Die Schrift-
giesserei.
Nach dem Erlöschen der Familie der Elzeviere ist die der Enschedé die bekannteste, namentlich ist ihre Geschichte mit der der Schriftgiesserei in Holland auf das engste verknüpft.
Es wurde schon früher erwähnt, dass Paffroed in Deventer[9] für damalige Zeit sehr schöne nationale Schriften geliefert hatte. Von da an jedoch machte in den Niederlanden der Schnitt der gothischen Schrift nur sehr langsam Fortschritte. Dürers litterarische Arbeiten waren durch seine Reise in den Niederlanden populär und von Joh. Jansson in Amsterdam sowohl lateinisch als auch (1606) deutsch mit Frakturschrift gedruckt worden. Die Fraktur fand bei den Schriftgiessern Aufnahme und Dirk Voskens z. B. lieferte sie in 14 Graden mit den entsprechenden Schwabacher Schriften. Wahrscheinlich geschah dies mit auf Antrieb Philipps von Zesen, der sich um die Mitte des xvii. Jahrhunderts in Amsterdam aufhielt und eine Anzahl eigener und übersetzter Werke dort und in Leyden herausgab. Auch verschiedene der grossen illustrierten Reisebeschreibungen wurden mit deutscher Schrift gedruckt. Es dauerte jedoch nicht lange, so wurde sie ganz durch die Antiqua und die Schreibschriften nach französischem Duktus verdrängt.
Die Antiqua erreichte jedoch im allgemeinen nicht die Schönheit der Vorbilder. Sie ist in der Regel sehr schmal geschnitten und eng zugerichtet, hauptsächlich auf Betrieb der holländischen Nachdrucker, die viel Ware für das Geld bieten mussten. Ament Tavernier in Antwerpen führte 1558 die, dem Granjon in Lyon nachgebildete Schreibschrift Civilité ein, deren sich Wilh. Sylvius zuerst bediente. Auch Plantin druckte ein Buch mit dieser Schrift, die bis in das xviii. Jahrhundert benutzt wurde. Die Ronde wurde ebenfalls als Werkschrift verwendet; daneben hielt sich die Coulé, von J. F. Rossart und J. M. Fleischmann geschnitten.
Isaak Enschedé.
Der Stammvater der Enschedés Isaak ward 1681 in Haarlem geboren und gehörte einer in Gröningen angesessenen Buchdruckerfamilie an. Um 1703 eröffnete er eine Buchdruckerei in Haarlem und druckte 1727 im Verein mit seinem Sohne Johannes eine Bibel in Folio nach dem neuen Verfahren von van der Mey und Müller.
Ob dies Verfahren wirklich dasselbe gewesen ist, welches wir jetzt als Stereotypie bezeichnen, blieb langezeit zweifelhaft. J. van der Mey stellte zu Anfang des xviii. Jahrh. mit Unterstützung des deutschen Predigers Johann Müller in Leyden (gest. 1710), der von vielen für den eigentlichen Erfinder gehalten wird, mehrere „stereotypierte“ Werke. Die ersten Versuche haben sich wohl auf zusammengelötete Schrift beschränkt, später scheint es jedoch, als habe man eine wirkliche Stereotypie erfunden, denn unter den zu dem Caxton-Jubiläum in London 1877 ausgestellt gewesenen Gegenständen befanden sich auch vier auf Holz genagelte Platten Meys und Müllers[10]. Die Firma S. & E. Luchtmanns in Leyden, für deren ersten Inhaber Samuel Luchtmanns mehrere solche stereotypierte Werke hergestellt waren, drückt sich in einem Schreiben vom 24. Juni 1801 an A. Renouard in Paris ebensowenig wie der Baron van Weestreenen van Tiellandt in seinem, im Auftrag der niederländischen Regierung abgefassten Bericht recht klar über das Technische aus[11]. Eine Bibel in 4° und eine in Folio; ein Neues Testament englisch und eins griechisch in 18°; ein syrisches Wörterbuch wurden stereotypiert, dann ward es wieder still von der Erfindung.
Johannes En-
schedé.
Isaak Enschedés Sohn Johannes fing schon als Knabe an, Schriften in Holz zu schneiden, und erwarb sich durch fortgesetzte praktische Arbeiten einen sichern Blick, der ihn zu einer Autorität in der Beurteilung xylographischer und typographischer Erstlingsdrucke machte. Sein langes Leben (er starb 1781) teilte er zwischen Wissenschaft und Praxis. Er vermehrte die schon von seinem Vater gegründete ausgezeichnete Bibliothek mit den grössten typographischen Seltenheiten. Das Ideal seines Strebens war, ein Hauptwerk über die Erfindung der Buchdruckerkunst zu schreiben, wobei seine Sammlungen ihm als Unterlage dienen sollten. Leider kam er aber damit nicht einmal so weit, wie Breitkopf mit seiner ähnlichen Arbeit, und wir haben von ihm nur eine Skizze über die Schriftgiesserei in den Niederlanden. Er entdeckte Fragmente eines Donat und eines Horariums, welches letztere von den Holländern als das erste Druckwerk Kosters mit beweglichen Typen angesehen wird. Sein Sohn Dr. Johannes Enschedé war noch mehr Gelehrter als Buchdrucker; er stand in freundschaftlichem Verkehr mit den berühmten Philologen Valckenaer und Ruhnken und vermehrte die seltene typographische Büchersammlung.
Durch die Vereinigung der wissenschaftlichen Bildung mit den praktischen Kenntnissen haben die Chefs ihrer, noch heute fortblühenden Buchdruckerei und Schriftgiesserei das eigentümliche Doppelgepräge eines Geschäfts und einer historischen Sammlung aufgedrückt. Sie stehen in dieser Hinsicht einzig in ihrer Art da, indem es hier gelungen ist, beinahe alle Originalschriften aus der Blütezeit der Buchdruckerei in Holland zu sammeln. Es bleibt unter diesen Umständen um so mehr zu bedauern, dass die prachtvolle Bibliothek im Jahre 1867 durch Versteigerung zerstreut wurde. Sie würde in Verbindung mit den seltenen Schätzen der Giesserei und der Druckerei eine würdige Vervollständigung des Plantinschen Museums abgegeben haben.