Sodann erzählte der Halleysche Komet seinem älteren Bruder die Geschichte der Aufeinanderfolge der verschiedenen irdischen Reiche, und zwar vom Jahre 1254 vor Christi Geburt bis zum Jahre 1835 nach Christi Geburt, in welchem Jahre er zum letztenmal die Erde besucht hatte. Der große Komet war nicht wenig erstaunt, als er hörte, wie rasch sich auf der Erde neue Reiche bildeten und wie sie noch schneller wieder zerfielen. Was ihn aber am meisten, und leider auch am schmerzlichsten überraschte, das waren die Mittel, welche die Bewohner der Erde anwandten, um ihre Eroberungszüge gegeneinander ins Werk zu setzen. Eisen, Blut, die wildesten und ausgesuchtesten Grausamkeiten! Soviel Bosheit in so kleinen Körpern und in so gebrechlichen Wesen; solch übermütiger Eigendünkel bei den Großen und dagegen wieder solch angeborene Schwäche bei den Kleinen! Die Weltgeschichte schien ihm wenig erbaulich, und hätte er nicht in Wirklichkeit von seiner erhabenen Höhe aus die Schwächen der Menschheit verachtet, so hätten ihm bei dem schreckensvollen Bericht seines jüngeren Kollegen wohl mehr als einmal sozusagen seine langen Haare zu Berge gestanden.
Sie flogen weiter, und ohne daß sie es merkten, zogen sie am Neptun vorüber. Der Halleysche Komet fuhr in der Darstellung seiner Lebensschicksale fort:
»Während der fünfundzwanzig Jahre bis zu meinem Erscheinen im Jahre 1682 irdischen Stils hatte die Astronomie so große Fortschritte gemacht, daß der Forscher, der mir seinen Namen gab, mein Erscheinen für das Jahr 1759 voraussagen konnte. Hierin lag sicherlich keine geringe Kühnheit. Ihr wißt jedoch, daß ich mich nicht so weit wie Ihr in die Tiefen des Weltalls stürzen kann – denn schon nach etwa 37 Jahren muß ich umkehren, während Ihr, Kollege, noch fünfzehnhundert Jahre lang Eure Reise fortsetzen könnt. Es ist Euch bekannt, daß ich mich jedesmal bis auf sechsunddreiviertel Millionen Meilen von der Erde entferne. Für uns will das nicht so sehr viel sagen; für die kleinen Bewohner der Erde bedeutet es aber eine unermeßliche Entfernung. Auf meinem Fluge werde ich bisweilen durch gewisse Bewohner des Weltenalls zurückgehalten, und wenn ich durch ihr Gebiet gehe, bin ich gezwungen, meine Bewegung zu verlangsamen. Die Herren von der Sternwarte müssen außerordentlich scharfe Augen haben, oder richtiger gesagt, mit einem fast übermenschlichen Ahnungsvermögen begabt sein. Denn als ich in das Gebiet des Jupiter kam, war ich ihrem Gesichtskreis schon längst entschwunden und konnte auch mit Hilfe ihrer schärfsten Fernrohre nicht mehr aufgefunden werden. Ich glaubte annehmen zu dürfen, ihrer Aufmerksamkeit entgangen zu sein. Aber damit war es nichts. Durch Jupiter verlor ich 518 Tage, und Saturn veranlaßte eine Verzögerung meiner Bahn um weitere 100 Tage. Nun gut. Alles dies war bis auf einen Monat berechnet, festgestellt und bekanntgegeben worden. Den Astronomen können wir nichts mehr verheimlichen.
