»Unter uns gesagt, diese Leute scheinen mir entweder sehr oberflächlich oder sehr tätig zu sein. Seitdem es Menschen auf der Erde gibt, verändert sie sich zusehends. Früher, bevor diese Geschöpfe erschaffen waren, kann ich mich erinnern, zwanzig und auch dreißig Reisen gemacht zu haben, ohne daß ich große Änderungen auf der Erdoberfläche bemerkt hätte. Aber seit fünf Jahren« (der Komet meinte fünfzehntausend Jahre) »haben sie es gelernt, in ihrem Lande zu bauen, niederzureißen, zu graben, Dämme aufzuschütten und es in einer Weise umzugestalten, als ob sie damit ein reines Gaukelspiel aufführen wollten.«

»In welchem Erdenjahre waret Ihr zum vorletztenmal da?«

»Mein lieber junger Freund, wenn ich mich recht erinnere, mögen dies dreißig irdische Jahrhunderte her sein. Ich kenne ihren Kalender zu wenig, um die Zeit genau angeben zu können. Ich war gerade damals in meinem zweihundertfünfundvierzigsten Jahre, denn ich zählte fünfundvierzig Jahr, als ich die Erde zum erstenmal bemerkte, und seit jener Zeit bin ich zweihundertmal an ihr vorbeigekommen.«

Der kleine Komet, der sehr gut zu rechnen verstand, hatte ohne große Mühe sofort herausgefunden, daß dieser vorletzte Besuch keinesfalls später als um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts vor Beginn der christlichen Zeitrechnung stattgefunden haben konnte. Häufigere Besuche auf der Erde hatten ihn mit der dortigen Art, die Jahre vor und nach Christi Geburt zu zählen, vertraut gemacht. Und er konnte sich eines Lächelns nicht enthalten, wenn er an die Verwunderung seines ehrwürdigen Gefährten über die Veränderungen dachte, die sich seit jener Zeit auf der Erde vollzogen hatten. Da er gern erzählte und sich seinem vornehmeren Kollegen angenehm machen wollte, gelüstete es ihn, die Unterhaltung fortzusetzen und seine persönlichen Beobachtungen über die Bewohner der Erde zum besten zu geben. Sein Kamerad bemerkte dies.

»Lieber Kollege,« begann er, »Ihr müßt doch über den Gegenstand, von dem wir sprechen, viel besser als ich unterrichtet sein. Ihr seid viel öfter als ich der Erde nahegekommen, und Ihr könnt ihre Geschichte besser verfolgen. Ist der Stand der Dinge, wie ich ihn auf meiner letzten Reise« (er meinte im Jahre 1811) »auf der Erde gesehen habe, unmittelbar auf den gefolgt, der sich meinem Auge bei meinem vorletzten Durchgange« (also zur Zeit des Trojanischen Krieges) »darbot? Zwischen diesen beiden Daten scheint mir doch eine große Lücke zu liegen, und ich glaube, Ihr könntet mir darüber hinweghelfen.«

»Seit Eurem vorletzten Besuche«, erwiderte dieser, »bin ich vierzigmal in die Nähe der Erde gekommen, und, wollt Ihr es mir glauben? jedesmal habe ich Veränderungen auf der Erde wahrgenommen. Die Menschen leben auf ihrer Weltkugel eine so kurze Zeit, daß es wohl schwerlich viele gibt, die sich rühmen dürfen, mich bei zwei meiner aufeinander folgenden Erscheinungen am Himmel leuchten gesehen zu haben, ja die meisten Menschen haben mich auch nicht ein einziges Mal gesehen. Und dabei«, fuhr er in traurigem Tone fort, »ist mein Jahr doch vierzigmal kürzer als das Eurige. Von meinen verschiedenen Erscheinungen auf der Erde erinnere ich mich, nach der irdischen Zeitrechnung, derjenigen im Jahre 12 vor Christi Geburt, dann 837, 1066, 1456, 1531 und 1759 nach Christi Geburt am deutlichsten, weil Ereignisse, deren unschuldige Ursache ich werden sollte, mich in hohem Grade bewegten. Wenn es Euch interessiert, will ich Euch gern mehr davon erzählen. Es wäre mir dies ein um so größeres Vergnügen, als ich ja nur selten Gelegenheit habe, davon sprechen zu können.«

Da unser Komet sich ganz außerordentlich für alle menschlichen Angelegenheiten interessierte, und da ihm in der tiefen Einöde des Weltenraumes, die sie jetzt durchflogen, die Gesellschaft seines jüngeren Gefährten ganz willkommen war, so hörte er dessen Bericht mit gespanntester Aufmerksamkeit zu.

