Rückschlag.

Aber der Rückschlag der ungünstigen Zeiten sowohl für den Buchhandel als für die Buchdruckerei konnte nicht ausbleiben und Leipzig litt mit ganz Sachsen vorzugsweise unter den Drangsalen des dreissigjährigen Krieges. Mangelhafte Schriften, nachlässige Korrektur, schlechtes Papier kennzeichnen die Mehrzahl der Bücher aus damaliger Zeit. Nicht besser war es mit der Xylographie bestellt. Hiergegen halfen natürlich weder Beschränkungen der Buchdruckereien auf Leipzig, Wittenberg und Dresden, noch kurfürstl. konzessionierte Buchdruckereiordnungen, Taxen zur Regulierung der Papier- und Bücherpreise und Visitationsabschiede an die Universitäten, worin Rektor und Dekane ermahnt werden, für guten Druck und sorgfältige Korrektur zu sorgen.

Neuer Auf-
schwung.

Selbst nach dem endlich eingetretenen Frieden dauerte es lange, ehe sich die Buchdruckerei von ihrem tiefen Verfall erholen konnte. Trotzdem hat Leipzig, selbst aus der trübsten Periode, Druckwerke und Drucker aufzuweisen, die jeder Zeit Ehre gemacht haben würden, und hörte nie auf, namhafte Werke aus allen Gebieten der Wissenschaften an das Tageslicht zu fördern. Ein wesentlicher und andauernder Aufschwung tritt jedoch erst gegen Ende des xvii. Jahrhunderts ein. Die Zahl der angesehenen Verlagshandlungen wuchs, unter denen die von M. G. Weidmann, J. F. Gleditsch, Joh. Fritsch, Joh. Fr. Zedler, Joh. S. Heinsius zu nennen sind.

Der Messkatalog[12], dieser Gradmesser des Buchhandels, wies eine Steigerung auf. Leipzig, das Frankfurt im Jahre 1604 zum erstenmale überholt hatte und von da ab bald vorangeht bald zurückbleibt, behält nun, mit Ausnahme des Jahres 1680, die Führung und weist im Jahre 1689 310 Werke gegen Frankfurts 90 auf; 1699 319 gegen 109 und im Jubeljahre 1740 253 gegen 74. Die Zahl der Presserzeugnisse Leipzigs von 1641 bis 1740 betrug 19711, wozu das Jahr 1698 mit 401 Artikeln das stärkste Kontingent stellte.

Bernh. Christ.
Breitkopf.

Mit den Buchhändlern mussten die Buchdrucker Schritt halten. Unter letzteren zeichneten sich aus: Heinr. Christ. Takke durch orientalische Schriften, ganz besonders aber Bernh. Christoph Breitkopf[13]. Er war am 2. März 1695 in Klausthal geboren. 1718 kam er nach Leipzig, heiratete 1719 die Witwe des Buchdruckers Joh. Kasp. Müller, und übernahm die Buchdruckerei, die damals sehr in Verfall geraten war. Breitkopfs Tüchtigkeit und Rechtschaffenheit liessen ihn jedoch Gönner finden, die ihn in den Stand setzten, sich herauszuarbeiten und den „Goldenen Bären“ zu bauen, der das Geschäft 135 Jahre lang beherbergen sollte und Veranlassung zu dem Druckerzeichen dem „Bären“ gab. Der „Silberne Bär“ ward dem goldenen gegenüber 1765-67 erbaut. Die Offizin, im Jahre 1722 die dreizehnte in der Rangordnung, war 1742 schon die dritte und der Besitzer zur Zeit des Jubelfestes 1740 angesehener Oberältester der Innung, welche damals 17 Prinzipale mit 137 Gehülfen zählte. Auf dem Boden des tüchtigen Druckerhandwerks erwuchs bald ein ansehnlicher Bücherverlag, der 1723 mit einer hebräischen Handbibel begann. Die Messkataloge von 1725 bis 1761 weisen 656 Verlagswerke Breitkopfs auf. Den wesentlichen Charakter erhielt der Verlag jedoch durch die engen Beziehungen Breitkopfs zu J. Chr. Gottsched und dessen Frau Luise, geb. Kulmus. Gottsched blieb bis zu seinem Ende Breitkopfs Freund und Hausgenosse im Goldenen Bären. Seine Druckerei übergab Breitkopf 1745 seinem Sohn; im Verlage wirkte er noch bis 1762 und starb hochbetagt und geehrt am 26. März 1777. Er erlebte es noch, wie Gottsched ihm 1736 prophezeit hatte, dass, obwohl er als der erste Buchdrucker Deutschlands gegolten hatte, sein Sohn ihn noch überstrahlte. Die Geschichte darf aber nicht vergessen, dass dies dem Sohne vielleicht nur dadurch möglich geworden ist, dass der Vater ihm die Druckerei in einem Zustande hinterliess, der ihm gestattete, sich ohne Schranken seinen, mitunter sehr kostspieligen Versuchen und Erfindungen hinzugeben.

Wittenberg.


Ein schlagendes Beispiel, wie das Buchdruckergewerbe mit dem geistigen Leben fällt und steigt, giebt WITTENBERG[14], wo Luthers Wirksamkeit die Kunst zu einer schnellen Blüte trieb. Melchior Lotter d. jüng. (1519-1523) begann die Reihe der Reformationsdrucker. Ihm folgte Georg Rhawe (1520-1548), welcher sowohl Schriften von Luther als von Melanchthon druckte. Sein Hortulus animæ mit Cranachs Zeichnungen ist ebenso geschätzt wie Gabr. Schnellboltzs Sammlung von Portraits in einer so vorzüglichen Ausführung, dass man die Zeichnungen Lucas Cranach zuschreibt. Der bekannteste unter Wittenbergs Buchdruckern ist Hans Lufft, „der Bibeldrucker“ (1525-1584). Er druckte 1534 die Luthersche Bibelübersetzung, die 1541, 1545 und 1546 in neuen Auflagen wiederholt wurde. Da auch die meisten andern Schriften Luthers aus seinen Pressen hervorgingen, so gewann sein Geschäft eine grosse Ausdehnung. Für den Bibeldruck allein arbeiteten fortwährend drei bis vier Pressen, und man behauptet, dass gegen 100000 Exemplare der Bibel aus seiner Offizin hervorgegangen sind. Die Pressen von Hans Weyss, Peter Seitz und Johann Kraft wurden ebenfalls durch die Reformation im Gang erhalten.