SCHWERE Zeiten hatten in der Sturmperiode Frankreichs auf der Buchdruckerei und dem Buchhandel gelastet und nur wenigen Auserwählten der alten Garde war es, wie wir gesehen, vergönnt gewesen, aus der Krisis ungeschädigt hervorzugehen. Als nun das Buchgewerbe wieder aufzuatmen begann, war es, da die neue Litteraturperiode noch nicht angebrochen war, natürlich, dass die Schaffenslust sich zuerst der Herstellung von schönen Ausgaben der vorhandenen Schriftsteller, die zu den französischen Klassikern gezählt wurden, zuwendete.
Th. Desoër.
J. J. Lefèvre.
Theodor Desoër war der erste, der eine solche Prachtausgabe: einen zwölfbändigen Voltaire, herausgab, die alle Welt in Erstaunen versetzte, welche die Frage lebhaft diskutierte, ob der Verleger bald ein reicher oder ein bankerotter Mann werden würde. Jean Jacques Lefèvre wollte Ausgaben bringen, die selbst die Didotschen übertreffen sollten. In den Jahren 1826–1829 gab er zuerst in 73 Bänden in Oktav die französischen Klassiker mit reichhaltigen Kommentaren heraus, dann die ohne Rivalen gebliebenen Sammlungen älterer und neuerer Klassiker aller Länder in 32°. Gleichzeitig veröffentlichte L. Janet seine luxuriösen Ausgaben der geistlichen Schriftsteller.
Prachtausgaben.
Eine Prachtausgabe jagte nun die andere. Von Voltaire allein erschienen nicht weniger als vierzig Ausgaben in den verschiedensten Formaten und zu den verschiedenartigsten Preisen. In ununterbrochener Reihe folgten Buffon, Madame de Sévigné, Boileau, Bossuet und viele andere ältere Schriftsteller mit prachtvollen Stichen, unter Mitwirkung von Künstlern wie Desenne, Deveéia, Henriquel-Dupont, Calamatta, Lecomte, Girardet, Lorichon u. a. Daneben behaupteten jedoch auch die älteren Ausgaben ihren Wert bei den vielen Bücherliebhabern. Zu zahlreichen Werken mit und ohne Illustrationen gaben die Thaten Napoleons und der grossen Armee Anlass. Die arbeitenden 1500 Pressen, davon 800 in Paris, reichten öfters nicht aus, um dem Andrängen der Verleger zu genügen. Im Jahre 1811 erreichten die gedruckten Bogen die Zahl von neunzehn Millionen, 1826 war sie auf 145 Millionen gestiegen, nicht gerechnet die enorme Zahl der politischen Broschüren, der Zeitungen und der Revues.
C. Ladvocat.
Trotz der Schönheit der Klassiker-Ausgaben traten diese mit der Zunahme der modernen Schriftsteller von Bedeutung wie Benj. Constant, Chateaubriand, Lamartine, Cas. Delavigne und viele andere in den Hintergrund. Was Lefèvre für die alten Verfasser gewesen, wollte nun Charles Ladvocat für die lebenden sein. Er war der richtige Typus eines modernen Buchhändlers, kühn, unermüdlich, freigebig, von Liebe zu seinem Geschäft beseelt. Er verstand jedoch nicht, dabei klug haushälterisch zu sein. Er gab zwar der Litteratur einen mächtigen Stoss nach vorwärts, sollte aber so wenig wie Lefèvre die Früchte des regen Schaffens geniessen, und beide starben arm.
Der Roman.
Dem Roman war es beschieden, einen mächtigen Einfluss auf das Druckgewerbe zu üben. Am Tage der Herausgabe eines neuen Romans von Victor Hugo, Jules Janin, Ch. Nodier, H. de Balzac, Paul Lacroix, Léon Gozlan, Eug. Sue, Alf. Karr u. a. waren die Buchhandlungen förmlich belagert. Die höchsten Honorare wurden bezahlt, oft für Bücher, von denen noch keine Zeile geschrieben war.