[7] Parabolische Kometen nennt man diejenigen, die anstatt in einer geschlossenen Kurve um die Sonne zu kreisen und in gewissen Perioden stets den nämlichen Punkt zu berühren, sich aus der Ellipse entfernen, um nicht mehr dahin zurückzukehren. Sie wandern in unfaßbare Entfernungen, verschwinden aus dem Bereich der Anziehung unserer Sonne, gehen in andere Systeme über und setzen so ihr vagabundierendes Leben fort.
Fünftes Kapitel.
Im Orient.
Dem Gestirn, das mit liebevoller Sorgfalt die weitere Entwicklung der Erde verfolgte, war es nicht entgangen, daß in der letzten Zeit die einzelnen Stufen rascher aufeinander gefolgt waren. Dreitausend Jahre sind indessen ein verhältnismäßig so geringer Zeitraum, daß der darin erreichte Fortschritt von keiner großen Bedeutung sein kann. Nur an der Zahl seiner Vorübergänge an der Erde vermochte der Komet festzustellen, welche Fortschritte die Erde in der Zwischenzeit gemacht hatte und wie weit sie auf ihrem Wege zu vielleicht unendlicher Vervollkommnung gelangt war.
Mehr als jemals in seinen Hoffnungen bestärkt, machte sich unser Philosoph mit größtem Eifer daran, die Sitten jener patriarchalischen Stämme Indiens einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Aber welch großer Unterschied lag doch zwischen ihnen und denen der Bewohner anderer Welten, die er vor langer, langer Zeit kennen gelernt hatte! Wie weit waren diese Völker doch noch von dem wahren Zeitalter der Humanität entfernt, in dem Poesie, Wissenschaft und Kunst die Bildung einer Nation ausmachen! Wenn unter dieser flachen Hirnschale der Geist schon erwacht und sich seiner Kraft bewußt geworden war, dann war er ganz gewiß noch nicht über jenen halbnächtlichen Zustand, in dem noch die Traumwelt vorherrscht, hinausgekommen. Er lebt in einer beständigen Furcht; als höhere Wesen betet er die Elemente, die Naturerscheinungen an. Aber sein Sinnen ist schon erwacht, und die Poesie führt ihn bereits zum gemeinsamen Urquell aller Dinge.
Erst im Jahre Dreizehntausendfünfhundertundvierzehn vor unserer Zeitrechnung geschah es, daß der Komet zum erstenmal auf der Erde etwas zu entdecken glaubte, was einer menschlichen Stadt ähnlich sah; in Wahrheit war es jedoch nur ein unregelmäßiger Haufen aus Stein erbauter Hütten. Der Enthusiasmus aber, mit dem er diese Entdeckung begrüßte, läßt sich nicht in Worten ausdrücken; glücklich war er, nun endlich einen handgreiflichen Beweis dafür zu haben, daß die Herren der Erde in ihrer Entwicklung und in ihrem Familienleben Fortschritte machten. Aus einer ungeheuren flüssigen Ebene, die den größten Teil der Erdoberfläche gleich einem smaragdenen Tuche überdeckte, hob sich ein weites unregelmäßiges Dreieck in ockergelber Farbe ab. Dieser Erdteil schien nicht so fruchtbar zu sein wie der benachbarte, der zu seiner Rechten angrenzte, und auf dem noch die bereits oben erwähnten indischen Stämme lebten; in seinem äußersten Norden war aber eine Landschaft von außerordentlicher Fruchtbarkeit und größter Schönheit zu erblicken. Es schien fast so, als ob der Mensch imstande gewesen wäre, das Gebiet der Erde vollständig zu übersehen, die verschiedenen Gegenden miteinander zu vergleichen, und gerade die fruchtbarste und schönste zu seiner Niederlassung auserwählt hätte. Inmitten dieser von der Natur bevorzugten Gegend strömte ein breiter, mächtiger Fluß dahin, der sich kurz vor seiner Einmündung ins Meer in zwei Arme teilte, und oberhalb des Deltas war die erste Stadt entstanden. Memphis hieß sie, die in späteren Jahren ihre königliche Oberherrschaft an This, eine Stadt Oberägyptens, abgeben sollte, bis noch später Theben die beiden Städte ablöste und in den Schatten stellte.
