Die Abschriften und das Material für diese war aber immer noch teuer und nur die Auserwählten konnten lesen. Man nahm also, um auf das grössere Publikum zu wirken, seine Zuflucht zu der, Allen verständlichen, in Metall- oder Holzschnitt ausgeführten „Bilderschrift“. Um Heiligen- und andere Bilder herzustellen, entstanden die Zünfte der Briefmaler und Illuministen. Brief (Breve sc. scriptum) wurde jedes einseitig gedruckte einzelne Blatt genannt, es mochte nun eine Spielkarte, ein Heiligenbild, ein Ablassbrief, eine Anordnung o. dgl. sein.
Als bekannt darf das Wesen des Holzschnittes, wodurch dieser sich von dem Kupferstich unterscheidet und der Schrifttype gleichkommt, angenommen werden, nämlich darin bestehend, dass im Holzschnitt das auf den Holzstock gezeichnete Bild stehen gelassen wird, während alle nicht gezeichneten Stellen weggeschnitten werden, so dass schliesslich die Zeichnung erhaben auf dem Holzstock zurückbleibt, während im Kupferstich umgekehrt die Zeichnung graviert oder geätzt wird, also in der Tiefe liegt. Das Material für den Holzschnitt war zu der Zeit, von welcher hier die Rede ist, Linden-, Birn- oder Buchenholz, das in Längenschnitten mit dem Messer bearbeitet wurde, während man jetzt beinahe ausschliesslich nur Buchsbaum in Querschnitten verbraucht und mit dem Stichel behandelt.
Metallschnitt.
Früher war man gewohnt, alle erhaben geschnittenen Formen als Holzschnitte zu bezeichnen. Durch aufmerksame Prüfung kam man jedoch zu der Erkenntnis, dass ein Teil der vorhandenen Abdrücke von Metallplatten herrühren, und dass der Metallschnitt dem Holzschnitt vorangegangen sei. Die Möglichkeit des Unterscheidens liegt namentlich in der Farbe der vorhandenen Drucke, indem die Metallschnitte etwas grauer, griesslicher und weniger gesättigt erscheinen, als die Holzschnitt-Drucke. Öfters kann man auch in den Umfassungslinien Verbiegungen wahrnehmen, die in einer Holzplatte nicht möglich gewesen sein würden; man hat auch heute noch erhaltene Metallstiche vorgefunden.
Der Zeugdruck.
Wir nähern uns hiermit schon der Buchdruckerkunst. Die erste ausgedehnte Anwendung eines Druckverfahrens ist der farbige Zeugdruck, der in Europa mutmasslich zuerst in Italien geübt wurde. Ohne uns in ältere Zeiten zu verlieren steht es fest, dass schon im xii. Jahrhundert Seiden- und Leinenstoffe durch Formendruck verziert wurden. Eine allgemeinere Verwendung fand der Zeugdruck im xiii. Jahrhundert und erscheint oft auf den Futterstoffen der reicheren liturgischen Ornate. Gegen den Schluss des xiii., namentlich aber zu Beginn des xiv. Jahrh., wurde auch Leder bedruckt und als Tapete verwendet, selbst auf Bucheinbänden findet man farbige Muster auf dünnes Schafsleder gepresst. Die verzierten Tapeten zeigen nicht nur biblische Scenen sondern auch Gegenstände aus dem Sagenkreise; unter die vorzüglichsten gehören die zu Sitten in der Schweiz. Die beim Zeugdruck vorkommenden Farben beschränken sich zuerst hauptsächlich auf Schwarz und Rot, die Goldverzierungen sind durch Bestäuben erzielt. Auf grösseren Gemälden kommt an den Gewändern der Figuren eine besondere Art von Farbendruck vor, indem die Stellen mit einer kreide- oder gipsartigen Masse überzogen und dann mittels Formen mit Mustern bedruckt wurden (Teigdrucke). Auch nach der Erfindung der Buchdruckerkunst wurde der Zeugdruck mit Holz- oder Metallformen fortgesetzt, der in neuerer Zeit in grossartiger Weise als Kattundruck ausgebildet wurde.
Aelteste Bilder-
drucke.
Die ältesten uns bekannten bildlichen Darstellungen in Metallschnitt reichen nach den gründlichsten Untersuchungen bis gegen Ende des xii. Jahrhunderts zurück, Holzschnitte bis gegen Ende des xiv. Einer der ältesten Metallschnitte ist das, früher in der T. O. Weigelschen Sammlung in Leipzig, jetzt in dem Germanischen Museum in Nürnberg befindliche Blatt „Christus am Kreuze“. Unzweifelhaft beglaubigt ist der Holzschnitt „Der heilige Christoph“ aus dem Jahre 1423. Die Erhaltung dieser, wie mancher anderen alten Drucke ist der Sitte zu verdanken, die Deckel der Büchereinbände durch Aufeinanderkleben solcher auszufüttern oder zu bekleben. Freilich haben wir durch diese Sitte andererseits den Verlust zahlreicher Blätter zu beklagen.
Die bildlichen Darstellungen hatten hauptsächlich religiöse Vorwürfe und das Bedürfnis zeigte sich namentlich in den Zeiten bedeutender religiöser Aufregung, wie zu Ende des xiv. und zum Beginn des xvi. Jahrhunderts. Um die Andacht beim Gebet zu erhöhen, wurden die Angerufenen durch Bilder versinnlicht. So entstanden die zahlreichen Darstellungen der heiligen Jungfrau, der Kreuzigung, der Himmelfahrt, der gesamten Passion, der Heiligen, des Weltgerichts. Gesteigert wurde der Verbrauch durch die religiösen Brüderschaften und die Wallfahrten. Es folgten die zusammenhängenden Bildwerke, die zumteil schon im frühen Mittelalter gezeichnet vorhanden waren, und im xv. Jahrhundert xylographisch und typographisch vervielfältigt wurden. Die Hauptsache ward im Bilde dargestellt und die notwendige Erklärung und die Nutzanwendung in Schrift beigegeben.
Daneben machte jedoch auch das profane Leben seine Forderungen geltend und wurde durch eine Menge, teilweise sittenloser Darstellungen befriedigt. Johann Gerson in Paris, zu Anfang des xv. Jahrhunderts, drang — wie später Luther — auf eine sittliche Umkehr und auf Beseitigung schlechter und sittenverderbender Bücher und Bilder, die sogar in den Kirchen zu Paris an hohen Festtagen verkauft wurden. Es ist jedoch von solchen Erscheinungen nichts auf uns gekommen. Das öffentliche Schamgefühl scheint das Vernichtungswerk gründlich betrieben zu haben. Von profanen Büchern mit achtbaren Zwecken sind einige erhalten worden, z. B. das „moral play“, die „zehn Lebensalter“, das „Glücksrad“.