Unter den Buchdruckern, bei welchen die Reformation eine bereite Hülfe fand, ist Melchior Lotter obenan zu nennen. Er stammte aus Aue im sächsischen Voigtlande, heiratete die Tochter Kachelofens, Dorothea, und erhielt am 16. Juni 1498 das Leipziger Bürgerrecht. Ungefähr in dem Jahre 1500 wurde er der Geschäftsnachfolger seines Schwiegervaters. Die zweite Ausgabe des Meissner Missale hatten Kachelofen und Lotter gemeinsam gedruckt, von nun an ging eine grosse Anzahl Missalen, Breviarien und dergl., die das Bisthum Meissen herausgab, aus Lotters Pressen hervor. Dieser selbst siedelte, vor der Pest aus Leipzig fliehend, für eine zeitlang nach Meissen über. Seine eigene Verlagsthätigkeit auf dem Gebiete der Philosophie und der Philologie war eine ausserordentliche. Ein treuer wissenschaftlicher Mitarbeiter war ihm Hermann Tulich, der später Professor in Wittenberg wurde. Seit 1518 hatte Lotter wiederholt für Luther Druckaufträge bekommen und letzterer bewog ihn, eine Druckerei in Wittenberg anzulegen, aus der jedoch Lotter kein Segen erwachsen sollte. Er selbst übersiedelte jedoch nicht nach Wittenberg, sondern sandte seine beiden Söhne Melchior und Michael. Zum grossen Teil sind die zahlreichen Schriften, welche Luther im Anfang der zwanziger Jahre in die Welt sandte, aus Lotters Pressen hervorgegangen. Selbst das Monumentalwerk des Reformators, die Bibelübersetzung, wurde von diesem unternommen und schon am 21. Sept 1522 war der Druck des Neuen Testaments vollendet. Während des Drucks des Alten Testaments tritt jedoch ein Erkalten des freundschaftlichen Verhältnisses Luthers zu ihm ein und Hans Lufft erscheint nun als der bevorzugte Bibeldrucker, wenngleich die Verbindung zwischen Luther und Lotter nicht ganz aufhörte. Der Grund, weshalb der letztere von dem ersteren fallengelassen wurde, und weshalb auch der Kurfürst Friedrich ihm ungnädig wurde, ist nicht bekannt. Lotters Thätigkeit, die jedoch sehr erlahmte, lässt sich noch bis Ende der dreissiger Jahre verfolgen. Er soll im Jahre 1542 gestorben sein.

Valentin Bapst.


Ein Buchdrucker ersten Ranges ist Valentin Bapst (1541 bis 1589). Seine Erzeugnisse werden von Kennern als den besten ebenbürtig erklärt. Ein reich illustriertes Werkchen sind die „Geistlyche Lieder mit einer neven Vorrede D. M. Luth.“. Interessant dürfte es manchem sein, aus dem Vorwort zu erfahren, wie ein so ernster Mann wie Luther über die Bücher-Illustration denkt:

„Wer nicht singen vnn sagen wil, das ist ein Zeichen, das ers nicht glaubet, vnn nicht ins new fröliche Testament, Sondern vnter das alte, faule, vnlustige Testament gehöret. Darumb thun die Drucker sehr vol dran, das sie gute Lieder fleissig drucken vnd mit allerley zierde, den Leuten angeneme machen, da mit sie zu solcher Frewde des Glaubens gereitzet werden, vnnd gerne singen. Wie denn dieser Druck Valentin Bapsts sehr lustig zugericht ist, Gott gebe, das damit dem Römischen Bapst, der nichts denn heulen, trawren vnd leid in aller welt hat angericht, durch seine verdampte, vntregliche vnd leidige Gesetze, grosser abbruch vnd schaden geschehe, Amen“.

Ernst Vögelin
u. a.

Berühmt waren die Klassiker-Ausgaben von Ernst Vögelin (1559 bis 1578), dem Schwiegersohn V. Bapsts, sowohl hinsichtlich der technischen Ausführung als der Korrektheit, so dass sie den Aldinen gleich geachtet werden. Vögelin, selbst ein studierter Mann, wurde in Religionsstreitigkeiten verwickelt, flüchtete, und starb in Heidelberg 1590. Grossen Ruf erwarben sich Abraham Lamberg (1587 bis 1629), Henning Gross (1575 bis 1621), Gregorius Ritzsch (1624 bis 1643) und dessen Sohn Timotheus Ritzsch (1638 bis 1678), der bedeutende theologische und juristische Schriften verlegte.

Steigende
Bedeutung
Leipzigs.

Infolge der Reformation war der Schwerpunkt der Kultur immer mehr nach dem Norden verlegt. Hier wehte eine frischere Luft, während der Süden weit mehr dem Einfluss der katholischen Kaiser, den Einflüsterungen des Klerus und den Plackereien der kaiserlichen Bücherkommissionen und Zensoren preisgegeben war. Auch die städtischen Behörden in Frankfurt a. M. hatten nicht den Wert eines vollständig unbehelligten buchhändlerischen Verkehrs genügend erkannt.

Nichts war deshalb natürlicher, als dass der Norden sich von den Büchermessen Frankfurts zu emanzipieren und in der berühmten Messstadt des Nordens — wo die Regierung jetzt liberaleren Ansichten huldigte, die Zensur in humanerer Weise üben liess und die Bücher von der Accise befreit hatte — einen selbständigen Büchermarkt zu gründen wünschte. Zur Michaelis-Messe 1594 erschien der erste Leipziger Messkatalog, herausgegeben von dem Buchhändler und Buchdrucker Henning Gross, zu dem sich in den Jahren 1598-1619 ein zweiter Katalog von Abraham Lamberg gesellte, der 1620 mit dem von Gross vereinigt wurde. Zwar konnte Leipzig als Verlagsplatz im Jahre 1595 nur 68 Artikel gegen 117 in Frankfurt aufweisen, aber schon 1600 war das Verhältnis ein besseres, nämlich 125 gegen 148, und 1632 trug Leipzig seinen glänzendsten Sieg davon mit 221 Werken gegen 68 aus Frankfurt. Die Messkataloge von 1565-1640 verzeichnen 8216 in Leipzig erschienene Werke, davon kommen 243, als die stärkste Zahl einer Jahresproduktion, auf das Jahr 1613.