Gelehrte von Ansehen wenden sich, teils direkt als praktische Ausüber, teils indirekt als fördernde Herausgeber, Redaktoren und Korrektoren, der Buchdruckerei zu, als dem vollendetsten Mittel, Aufklärung überallhin zu verbreiten. Sie schaffen durch dieselbe zahlreiche Ausgaben der Klassiker und andere Werke, deren äussere Ausstattung mit dem inneren Wert harmoniert. Eine Anzahl von Familien, die man als den Adel der Buchdrucker bezeichnen kann, erwirbt durch treffliche Arbeiten Ruhm und bewahrt diesen durch lange Reihen von Jahren. Gebildete Herrscher, in Deutschland voran der Kaiser Maximilian i. und die sächsischen Fürsten, in Frankreich Franz i. und fast alle seine Nachfolger, verschmähen es nicht der Typographie und den mit ihr verwandten Gewerben ihre persönliche Aufmerksamkeit zu schenken.

Die Buchdruckerkunst ist in den Dienst der Wissenschaft getreten, sie ist ihr aber mehr eine sorgsame Genossin denn eine rastlos für alles schaffende Magd.

Die schönsten Früchte der ersten Hälfte des xvi. Jahrhunderts reifen jedoch erst durch die enge Vereinigung der Xylographie mit der Typographie. Bedeutende Künstler, die zum Teil nur durch die Holzschnitte ihren Ruf haben, welche, wenn nicht von ihnen selbst, so doch unter ihrer Leitung ausgeführt wurden, widmen sich mit Vorliebe der Illustration. So entstehen sowohl viele, heute noch mustergiltige ganze Werke, als zahllose Einzelblätter.

Diese Hinneigung zum Holzschnitt war nicht dem Zufall oder nur der Bequemlichkeit, für ihn zu zeichnen, zuzuschreiben, sondern sie lag in den Verhältnissen tiefer begründet. Es konnte nicht anders sein, als dass die Maler der Reformationszeit, welche Zeugen der Segnungen der Erfindung Gutenbergs waren, die populärste Kunst, die Xylographie, deren Erzeugnisse so leicht und so weit durch die Druckerpresse verbreitet werden konnten, freudig begrüssen und begierig eine Gelegenheit ergreifen würden, durch welche auch sie berufen waren, an dem grossen Werke der Reformation thätig mitzuwirken.

So wurde das Zeitalter der Reformation, wie die Gegenwart, zugleich ein Zeitalter der Illustration und die glückliche Verbindung von Bild und Wort hat denn auch gar viel zur schnellen Verbreitung der Bildung durch alle Schichten beigetragen. Die Geschichte der illustrierenden Künste, speziell der Xylographie, ist deshalb nicht von der Geschichte der Typographie dieser Periode zu trennen.

Bei den in der Gegenwart mächtig sich kundgebenden ernsten Bestrebungen, die zur Zeit der Renaissance bestandene innige Verbindung der Kunst mit dem Gewerbe wieder herzustellen, musste sich notwendigerweise auch die Aufmerksamkeit aller strebenden Jünger Gutenbergs den goldenen Tagen der Druckkunst zuwenden.

Ehrt man auch die vorangegangenen Anfänge der druckenden Künste als die ältesten ehrwürdigen Denkmale, verfolgt man auch mit lebhafter Teilnahme die allmählichen Fortschritte der Kunst bis zum Beginn des xvi. Jahrhunderts, so kann doch nur ein einseitiges Schwärmen für die Vergangenheit in diesen Leistungen — mit wenigen Ausnahmen — nachahmungswürdige Vorbilder erblicken.

Anders verhält es sich jedoch mit den Werken derjenigen Periode, vor welcher wir jetzt stehen. Hier haben wir es nicht mehr mit nur historisch interessantem oder relativ gutem zu thun, sondern mit Erzeugnissen der besten Schriftschneider, Buchdrucker und Holzschneider und mit meisterlichen Schöpfungen noch heute nicht übertroffener Künstler. Die Werke der Renaissancezeit bilden einen Born, aus dem man immer und immer schöpfen kann, ohne dass ein Versiegen bemerkbar wäre.

Deshalb kann auch ein Zurückgreifen der Schriftschneider auf die besten Schriften des späteren Mittelalters oder ein Hervorholen der, lange Zeit in den Kunstsammlungen und Bibliotheken für das grosse Publikum begraben gewesenen Ornament- oder sonstigen Illustrations-Schätze nicht als ein Rückschritt zu etwas „veraltetem“ bezeichnet werden. Nach den Ausschreitungen über die Grenzen des Schönen, des Zweckmässigen und der wirklichen Fortschritte hinaus, an welche die neuere Zeit ebenso reich ist wie an wirklichen Verbesserungen, trat das Bedürfnis ein, die ruhigen, einfachen und doch kräftigen Formen der Glanzperiode wieder aufzusuchen, und was die Illustration betrifft, so kehren Künstler ersten Ranges mit Befriedigung zu der edlen einfachen Weise eines Dürer oder Holbein zurück.

Damit sei aber nicht behauptet, dass in dieser Richtung nicht das rechte Mass vielfach überschritten werde und dass nicht sklavische Nachahmungssucht auf Irrwege geführt habe, aber im grossen und ganzen bleibt es doch wahr, dass der denkende Schriftgiesser, der illustrierende Künstler und der Typograph in der Renaissancezeit die reichste Anregung und schönste Ermunterung für ein gedeihliches Schaffen auf ihren Gebieten suchen können und finden werden.