Und nun erzählte ihm dieser, wie im Jahre 12 vor Beginn unserer Zeitrechnung im chinesischen Reiche, unter der glorreichen Herrschaft der Han, die auf die Dynastie der Tsin gefolgt waren, auf Befehl des Kaisers der Fong-siang-chi, der kaiserliche Astronom, den Kometen beobachtet und in ihm einen neuen Beweis für den Zorn des Himmels auf Tsin-chin-hoang-ti erkannt hatte, weil dieser, noch nicht zufrieden damit, daß er die vom Kaiser Wu-wang auf dem »Turm der Geister« errichtete Sternwarte hatte einäschern und außerdem vierhundertfünfzig der gelehrtesten Weisen des Reiches hatte enthaupten lassen, bei Todesstrafe anbefohlen habe, innerhalb vierzehn Tagen sämtliche über Moral, Philosophie, Astronomie und Geschichte handelnde Bücher zu verbrennen; wie ferner der kaiserliche Astronom dem Fürsten anempfohlen habe, ebenso wie es ja im Winter zu geschehen pflegte, sich in den zur Linken gelegenen Saal des Schwarzen Palastes zu begeben, und durch ein dem Gotte Hiuen-ming dargebrachtes Opfer symbolisch eine neue Ära für Kunst und Wissenschaft einzuleiten; wie dann der Tatsung-pe die Mandarinen, ebenso wie zur Zeit der letzten Sonnenfinsternis, um den kaiserlichen Thron versammelt hatte, um dem Gestirn zu huldigen, und wie ganz China zwei lange irdische Monate hindurch auf den Beinen geblieben war. Er erzählte weiter, wie im Jahre des Heils 837 Ludwig der Fromme, der Sohn und Nachfolger Karls des Großen, sich in einem dunklen Winkel der Burgterrasse vor ihm auf die Knie geworfen und ihn gefragt habe, welche Botschaft ihm der Komet vom Himmel brächte; wie dann statt des stummen Kometen des Kaisers geistliche Würdenträger geantwortet hätten und der fromme Kaiser die drei Jahre, die er noch zu leben hatte, damit verbrachte, Dome zu erbauen, reiche Abteien zu stiften, große Klöster zu errichten und Kirchen und Schulen mit reichen Mitteln auszustatten. Ferner erzählte er, wie im Jahre 1066 Wilhelm der Eroberer in der ganzen Normandie habe ausrufen lassen: »Nova stella, novus rex« (»Ein neuer Stern, ein neuer König«); wie er sich den Kometen zum Führer auserkor und unter seiner Führung England eroberte. Auf der berühmten Stickerei in der Bibliothek der Stadt Bayeux kann man dies noch heute sehen; das Werk stammt von der Königin Mathilde, der Frau des Eroberers. Sie bildete die bedeutendsten Szenen der Eroberung ab und verewigte dabei auch den Kometen, wie er über einer Gruppe von vielen Leuten steht, die Kopf und Hände zu ihm erheben. Und weiter berichtete der Wandergefährte unseres Kometen ganz ausführlich, wie im Jahre 1456 Christen und Muselmanen, die miteinander im Kriege lagen, in seiner Gestalt ein flammendes Schwert erkennen wollten, das am Himmel ausgesteckt worden sei, um ihnen das schrecklichste Unglück anzukündigen. Mohammed II., in dessen Besitz Konstantinopel bereits übergegangen war, hatte geschworen, daß er sein Pferd auf dem Altar der Sankt Peterskirche in Rom tränken werde, und auf dem Wege dahin belagerte er Belgrad. Als nun die Gestalt eines feurigen türkischen Schwertes am Himmel erschien, sah der Papst Calixt III. alle seine schlimmen Befürchtungen in Erfüllung gehen. Der Komet schilderte weiter, wie der Papst in seinem Zorn Gestirn und Türken feierlich verfluchte, wie er sodann das Angelus, ein Gebet, das beim Klange der Glocken gesprochen werden sollte, angeordnet habe, und wie dann jenes große Belgrader Blutbad begann, das ohne Unterbrechung zwei Tage lang dauerte, und bei dem die Franziskaner-Mönche mit keiner anderen Waffe als einem Kruzifixe in der Hand »in der vordersten Reihe standen und zum Papste flehten, er möge die himmlische Erscheinung beschwören, daß sie ihren verhängnisvollen Einfluß auf ihre Feinde ausübe«. Der Komet fuhr in seinem Berichte fort und erzählte, welche ganz andere Wirkung sein Erscheinen im Jahre 1531 hervorgerufen hätte. Luise von Savoyen, die Mutter Franz' I., hatte drei Tage vor ihrem Tode eine außerordentliche Helle in ihrem Zimmer bemerkt. Sie ließ den Vorhang hinwegziehen, und von dem Anblick des Kometen ganz betroffen, rief sie aus: »Ein solches Zeichen gibt der Himmel nicht für gewöhnliche Menschen. Gott hat es nur für uns Große der Erde vorbehalten. Schließt das Fenster! Es ist ein Komet, der mir den Tod anzeigt, wir wollen uns darauf vorbereiten!« Weiter erwähnte der Komet, daß von seinem Erscheinen im Jahre 1682 seine astronomische Registrierung datierte. Denn bei seinem Vorübergang in diesem Jahre wurden seine Elemente berechnet und festgestellt, daß er derselbe Komet sei, der in den Jahren 1531 und 1607 an der Erde vorübergezogen war. Dem berühmten Astronomen Halley war es vorbehalten, ihn der Wissenschaft einzuverleiben und ihm seinen Namen zu geben, und für das Jahr 1759 kündigte Halley sein abermaliges Erscheinen an.