In den Lichtungen der jungfräulichen Wälder sah man bisweilen auch große Affen herumspazieren, einen Stock in der Hand schleppend, und manchmal konnte man auch zwei große Parteien, die sich mit abgerissenen Baumzweigen bewaffnet hatten, erkennen, wie sie am Rande eines Gehölzes aufeinander losschlugen. Tote und Verwundete blieben auf dem Platze, und man ließ sie liegen, ohne sich weiter um sie zu bekümmern. Andere Affen, die miteinander harmlos und zutraulich spielten, zeigten sich hinterlistig, sobald sich ihnen Gelegenheit zu losen Streichen bot, was immerhin auf eine gewisse Intelligenz schließen ließ. Mehrere dieser gespieligen Geschöpfe taten sich bisweilen zusammen, um ein träges Krokodil aus dem Schlummer aufzuschrecken. Fuhr dieses nun plötzlich aus dem Schlafe auf, so liefen sie eiligst davon, und das Krokodil vergnügte sich nun seinerseits damit, unversehens zuzuschnappen und den Kleinsten oder Ungeschicktesten, den es greifen konnte, zu verspeisen. Auch vereinigten sich ganze Scharen zu fröhlichen Gelagen, bei denen vermutlich die Hochzeit irgendeines hervorragenden Mitgliedes ihres Kreises gefeiert wurde. Um die Wahrheit zu gestehen, waren dies die einzigen irdischen Wesen, die damals den Kometen interessierten. Fünfzigtausend Jahre lang sah er sie immer wieder, ohne daß sie ihn langweilten. Die anderen auf der Erde lebenden Geschöpfe schienen auch noch nicht den vierten Teil ihres Verstandes zu besitzen. Pferde, Elefanten, Hunde und Katzen schienen wohl gelehriger, und es war wohl möglich, daß ihre Erziehung durch den Menschen sie einst in ferner Zukunft auf eine höhere geistige Stufe bringen und sie verständiger als die Affen machen würde; für jetzt aber nahmen unbestreitbar die Affen den ersten Rang in der Schöpfung ein.

In den heißen Gegenden des Äquators entdeckte der Komet später andere Geschöpfe, die mit den eben geschilderten die größte Ähnlichkeit hatten. Sie waren genau so wie diese behaart, lebten ebenso wie diese in kleinen Familien in Schluchten oder Wäldern, schlugen sich von Zeit zu Zeit tot, machten auf die Vögel des Himmels Jagd und hielten sich während der Nacht verborgen. Nur in zwei Punkten unterschieden sie sich unwesentlich von den vorher geschilderten Geschöpfen, und zwar einmal darin, daß, während jene viel miteinander spielten, diese von wilderem Charakter zu sein schienen, und daß sie zweitens bisweilen Stämme zu Scheiterhaufen aufeinander schichteten und verbrannten, was die früher Beobachteten niemals versucht hatten. Davon abgesehen, glichen sie sich fast wie zwei Wassertropfen einander.

Durch einen jener glücklichen Zufälle, wie sie sonst nur in Romanen vorkommen, begegnete unser Komet in demselben Jahre, in dem er die eben geschilderte Beobachtung machte, einem anderen großen, »parabolischen«[7] Kometen, der vom Stern α im Zentauren heranzog, unserem Nachbarn, der uns bekanntlich jedoch nur auf fünf und eine halbe Billion Meilen nahe kommt. Die beiden Kometen freuten sich der so selten vorkommenden Gelegenheit einer Begegnung, und der aus dem Zentauren begleitete unseren Helden, bis sie an die Bahn des Neptun kamen. Sie plauderten zwar nur einen kurzen Kometenaugenblick zusammen, das heißt nur dreihundertundneunzig Jahre lang, aber diese Zeit genügte vollkommen, um unseren Kometen in gute Laune zu versetzen, denn sein Kollege, der viel Scharfsinn besaß, hatte ihn versichert, daß er ohne Zweifel, wenn er auf der Erde habe Feuer anzünden sehen, auch Grund zu der Annahme hätte, daß dort ein mit Vernunft begabtes Geschlecht leben müsse.