Wohl ist es wahr, daß der himmlische Beobachter die weiße Rasse unter den Menschen noch nicht bemerkt hatte, aber es entging ihm auch nicht, daß sich in der äußeren Erscheinung der Menschen doch schon ein ganz gewaltiger Fortschritt kundgab. Er sah, wie zur Ausführung größerer Arbeiten Menschen sich zu Gruppen zusammenscharten und daß bereits ein festes Band die einzelnen Familien eines Stammes zusammenhielt. Wenn des Abends sein feuriger Schweif den Horizont schmückte, konnte er sehen, wie Menschen ihren Führern an den Nil folgten, an seinen Ufern niederknieten, um in den stillen Gewässern des Stromes das Bild des Kometen zu betrachten. Andere, in ihrer Kleidung wesentlich von jenen unterschieden, stiegen in der Nacht auf hohe Pyramiden und suchten dort den Stand des Kometen unter den anderen Sternen festzustellen. Es war dies der Ursprung wissenschaftlicher Forschung, aber auch zu gleicher Zeit der Anfang der Unterjochung furchtsamer und unwissender Völker durch tyrannische und rücksichtslose Männer.
Da der Komet die Erde doch nur in langen Zwischenräumen besuchte, wird man es begreiflich finden, daß er von all dem, was der Mensch in seinem Hochmut mit der stolzen Bezeichnung »Weltgeschichte« benennt, nur eine ganz unbestimmte Vorstellung gewann. Nur in großen Zügen konnte er von seinem Stand am Himmel verfolgen, wie die einzelnen Perioden der Schöpfung der Erde aufeinander gefolgt waren, er sah sie aber nicht durch den trügerischen Spiegel, dessen die Menschen sich bedienen, um alles, was sie betrifft, recht groß zu machen, und das, was ihnen fremd oder unbegreiflich ist, recht klein erscheinen zu lassen. Der Komet konnte sich zwar naturgemäß nicht rühmen, alle Einzelheiten der Geschichte der Erde zu kennen; aber er konnte sich – und es ist dies auch mehrmals geschehen – zum Dolmetscher der Erde bei den anderen Gestirnen machen und ihnen die Geschichte unseres Planeten mit einer Klarheit und einer auf eigner Anschauung beruhenden Genauigkeit erzählen, die allen Täuschungen der Menschen bedeutend überlegen war. Es wäre daher sehr unrecht, wenn man sich etwa darüber wundern wollte, daß unser beobachtender Freund sich nicht besser über die Einzelheiten des irdischen Lebens zu unterrichten suchte. Seine Art, zu beobachten, konnte keine andere werden, und das Erscheinen des Menschen auf der Erde hat ihn auch nicht zu bewegen vermocht, seine Besuche in kürzeren Zwischenräumen zu wiederholen.
So würde er zwar nicht bestimmen können, ob sein Vorbeigang im Jahre Zehntausendvierhundertundneunundvierzig in die Periode der Ptah oder erst in die des Re, des Chons oder des Set fiel, nach denen die ägyptischen Priester ihre Jahre zählten; er wußte aber ganz genau, daß eine der unserigen benachbarte Sonne, von der Kometen, die von dort kamen, ihm glänzende Schilderungen entworfen hatten, der große und schöne Sirius, es vermocht hatte, die Blicke und Gedanken, die Bewunderung und Verehrung der Priester von Ober- und Unterägypten auf sich zu ziehen. Er dürfte wohl auch nicht bestätigen können, daß in dem entlegenen Zeitabschnitt, von dem der indische Kalender seinen Ausgang nimmt, die Söhne des Ostens bereits imstande waren, den Punkt der Sonnenwende festzustellen; ganz zweifellos wußte er aber, daß die Inder die Sonne verehrten, ebenso Agni, den Gott des Feuers, und daß sie dagegen Indra, den Gott des Blitzes, fürchteten. Aus eigener Beobachtung wußte er auch, daß aus dem Orient das Licht der Erkenntnis hervorgehen würde, das später den Okzident erhellen sollte.