Fußnoten

[8] Der himmlische Reisende, dessen Geschichte wir erzählen, ist in der Tat kein anderer als der Komet vom Jahre 1811. Die Wirkung, die das Auftauchen dieses herrlichen Gestirns am Abend des 26. März 1811 überall hervorrief, war unbeschreiblich. Die fruchtbare Hitze des Sommers und die Güte des Weines in jenem merkwürdigen Jahr schrieb man dem Kometen zu. Alle Zeitungen brachten Artikel über ihn, in allen Sprachen unterhielt man sich von ihm und alle möglichen Erklärungen über seine Natur wurden gegeben. Einige schmeichelten ihm, während andere ihn fürchteten. Diese sahen in ihm die Verwirklichung einer uralten Prophezeiung, während jene in ihm ein Gnadenzeichen erblicken wollten, mit dem der Himmel die Geburt des Königs von Rom feierte. Auf ein Fensterkreuz der Tuilerien gestützt, fragte Napoleon seinen Onkel, den Kardinal Fesch, was er von dem wunderbaren Gestirn halte. Ganz Paris sah zu dem Kometen auf, und der Sommer verging nicht, ohne daß man unter anderem »Kometen-Krawatten« und »Kometen-Hüte« verfertigt hätte. Sogar einer Sauce verlieh man seinen Namen. So viel Aufsehen rief er hervor, daß alle, die jene Zeit erlebt hatten, sich ihrer bis in ihr spätes Alter erinnerten.

[9] Die Edinburgh Review von 1836 schreibt: »Der Halleysche Komet erschien selbst in den Nächten, in denen er sich am deutlichsten zeigte, bleich und verschwommen, er rief mehr Neugier als Bewunderung hervor. Wir haben ihn durch das Fernrohr beobachtet und können den traurigen Eindruck nicht schildern, den sein melancholisches Licht erweckt. Je mehr man sich mit einem derartigen Objekt befaßt, desto weniger kann man über seine Natur ins reine kommen. Ein bläuliches, unklares Licht, das zur Hälfte durch eine große Wolkenhülle verfinstert wird, das ist der Anblick, der sich dem Auge bietet. Die Beschaffenheit dieses Lichtes ist uns unbekannt. Es ähnelt weder dem Lichte der Sonne noch dem des Begleiters der Erde, auch nicht dem der Sterne, ja nicht einmal dem des Nebels der Milchstraße. Nur wenn man Saturn durch ein starkes Vergrößerungsglas gesehen hat, kann man sich eine zutreffende Vorstellung von dem bleiernen Schimmer machen, den dieser Komet warf.« John Herschel.


Nachschrift.

Wenn im Jahre 1910 der Komet von 1835 wieder erscheint, wird er uns vielleicht nur um fünfundsiebzig Jahre älter finden. Was will das heißen? Aber wen oder was wird sein ehrwürdiger Kollege auf der Erde vorfinden, wenn er ihr im Jahre 4876 wiederum einen Besuch abstatten wird? Vielleicht wird dann auch Frankreichs glänzende Hauptstadt dahingeschwunden sein, wie es heute die großen Städte sind, die der Komet bei seiner letzten Annäherung an die Erde sah: Troja, Ninive, Theben und hundert andere, deren Namen mit ihren Ruinen nicht auf uns gekommen sind. Möglich, daß tiefste Einsamkeit dort lagert, wo einst Frankreich war, und daß sich Trauerweiden über dem Flusse schaukeln, der einst die Seine hieß. Wird der Komet Frankreich mit Paris, England mit London, Italien mit Rom nochmals zu sehen bekommen? Dieser Komet mit seiner langen Umlaufszeit, der bis jetzt weder dieselbe Stadt noch dasselbe Volk zum zweitenmal geschaut hat! Wenn in etwa fünfzigtausend Jahren wir – oder irgendwelche andere – diese Erzählung fortsetzen wollten, wird dann auch immer von neuen Dingen, die das Frühere verdrängt haben, berichtet werden müssen und wird die Geschichte der Erde jemals eine andere sein als die Geschichte von Umwälzungen und Neueinrichtungen, die nicht von Dauer sind?

Die Kometen besitzen zwar nicht die Gabe der Weissagung. Da jedoch der Verfasser dieser Schrift das Glück hat, einige Kometen zu seinen Freunden zu zählen, und da er in dem heißen Sommer des Jahres 1811 noch zu klein war, um sich selbst an den großen und stolzen Kometen jenes Jahres wenden zu können, so erlaubte er sich erst ganz vor kurzem einen blondgeschweiften Boten an den erhabenen Reisenden mit der Bitte zu schicken, daß er ihm doch ganz im Vertrauen sagen lassen möchte, wie er die Erde bei seinem nächsten Besuche zu finden hoffe. Und der Autor hat das große Vergnügen, diese wahrhafte Geschichte mit einem angenehmen Bescheid abschließen zu können. Der große Komet hat sich zwar nicht ganz deutlich ausgedrückt – man muß das zugestehen – aber es ist dies auch wieder ein Beweis für die hohe Stellung, die er einnimmt, und ein Zeichen für seine große Klugheit. Er hat dem kleinen Kometen also gesagt, er solle mit einem freudigen Gesicht zu dem sonderbaren Astronomen, der ihn ausgesandt, zurückkehren. »Denn«, fügte er hinzu – und das sind seine eigenen Worte –, »sage ihm, mein lieber Kleiner, daß die Menschheit, die sich selbst schon so alt vorkommt, sich noch in ihrer frühen Kindheit befindet. Sie hat noch ihre Kinderkrankheiten durchzumachen. Aber nur nicht die Hoffnung verlieren! Ich möchte sogar meinen Schweif wetten, daß es keine hunderttausend Jahre mehr dauern wird, bis die Menschheit nicht nur zur Reife der Vernunft gelangt sein wird, sondern auch unentgeltlichen und obligatorischen Unterricht, allgemeines Stimmrecht, unabhängige republikanische Staatsverfassung, Befreiung der Geister von jedem Druck, und schließlich Abschaffung der stehenden Heere und endgültige Beseitigung der gegenseitigen Abschlachtungen errungen haben wird.«

Das waren seine letzten Worte, die letzten Worte jenes wandernden Gestirnes, das es wohl versteht, von seinem erhabenen Standpunkte aus die Geschichte des irdischen Planeten und seiner menschlichen Bewohner zu beurteilen. Man kann daraus entnehmen, daß wir schließlich in dem ungeheuren Weltall zwar nur ein winziges Körnchen sind, daß wir aber dennoch, wenn wir nur unsere Fähigkeiten richtig anzuwenden verstehen, uns einen Wert erringen können, der uns über die Materie erhebt: Geistige Wesen zu werden, das muß, wie ja auch der Komet meinte, das Endziel aller unserer Mühen sein.