Sie hatten sich von den weiten Reichen unterhalten, die jenseit des Neptun sich erstreckten, und der parabolische Komet hatte dabei von einer großen Bildung und bedeutender Erfahrung Zeugnis abgelegt. Sein Gefährte war lebhaft interessiert, denn um uns über Wert und Eigenart verschiedener Gebiete zu unterrichten, gibt es kein besseres Mittel als die Berichte zuverlässiger Reisender. Aber anderseits stimmen diese Berichte oft nicht mit unseren Anschauungen über gewisse feststehende Wahrheiten, die z. B. mit Volksangehörigkeit nichts zu tun haben, überein, und auch der Komet aus dem Zentauren geriet in große Widersprüche, wenn auf derartige Wahrheiten die Rede kam. Aus diesem Grunde entschloß sich unser Held, allen Lockungen unbekannter Fernen gegenüber fest zu bleiben und niemals parabolisch zu werden. Von ihrer weiteren Unterhaltung will ich nichts erzählen, denn wir würden davon doch nichts verstehen. Selbst mit unseren schärfsten Fernrohren können wir kein Bild des Lebens auf dem Neptun erhalten, und um diesen Punkt drehte sich ihr Gespräch.

Als auf seinem Rückwege sich unser unerschrockener Wanderer wiederum der Erde näherte, erwartete ihn Gutes. Seine geliebte Erde zeigte sich ihm bei Sonnenaufgang und bot ihm einen solch sinnberückenden und wunderbar schönen Anblick, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Bei dem blauen Himmel strahlte sie förmlich von Jugend und Schönheit. Die Wiesen prangten in frischem, taubenetztem Grün, die Knospen der Blumen entfalteten sich, und am Hagedorn blühten die wilden Rosen. Ganz zweifellos war die letzte Periode in der Entwicklungsgeschichte der Erde herangenaht – die Quartärzeit hatte begonnen.

Freilich, wenn noch zahlreiche Vulkane inmitten der Gebirgsketten rauchten und der rötliche Qualm wirbelnd zum Himmel stieg, wenn die Erde noch zitterte und ihre trägen Glieder gewaltsam zu dehnen suchte; wenn noch plumpe Dickhäuter den grünen, saftigen Schmuck der Wiesen zerstampften, während in den Wüsten Löwen und Tiger brüllten; wenn die großen geflügelten Jäger aus den Lüften sich auf kleine furchtsame Geschöpfe stürzten, um sie zu verschlingen, wenn in der salzigen Meeresflut noch unerbittliche Ungeheuer lauerten – dann konnte die Erde noch keine vollkommene Schöpfung sein, dann mußte sie eine untergeordnete Welt bleiben, in der das Gesetz der Vernichtung herrschen sollte, das ja, leider, über dem Gesetz des Lebens steht. Auf der anderen Seite war auch nicht zu verkennen, daß die ursprünglichen unförmlichen Gestalten bereits verschwunden waren, um neuen Formen Platz zu machen, die sicherlich eine bleibende Stätte finden sollten. Es war ganz augenscheinlich, daß für die Berge auf dem festen Lande und für die Wälder am Meere die Zeit, in der ein Wesen kommen sollte, das ihren Wert wohl zu würdigen verstände, in der Gegenwart und nicht mehr in der fernen Zukunft lag.

