komplexe Tatbestände bezeichnen, wobei noch sehr verschiedene Nuancen in Frage kommen, so ist damit der Möglichkeit der Verwirrung doch nicht abgeholfen. Die James’schen Ausdrücke sind einzeln genommen zu weit und geben nur in ihrer Gesamtheit ein ungefähres Bild des typischen Gegensatzes, ohne ihn damit aber auf eine einfache Formel zu bringen. Im ganzen sind die James’schen Typen eine wertvolle Ergänzung des Typen-Bildes, das wir aus den übrigen Quellen gewonnen haben. James gebührt das grosse Verdienst, zum ersten Male mit einer gewissen Ausführlichkeit auf die ausserordentliche Bedeutung der Temperamente für die Gestaltung des philosophischen Denkens hingewiesen zu haben. Seine pragmatische Auffassung will die Gegensätze der durch Temperamentunterschied bedingten philosophischen Anschauungen vereinigen. Bekanntlich ist der Pragmatismus eine aus der englischen Philosophie (F. C. S. Schiller) stammende, weit verbreitete philosophische Strömung, welche der „Wahrheit“ einen auf ihre praktische Wirksamkeit und Nützlichkeit beschränkten Wert zuerkennt, unter Umständen unbekümmert um ihre Anfechtbarkeit von diesem oder jenem Standpunkt aus. Es ist nun bezeichnend, dass James seine Darstellung dieser philosophischen Ansicht gerade mit dem Typengegensatz einleitet und damit die Notwendigkeit einer pragmatischen Anschauung sozusagen begründet. Damit wiederholt sich jenes Schauspiel, das uns das frühe Mittelalter schon dargeboten hat. Der damalige Gegensatz lautete: Nominalismus versus Realismus, und es war Abälard, welcher im Sermonismus oder Conceptualismus eine Vereinigung suchte. Da aber der damaligen Auffassung der psychologische Gesichtspunkt völlig abging, so fiel auch sein Lösungsversuch dementsprechend einseitig logisch-intellektualistisch aus. James greift tiefer, er fasst den Gegensatz psychologisch auf und versucht dementsprechend eine pragmatische Lösung. Man darf sich hinsichtlich des Wertes dieser Lösung allerdings keinen Illusionen hingeben: der Pragmatismus ist nur ein Notbehelf, der solange Anspruch auf Gültigkeit erheben darf, als ausser den durch Temperament gefärbten Erkenntnismöglichkeiten des Intellektes keine andern Quellen aufgeschlossen sind, welche der philosophischen Anschauungsbildung neue Elemente hinzufügen könnten. Bergson hat uns allerdings auf die Intuition und auf die Möglichkeit einer „intuitiven Methode“ hingewiesen. Aber es ist, wie bekannt, beim blossen Hinweis geblieben. Ein Nachweis der Methode fehlt und wird auch so leicht nicht zu erbringen sein, obschon Bergson auf seine Begriffe des „élan vital“ und der „durée créatrice“ als Resultate der Intuition hinweisen darf. Abgesehen von dieser intuitiv erfassten Grundanschauung, die ihre psychologische Berechtigung von der Tatsache herleitet, dass sie schon dem Altertum, speziell dem Neuplatonismus, eine durchaus geläufige Anschauungskombination war, ist die Bergsonsche Methode intellektualistisch und nicht intuitiv. In unvergleichlich höherm Masse hat Nietzsche die intuitive Quelle genützt und sich damit vom blossen Intellekt in seiner philosophischen Anschauungsbildung befreit, allerdings in einer Art und Weise und in einem solchen Grade, dass sein Intuitionismus die Grenzen einer philosophischen Weltanschauung bei weitem überschritt, und zu einer künstlerischen Tat führte, die eine der philosophischen Kritik gutenteils unzugängliche Grösse darstellt. Ich meine damit natürlich den „Zarathustra“ und nicht die philosophischen Aphorismensammlungen, welche einer in erster Linie psychologischen Kritik zugänglich sind, und zwar um ihrer vorwiegend intellektualistischen Methode willen. Wenn man also von einer „intuitiven Methode“ überhaupt sprechen darf, so hat meines Erachtens Nietzsches „Zarathustra“ dafür das beste Exempel gegeben und zugleich die Möglichkeit nichtintellektualistischer und doch philosophischer Problemerfassung schlagend dargetan. Als Vorläufer des Nietzscheschen Intuitionismus erscheinen mir Schopenhauer und Hegel, ersterer wegen der seine Anschauung ausschlaggebend beeinflussenden Gefühlsintuition, letzterer wegen der seinem System zu Grunde liegenden ideellen Intuition. Bei diesen beiden Vorläufern stand — wenn dieser Ausdruck mir gestattet ist — die Intuition unterhalb des Intellektes, bei Nietzsche jedoch oberhalb.
Der Gegensatz der beiden „Wahrheiten“ erfordert zunächst eine pragmatische Einstellung, wenn man überhaupt dem andern Standpunkt gerecht werden will. So unerlässlich die pragmatische Methode ist, so setzt sie doch zuviel Resignation voraus und so verbindet sie sich fast unausweichlich mit einem Mangel an schöpferischer Gestaltung. Die Lösung des Konfliktes der Gegensätze aber erfolgt weder durch logisch-intellektualistische Kompromissbildung wie im Conceptualismus, noch durch pragmatische Bemessung des praktischen Wertes logisch unvereinbarer Anschauungen, sondern einzig und allein in der positiven Schöpfung oder Tat, welche die Gegensätze als nötige Elemente der Koordination in sich aufnimmt, so wie eine koordinierte Muskelbewegung immer auch die Innervation der Antagonisten in sich begreift. Der Pragmatismus kann darum nichts anderes sein, als eine Übergangseinstellung, welche der schöpferischen Tat den Weg bereiten soll durch die Beseitigung von Vorurteilen. Den neuen Weg, den der Pragmatismus vorbereitet, und auf den Bergson hinweist, hat, wie es mir scheint, die deutsche — allerdings nicht akademische — Philosophie bereits beschritten: es ist Nietzsche, der mit der ihm eigenen Gewaltsamkeit diese verschlossene Türe aufgebrochen hat. Seine Tat führt über das Unbefriedigende der pragmatischen Lösung hinaus und zwar ebenso gründlich, wie die pragmatische Anerkennung des Lebenswertes einer Wahrheit die trockene Einseitigkeit des unbewussten Conceptualismus der nachabälardschen Philosophie überwunden — und noch zu überwinden hat.