Ein glücklicher Zufall fügte es, daß man auf mein erneutes Erscheinen bei der Erde schon fünfzehn Jahr vorher aufmerksam geworden war, und zwar durch den schönsten Schweif, den man je gesehen hat, einen sechsfachen Schweif, der jedoch, wie ich gleich bemerken will, nicht mir gehörte. Ihr habt sicherlich, lieber Kollege, neulich jenen Vaganten gesehen, der von einer Welt zur andern fliegt und nie wieder an demselben Ort sich sehen läßt. Seine Bahn ist so exzentrisch, daß er schließlich parabolisch geworden ist. Ganz gewiß ist es auch Euch nicht entgangen, daß er den herrlichen Schmuck von sechs Schweifen besitzt. Nun, im Jahre 1744 war er mein Vorreiter, und nach dem irdischen Kalender gilt er als der schönste Komet des achtzehnten Jahrhunderts. An dem Abend, als er zum erstenmal am Himmel stand, glaubte man, eine zweite Sonne ginge unter, so groß war der Glanz, den seine Schweife ausstrahlten.
Ich sagte Euch wohl schon, daß ich bei jeder Wiederkehr zur Erde dort immer etwas Neues in den Sitten, Gebräuchen und dem Geist der Völker gefunden hätte. Niemals hat sich mir jedoch diese Beobachtung lebhafter aufgedrängt als bei meinem letzten Besuche. Den Teil der Erde, den ich 1759 besuchte, sollte ich 1835 wieder sehen. Noch genauer als vorher hatte man die Verzögerung berechnet, die ich bei Jupiter, Saturn und Uranus erleiden mußte, ja, man hatte mir sogar den Weg vorgezeichnet, den ich auf meiner Rückkehr durch den Himmelsraum zu nehmen hatte. Am 20. August 1835 sollte ich am Stern ζ im Sternbild des Stiers vorübergehen, am 28. zwischen den Zwillingen und dem Fuhrmann stehen, am 21. September im Fuhrmann sein, am 3. Oktober im Luchs, am 6. im Großen Bären, am 13. in der Krone, am 15. zwischen Herkules und Schlange, am 19. im Ophiuchus, am 16. November beim Stern η desselben Sternbildes und am 26. Dezember beim Stern Antares im Skorpion. Und was gewiß viel heißen will, von dieser mir so weise vorgezeichneten Marschroute brauchte ich nirgends abzuweichen. Aber, ich versichere Euch, niemals in meinem Leben und auch auf keiner anderen Welt habe ich so viel Umwälzungen und einen solchen Umschwung der Geister kennen gelernt, wie bei meinem letzten Besuch der Erde. Um Euch die Wahrheit zu gestehen, ist mir dies sehr nahe gegangen und ich bin darüber so traurig geworden, daß meine Betrübnis den Bewohnern der Erde nicht entgangen sein kann.[9] Was hat man auf der Erde von 1759 bis 1835 gemacht? Welche Umwälzung hat sich bei den Menschen vollzogen? Je mehr ich über die Ursachen und das Wesen dieser Neuerungen nachdenke, desto mehr gerate ich ins völlig Dunkle. Auch der Komet Karl V. scheint sich darin verloren zu haben.«
»Der Komet Karl V.? Was hat es mit dem für eine Bewandtnis?«
»Ach, entschuldigt, verehrtester Kollege, ich vergaß vollständig, daß Ihr über die irdischen Ereignisse nicht genügend unterrichtet seid. Karl V. war ein Kaiser von Deutschland, der seine Krone niederlegte, als im Jahre 1556 einer unserer leuchtenden Brüder, der bis dahin sicherlich keine Ahnung von der Existenz der Erde hatte, zufällig in ihre Nähe kam. Es ist dies derselbe Komet, der nach Ansicht der Erdbewohner schuld an der Sintflut tragen und später beim Tode Cäsars geleuchtet haben soll. Aller dreihundert Jahre sollte er wiederkommen, also auch 1856. Aber er mag wohl inzwischen den dummen Hochmut der Großen der Erde kennen gelernt haben, die sich einbilden, daß sie im Mittelpunkt des ganzen Weltalls stehen – genug, er hat dieser kleinen, eitlen Welt Valet gesagt und ist in ein anderes Sonnensystem geflogen. Er befindet sich jetzt im Gebiet des Polarsterns, und die Menschen können auf ihn warten; er kommt nicht wieder. Um jedoch den Faden unserer Unterhaltung, die durch diesen Muster-Kometen eine kleine Ablenkung erfahren hat, wieder aufzunehmen, wiederhole ich, daß ich mich in Mutmaßungen darüber erging, welches die Ursachen der großen Änderungen sein mögen, die sich während meiner Abwesenheit von der Erde in der europäischen Gesellschaft vollzogen haben.«