Im höchsten Grade begierig, endlich auf der Erde Wesen erscheinen zu sehen, die fähig wären, die Schönheit ihrer großartigen Landschaften zu bewundern, edle und kräftige Geschöpfe, in deren Kopfe die heilige Flamme des göttlichen Gedankens Platz gegriffen hätte, blieb dem aufmerksamen Kometen nichts übrig, als abzuwarten. Vor sechs Kometenjahren hatte er gesehen, wie unbehaarte Zweifüßler von Höhle zu Höhle liefen und sich leidenschaftlich der Jagd ergaben. Das Jahr darauf hatte er Wesen entdeckt, die mit Pfeil und Bogen, mit steinernen Messern und Äxten bewaffnet waren und sich bisweilen auch in kleinen, von Sümpfen geschützten Behausungen zusammentaten, ja sogar nach Art der Biber ihre Wohnungen in die Seen bauten. Aber es wollte dem Kometen nicht einleuchten, daß das menschliche Geschlecht nicht höher geartete Vertreter als diese haben sollte. Bei jedem Vorbeigange nach seinem Perihelium war er auf das eifrigste bemüht, die gesamte Oberfläche der Erde mit seinen Blicken zu durchmustern, und sein Herz zitterte dabei vor Erregung, jeden Augenblick eine neue Enttäuschung erleben zu müssen. Seit fünfzigtausend Jahren, ganz besonders aber seit den letzten zehntausend Jahren wartete er auf das Erscheinen des Menschen, und sein Eifer verdiente es wohl, von Erfolg gekrönt zu werden.

In den fruchtbaren Tälern, welche die oberen Zuflüsse des Indus bewässern, am Fuße der Riesenketten des Himalaja, herrscht ein ewiger Frühling, der seinen wohltätigen Einfluß weithin verbreitet. Hier war es auch, wo der iranische Tierkreis entstand, der von einem Punkte am Himmel, welcher die Sonnenwende des Jahres Neunzehntausend­dreihundertsiebenunddreißig vor unserer Zeitrechnung bezeichnet, seinen Ausgang nimmt. Nach diesem ersten astronomischen Kalender richteten später zwei große Völkerrassen ihr Leben ein. Zur Zeit, als der Komet vorbeiging, waren sie noch vereint, es waren die Arier, ein Hirtenvolk, das, wie der Komet auf den ersten Blick erkannte, den Völkern, die bisher auf der Erde gelebt hatten, überlegen war. Abgesehen von einer mehr entwickelten äußeren Gestalt, gaben sie durch untrügliche Zeichen von ihrer geistigen Regsamkeit Kunde. Die einzelnen Familien hatten sich zu Stämmen zusammengetan und schlugen bald hier, bald dort ihre Zelte auf, wobei sie sich stets nach der Sonne richteten. Der Orient erwachte, und vielleicht sollte in ihm die Wiege des Geistes entstehen. Hatte vielleicht Gott schon auf sein letzterschaffenes Wesen seine Hand gelegt, um seine Stirn mit dem für alle Zeiten unvergänglichen Zeichen seines Geistes zu schmücken? Oder hatte er die gebrechliche Stirn dieses noch zu jungen Geschöpfes noch nicht berührt? … Nicht gleich am ersten Tage nach seiner Geburt kann das Kind von seiner Vernunft Gebrauch machen.

Legt man eine Eichel in fruchtbares Erdreich, dann wird sich allmählich der in ihr verborgene Keim entwickeln. Viel Schnee wird den Boden des Waldes mit seinem weißen Tuche überdecken, viel Tau wird im Frühling darauf herniedersinken, und durch die dichtbelaubten Wipfel wird oft die heiße Julisonne ihre wohltuenden Strahlen senden. Und es wird zwar lange dauern, aber endlich wird sich doch eine junge, grüne Eiche im Winde schaukeln; noch können die kleinen Vögel, die auf ihr sitzen, ihren dünnen Stamm zur Seite biegen. Aber wenn die Jahrhunderte an ihrem sich immer mehr ausbreitenden Gipfel vorüberziehen, dann wird sich erst die ganze Größe des Baumes in seinem reichen Blätterschmuck an den vielfach verästelten Zweigen entfalten. Generationen werden unter seinem Schatten sitzen, und die Zahl seiner Jahre kann kaum noch gezählt werden. So geht in der Natur jeder Fortschritt nur gemach vonstatten, und so folgt auch in dem göttlichen Werke der Schöpfung ein Weltenalter mit gemessenem Schritt auf das andere.

Fußnoten