Seit seinem letzten Besuch hatte die Erde sich tatsächlich sehr verändert, denn man zählte das Jahr des Heils 1811, und in vollem Glanze leuchtete der Komet über Paris.[8]

Für die Sterne im allgemeinen und für die großen Kometen im besonderen wollen dreitausend Jahre nicht gerade viel sagen: Im Kalender der Ewigkeit sind sie weniger als eine Sekunde. Aber für den Menschen – das wissen wir alle sehr gut – sind dreitausend Jahre viel, sehr viel!

Wie viele Generationen hat die Welt gesehen seit 1254 vor Christi Geburt! Griechenland, Latium und seine Könige, die römische Republik, Karthago, das römische Kaiserreich und sein Sturz, die Barbaren, das west-römische Reich, die Gründung von fränkischen, deutschen, angelsächsischen, heidnischen, christlichen, mohammedanischen Reichen, das Aufkommen und der Verfall des Lehnswesens in Frankreich, das dann die Monarchie, die Republik und das Kaiserreich erlebte! Alle diese Veränderungen hatten sich langsam vollzogen, und für den Kometen waren sie nicht vorhanden. Und was müßte sich erst ergeben, wenn wir, anstatt uns auf ein einziges Land zu beschränken, den ganzen Erdball in den Kreis unserer Darstellung zögen? Die ganze Geschichte der Menschheit könnte in dem Zeitraum von 1254 v. Chr. bis 1811 n. Chr. eingeschlossen werden, der für den Kometen doch nur ein einziges Jahr bedeutet. Seine Überraschung war daher ganz gerechtfertigt und zu verzeihen. Ohne es zu merken, war er von heute auf morgen von Agamemnon zu Napoleon übergegangen, und man wird zugeben müssen, daß es einen größeren Sprung nicht gut geben kann.

Städte und Völker hatten sich geändert. Viele waren verschwunden, andere neu erstanden. Es war ganz klar, die Menschheit hatte einen großen Schritt weiter getan. Ob aber vorwärts oder rückwärts? Der Komet, der doch ein scharfer Beobachter war, glaubte zu der Annahme Grund zu haben, daß die Menschheit nicht rückwärts gegangen war. Aber nicht allein der Mensch hatte sich mit allem, was mit ihm in näherer Beziehung steht, geändert; es schienen sich auch in der Natur Umwandlungen vollzogen zu haben, die nicht ausschließlich dem Zahn der Zeit zuzuschreiben waren. Die Wälder waren zurückgedrängt und bedeckten nicht mehr den ungeheuren Raum, den sie ehemals eingenommen hatten. Von Menschenhand angelegte Wasserläufe hatten sich in die natürlichen Flußsysteme eingeschoben. Sümpfe waren ausgetrocknet und die Meeresufer schienen geschützt. Das Land war mit weißen Linien durchschnitten und an den Hügeln bauten sich terrassenförmig Dörfer auf. Gewerbtreibende Städte erhoben sich an den Ufern großer Ströme und ließen ihren Grund von den rasch dahinströmenden Wellen benetzen; Gärten und Parkanlagen umrahmten die Gruppen menschlicher Wohnungen. Man mußte es wohl bekennen: diesem kleinen Teil der Erdkugel hatte der Mensch das Siegel seiner Gegenwart aufgedrückt.

Aber … und wo gibt es kein »Aber«? … noch immer hörte der Komet auf der Erde Waffengeklirr. »Auch jetzt noch! Leider!« rief er aus. »Fast muß ich glauben, daß den Erdenleuten das Kriegführen zur Gewohnheit geworden ist. Die armen Menschen! Und dabei ist ihr Planet doch keineswegs häßlich. Warum schlagen sie in den sie entwürdigenden Kriegen einander tot? Kann es etwas Schöneres geben, als unter der lachenden Sonne in Frieden zu schaffen? Ob sie denn überhaupt wissen mögen, was sie tun?«

In den stillen und unendlichen Tiefen des Weltenraumes ist das Gefühl für Entfernungen aufgehoben, und Organe, die imstande wären, auch den schwächsten Ton zu vernehmen, könnten sich durch den unendlichen, unfühlbaren Äther verständlich machen. Alles ist relativ, die Stärke des Tons sowohl als die des Lichts. Wenn die Kometen nach den entlegenen Wüsten ihrer größten Entfernung kommen, verlangsamen sie ihren Gang, als ob sie in den Tiefen des Raumes dem Unbekannten ein aufmerksames Ohr schenken wollten. Man will sogar wissen, daß sie manchmal, ebenso wie in ein fernes Land Verbannte, sich leicht aneinander schließen, sich durch den unermeßlichen Raum ihre Gedanken mitteilen und daß sie sich die Langeweile der Einsamkeit und der Finsternis durch eine Unterhaltung über die Natur der Dinge und das Schicksal der Wesen, die sie auf ihren Reisen gesehen haben, zu verkürzen suchen. Vor einigen Jahren traf unser Komet in der Einöde jenseits des Neptun den Halleyschen Kometen, der, wenn er auch nicht ganz so vornehm und berühmt wie unser Held ist, sich doch immerhin bedeutend über den Durchschnitt der gewöhnlichen Kometen erhebt. Die beiden Reisenden gingen sofort daran, ihre Erinnerungen und Erlebnisse miteinander auszutauschen.

»Seit meinem letzten Besuche habe ich die Erde sehr verändert gefunden,« begann der größere und ältere von beiden. »Man arbeitet dort unten sehr rasch, und es will mir scheinen, daß eines meiner Jahre so lang ist wie dreitausend der ihrigen, und daß in dieser winzigen Spanne Zeit neunzig verschiedene Generationen geboren werden und sterben könnten. Welch Unterschied doch zum Neptun, auf dem ich seit sechstausend Jahren auch nicht ein Jota sich habe ändern sehen.«

»Mit Verlaub, mein verehrter Kollege,« entgegnete der andere. »Auch meine Jahre vergehen viel schneller als die Eurigen, denn während ich einen Umlauf um unsere herrliche Königin, die Sonne, vollende, haben die Erdbewohner erst fünfundsiebzig ihrer Jahre verlebt, und um die Wahrheit zu gestehen, muß man zugeben, daß man während dieses kurzen Zeitraumes auf der kleinen Erde Zeit findet, viel zu bauen und niederzureißen. Glaubt es mir, werter Kollege, ich bin über den Leichtsinn der Erdbewohner nicht weniger erstaunt als Ihr es seid.«