Das Feuilleton.
Doch hiermit sollte es nicht genug sein. Emil Girardin öffnete dem Roman noch neue Bahnen. Er hatte den Gedanken gefasst, ein Journal von dem Umfange der grossen Blätter, aber nur zu vierzig statt zu achtzig Franken, herauszugeben. Das wirkte in der Journalistik gleich einer Revolution im Staate. Im Jahre 1835 erschien Girardins La Presse; Le Siècle war die erste Konkurrenz. Das Publikum sollte namentlich durch das Feuilleton angelockt werden und es entstand eine wahre Hetzjagd nach Romanen für dasselbe und selbst die ernsthaftesten Journale mussten dem Strom folgen. Souliés Mémoires du diable und Sues Mystères de Paris in dem Journal des Débats wurden geradezu verschlungen. Die Männer des Romans genügten nicht und es entstand eine ganze Legion von romanliefernden Blaustrümpfen. War der Roman im Feuilleton beendigt, so kam eine Nachlese für Autor, Verleger und Drucker durch Herausgabe als Buch.
Die Kunst des Zeilenmachens[107] wurde im grossen Stil geübt, als besonderer Virtuos zeigte sich hierin Victor Hugo. Da nach den Zeilen bezahlt wurde, so waren Zeilen wie „Ja“ — „Nein“ — „Er ging“ — „Sie lächelte“ etc. sehr profitabel.
Doch das Romanfieber liess nach und es machte sich nun, unterstützt durch die Fortschritte der Holzschneidekunst und das vortreffliche Material an Schrift, Papier und Pressen, die Sucht geltend, alles mit Holzschnitten zu illustrieren.
Der Holzschnitt.
So prachtvoll die Stahlstiche auch gewesen, man sehnte sich doch nach einfacherer Kost. Der Holzschneider Porret war einer der ersten, der auf Antrieb Achille Devérias zur Reorganisation der Xylographie die Initiative ergriff. Die talentvollen Zeichner eigneten sich mit Eifer die Methode für den Holzschnitt zu zeichnen an. Desenne, Devéria, Alfr. und Tony Johannot, Jul. David, Raffet, Charlet, J. J. Grandville, Horace Vernet, Vict. Adam, Ary Scheffer, Gavarni und andere Künstler ersten Ranges erschienen auf dem Die illustrierten Klassiker.Kampfplatz. Da gab es ein lustiges Turnier. Alle Klassiker, fremde und einheimische, wurden mit Holzschnitten illustriert; geschichtliche, ethnographische und naturwissenschaftliche Werke folgten in bunter Reihe, daneben die illustrierten Blätter. Schliesslich kamen die illustrierten Romane zu 20 Cent. für die Lieferung an die Reihe und auch die Jugendschriften nahmen ein anderes Gesicht an. Der Sieg des Holzschnittes über den Stahlstich war ein vollständiger.
Gegen das Ende des Bürgerkönigtums hatte das Geschäft wenigstens anscheinend eine hohe Blüte erlangt. In der Zeit von 1830–1848 betrug die Zahl der erschienenen Werke 105000 und sie hat sich mit stellenweisen Unterbrechungen durch die politischen Wandlungen auf einer hohen Stufe erhalten.
Der Cercle de la librairie.
Zu dem Ansehen des französischen Pressgewerbes hat, wie bereits in der „Einführung“ angedeutet wurde, der Cercle de la librairie, de l'imprimerie, de la musique et des estampes[108] vieles beigetragen. Aus dem angeführten Titel geht schon hervor, dass der Cercle als Sammelplatz für alle die mannigfachen Kräfte dient, welche bei den graphischen Künsten im weitesten Sinne beschäftigt sind. Nicht nur in allen Verhältnissen der Regierung gegenüber, sondern auch bei allen Weltausstellungen hat der Cercle die Interessen des Buchgewerbes mit Energie, Geschick und Glück vertreten. Er wacht mit Eifersucht dem Auslande gegenüber, jedoch ohne Eifersüchtelei unter den Mitgliedern des Vereins, über die Behauptung der hervorragenden Stellung des französischen Druckgewerbes, wenn dieses auf dem Weltmarkt sich zeigt.
Der am 5. Mai 1847 unter dem Vorsitz von Ambr.-Firmin Didot gegründete, 1853 reorganisierte Verein erwarb 1856 das Eigentumsrecht auf die seit dem Jahre 1811, damals im Besitz der Familie Pillet, erscheinende Bibliographie de la France. Das 1858 unternommene L'Annuaire de la librairie wird nicht regelmässig fortgesetzt und hat für den Buchhandel Frankreichs nicht die Bedeutung wie in Deutschland O. A. Schulz' Adressbuch. 1863 wurde das Comité judiciaire des Cercle eingerichtet. Am 12. Juni 1878 wurde der Grundstein zu einem prachtvollen Versammlungshaus, Ecke der Rue Grégoire-de-Tours und des Boulevard St.-Germain, gelegt und dasselbe am 4. Dezember 1879 feierlich eingeweiht. Es werden seit der Zeit höchst interessante Ausstellungen dort abgehalten. Im Jahre 1880 war die Zahl der wirklichen Mitglieder 317, darunter 119 Buchhändler, 40 Buchdrucker, 26 Lithographen, 55 Papierfabrikanten, 11 Buchbinder, 8 Maschinenfabrikanten etc. Ausserdem hatte der Cercle 21 Ehrenmitglieder und 145 korrespondierende Mitglieder. Das Vereinsvermögen betrug 350000 Franken.