Schriftgiesserei
der Enschedés.
Johannes Enschedé wurde 1743 Schriftgiesser, indem er die bekannte Giesserei von Hendrik Floris Wetstein kaufte. Die Stempel für diese Giesserei hatte zumteil der berühmte Stempelschneider Johann Michael Fleischmann geschnitten, der im November 1701 geboren war und am 11. Mai 1768 in Amsterdam starb. Fleischmann fuhr fort, für Enschedés Geschäft zu schneiden, das ausserdem durch die wertvollen Arbeiten Johann Franz Rossarts, geb. zu Namur 1714, gest. zu Brüssel am 26. Mai 1777, vermehrt wurde. Während das Geschäft in dieser Weise durch die besten Künstler der Zeit bereichert wurde, erhielt es seinen historischen Wert durch Erwerbung einer bedeutenden Anzahl älterer Schriftgiessereien ersten und zweiten Ranges. So wurde die Giesserei der Blaeu annektiert, welche am 21. April 1677 in die Hände des Schriftschneiders Dirk Voskens übergegangen war. Das Geschäft Voskens wurde von dem Sohne Bartholomäus übernommen, später unter der Firma Witwe Voskens & Sohn, nachher als Clerk & Voskens fortgeführt und 1780 von Enschedé erworben. Wie die Erwerbung der Elzevierschen Schriftgiesserei durch Enschedé geschah, ist bereits (S. 247) erzählt.
Specimen der
Enschedés.
Leider gab es eine Zeit, wo man nicht, wie heute, diese Schätze genügend würdigte, und zu Anfang unseres Jahrhunderts wanderte eine grosse Masse von Stempeln unter das alte Eisen und die wertvollen Matern in die Schmelztiegel, so dass von vielen Schriften nur ein Minimal-Quantum übrig geblieben ist, allenfalls gross genug, um damit einige kleine Wiederabdrücke für den Liebhaber herstellen zu können. Um so mehr muss man den Enschedés dankbar sein, dass sie Abdrücke dieser Schätze, nachdem sie schon mehrere ähnliche Proben gedruckt hatten, in einem „Specimen de caractères typographiques anciens, qui se trouvent dans la collection typographique de Joh. Enschedé et fils, imprimeurs à Harlem“ vereinigten[12], denn diese Probe enthält nur solche Schriften, von welchen die Stempel und Matern nicht mehr existieren, sie führt uns somit die ältere Geschichte der Schriftgiesserei in Holland vor Augen und wir müssen deshalb bei ihr verweilen. Den Anfang machen die grossen Kapitalbuchstaben, überschrieben chalcographia sive typi aenei et matrices plumbeæ. Diese Schriften rühren aus der Zeit Albrecht Dürers her und tragen die Spuren seines Einflusses: die Stempel waren aus Kupfer, die Matrizen aus Blei, wie in der ersten Zeit der Buchdruckerkunst. Auf 12 Grade Antiqua-Versal, 8 Grade Cursiv, 12 Grade schattierte und verzierte Antiqua und 3 Grade schattierte Cursiv folgen die Antiqua- und Cursiv-Buchschriften in breiterem und schmälerem Schnitt, von der groben Canon bis abwärts zur Non plus ultra.
Darauf folgen die berühmten holländisch-gothischen Schriften (Flamand), ebenfalls von der groben Canon bis Non plus ultra, in einer Reinheit des Schnittes und einer Schärfe des Gusses, als wären sie heute aus den Händen des Schriftschneiders und des Giessers gekommen.
Was von den gothischen Schriften gilt, lässt sich auch auf die Fleischmannschen Musiknoten anwenden, welche Veranlassung zu einer heftigen Polemik mit Breitkopf gaben. Höchst interessant ist eine Reihe von zwanzig Schreibschriften (Coulé), unter ihnen die von Fleischmann, „den grootsten en konstigsten Letter-Stempelschnyder, die 'er ooit in de Wæreld geweest is, en mogelyk komen zal“, welche er 1768 vollendete. Dann folgt die merkwürdige, sehr sauber und korrekt ausgeführte Civilité, die ihren Namen von einem im 15. Jahrhundert in Paris erschienenen Büchlein: „La civilité puérile et honnête“ hat. Nach diesen schönen, im besten Stil ausgeführten Schriften bildet allerdings die Ecriture Allemande keinen besonders günstigen Schluss, so wenig wie eine sehr magere, abscheulich geschnittene Cicero Allemande, die einzige Frakturschrift in der Probe, einen schönen Übergang zu zwei alten gothischen Schriften, die zwischen 1470-1480 geschnitten sind.
[1] C. Ruelens et A. de Backer, Annales Plantiniennes. Paris 1866. — M. Rooses, Plantijn an de Plantijnsche Drukerey. Brüssel 1877. — Léon. Degeorge, La maison Plantin à Anvers. 2. Aufl. Brüssel 1878.
[2] G. Outhuis, Geschiedkundig Verslag der voornamste uitgaven van de Biblia polyglotta. Franecker 1822.
[3] Eine ganz ausführliche bibliographische Beschreibung der Polyglotte befindet sich in C. Ruelens et A. de Bacher, Annales S. 128 u. f.
[4] Abgebildet auf der Schlussseite von Ruelens, Annales.