»Dieses Mal kann ich Euch vielleicht Aufklärung geben, mein lieber junger Freund. Wenn die Großen auch oft zu hoch gestellt sind, um das, was sich in den unteren Regionen zuträgt, nach Gebühr sehen und würdigen zu können, und dadurch in eine bedauerliche Unkenntnis geraten, so verstehen sie es anderseits infolge ihres überlegenen Urteils doch, aus diesen Vorgängen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Das wenige, was ich gesehen habe, kann daher vielleicht dazu dienen, die Lücke in Eurer Vorstellung auszufüllen. Ich weiß nur, daß es im Jahre 1811 in Frankreich keinen »König von Gottes Gnaden« mehr gab, sondern einen Kaiser, und gerade in derselben Woche, in der ich bei der Erde ankam, wurde diesem Kaiser ein Sohn geboren. Vom März 1811 bis zum April 1812 blieb ich bei der Erde. Ich glaube erkannt zu haben, daß die Eroberungen des Kaisers und die Vergrößerung Frankreichs die Nachbarreiche in Angst und Schrecken versetzten, und was mich in meiner Annahme bestärkte, war der Umstand, daß der große Machthaber eine Armee von 450 000 Mann aushob, um mit dieser halben Million nach den russischen Steppen zu marschieren. Was aus ihnen geworden ist, vermag auch ich nicht zu sagen, denn vom Juli 1812 ab konnte ich auf der Oberfläche der kleinen Erdkugel nichts mehr erkennen.«
Die Kometen sind gute Logiker. Indem sie sich einander mit ihren Erinnerungen aushalfen und die Erfahrungen, die sie bei ihren Beobachtungen der Erdbewohner gesammelt hatten, austauschten, waren sie imstande, sich unsere Geschichte aufzubauen. Sie verfuhren dabei ganz nach Vernunftschlüssen. Im Jahre 1759, so sagte der eine, gab es in Frankreich soziale Zustände, die in sich vollkommen morsch waren und auf die nun große Hämmer, Philosophen genannt, um die Wette loshieben. Im Jahre 1811, meinte der andere, gab es in Frankreich einen Kaiser und Kriegsrüstungen. Im Jahre 1835, nahm der erste wieder das Wort, hatte Frankreich einen konstitutionellen König und lebte in tiefstem Frieden. Mit diesen drei vorhandenen Tatsachen hatten sie sich in großen Zügen die Umrisse der französischen Geschichte geschaffen. Ihre Unterhaltung berührte in derselben Weise auch das Geschick der anderen Völker, denn die Kometen haben für eine Schar Ameisen keine größere Vorliebe als für die andere. Da aber diese Entwicklungen sich im großen und ganzen sehr ähneln und für uns, die wir doch keine Kometen sind, weniger Interesse haben, so verzichten wir darauf, diese siderischen Unterhaltungen hier wiederzugeben.
So hatten die beiden Forschungsreisenden im Weltenraum, die sonst gewohnt waren, sich nur mit großen Dingen abzugeben, die kleine Erdkugel, auf der wir uns befinden, nach allen Richtungen hin besprochen. Bald aber mußte der Halleysche Komet abbiegen, um in seiner Ellipse dem Aphelium zuzufliegen, während der majestätische Komet von 1811 in gerader Linie seine Reise fortsetzte, denn bis zum Jahre 3343 wird er sich von der Sonne entfernen, um dann in demselben Marschtempo wieder zu ihr zurückzukehren. In den unermeßlichen Tiefen des Himmelsmeeres mag er dann wohl Welten begegnen, die uns unbekannt sind, einstigen Welten, deren Sonne erloschen und die in grausigem Schweigen ihre kosmischen Ruinen und die Gräber versunkener Kulturen durch den unendlichen Raum tragen.