Eine Eigentümlichkeit dieser Gruppe, soweit ihre Angehörigen germanischen Ursprungs sind, ist die Verwendung der von den zwei anderen Gruppen fast ganz ausgeschlossenen Frakturschrift. Trotzdem ist diese, wie bekannt, nicht die alleinherrschende geblieben. Von der Fraktur „will“, von der Antiqua „kann“ man nicht lassen. So hat sich ein geschäftlicher Usus eingebürgert, demzufolge den beiden Schriften in dem eigentlichen Bücherdruck fast ähnliche Stellungen zugewiesen werden, wie sie im Altertum die hieratischen und demotischen Schriften Ägyptens innehatten, sodass die Antiqua mehr die Schrift der Eingeweihten blieb, während die Fraktur mehr die Volksschrift wurde. Zu den Werken der strengeren Wissenschaften und zu Prachtausgaben verwendet man vorzugsweise die aristokratischere Antiqua, zu den Erscheinungen der schönwissenschaftlichen und populären Litteratur, zu Unterrichts- und Andachtsbüchern dient hauptsächlich die populärere Fraktur[150].

Die Accidenzien fallen in ganz überwiegender Weise der Antiqua zu, dagegen die Zeitungen fast ausnahmslos der Fraktur. Und so wird es wahrscheinlich noch lange Zeit bleiben[151].

Diese Doppelheit in der Schrift trägt allerdings eine grössere Vielseitigkeit zur Schau, hat jedoch für die deutschen Buchdruckereien den Nachteil gehabt, dass diese gleichmässig reich mit Antiqua- und Frakturschriften ausgestattet sein müssen. Somit schliesst jede Offizin eigentlich zwei Druckereien in sich: eine für Arbeiten in Fraktur, eine zweite für die in Antiqua, so dass bei einem gleichen Quantum von Schrift eine französische oder englische Offizin, weil nur nach einer Richtung hin ausgestattet, quantitativ fast eine doppelt so grosse Leistungsfähigkeit als eine deutsche besitzt.

Was den deutschen Arbeiter betrifft, so vereinigt er in sich vielleicht mehr als der irgend eines anderen Landes die mancherlei Eigenschaften, die dem Typographen eigen sein müssen. Er ist selbständiger im Arbeiten und leistet aus eigenem Antrieb in der Regel mehr, als ein anderer, weshalb man auch fast nie „schlechte“ Arbeiten aus Deutschland sieht. Seine Fähigkeiten sind vielseitiger; er bringt es aber selten zur Virtuosität in einem einzelnen Fach und es ist schwer, ihn zur Überschreitung der Grenzen des ihm „Gut genug“ scheinenden zu bringen. Das mag wohl auch darin liegen, dass es in vielen Fällen nicht anders mit den Prinzipalen, den Verlegern, den zeichnenden Künstlern und den sonst Beteiligten steht. So selten das wirklich Schlechte ist, dem man in der französischen Typographie täglich begegnet, so selten trifft man auf vollendete, stilvoll durchgeführte Leistungen in Deutschland. Viel Schuld dabei trägt die Verwendung der Antiqua und der Fraktur nicht nur „neben“, sondern geradezu „unter“ einander. Die richtige Behandlung der beiden Schriftarten beruht jedoch auf abweichenden Grundsätzen; es kommt deshalb trotz sonstiger Vorzüge der Arbeiter selten zu einem fest ausgebildeten Geschmacke.

Was in Bezug auf Deutschland gesagt wurde, gilt auch von Österreich, welches namentlich im Accidenzfache hinter Deutschland nicht zurücksteht, in dem xylographischen Farbendruck es sogar übertroffen hat. Auch Ungarn nimmt an den Bestrebungen teil. Die Schweiz und die Skandinavischen Länder, die, was Material, Schriften u. dgl. betrifft, hauptsächlich von Deutschland abhängig waren, schlossen sich ganz der deutschen Schule an und liefern jetzt, wennauch nicht gerade viel Hervorragendes, so doch sehr viel Beachtenswertes. Die Slawischen Länder machten wesentliche Fortschritte und leisten zumteil Gutes, jedoch stehen im allgemeinen die Erzeugnisse dieser Länder etwas zurück und es wird wohl aus leicht begreiflichen Gründen auch noch einige Zeit darüber vergehen, ehe sie eine, derjenigen der grossen Kulturländer ebenbürtige Stellung einnehmen werden.

Die Pressverhältnisse, die Technik und die Industrie in Deutschland waren zur Zeit des allgemeinen Aufblühens der Typographie zu Beginn des XIX. Jahrhunderts nicht derart, dass die Notwendigkeit des Maschinenbetriebes so wie in England und Amerika sich von selbst aufgedrängt hätte. Es kann deshalb Deutschland nicht so sehr zur Last fallen, dass es die erste Ausbeutung der, die Typographie umgestaltenden deutschen Erfindung der Schnellpresse, sowie die ersten Verbesserungen und die spätere Vervollkommnung derselben dem Auslande überliess, so dass die Erfindung sozusagen erst wieder aus dem Auslande importiert werden musste. Sobald die Verhältnisse sich jedoch einigermassen besser gestalteten, hat es gezeigt, dass es in der Technik und Mechanik nicht allein nicht zurückgeblieben, sondern auf dem besten Wege ist, sich den Weltmarkt zu erobern.

Wie in der Typographie macht sich auch in der Xylographie eine doppelte Strömung geltend. Der echte deutsche Holzschnitt der Gegenwart lehnt sich an die Arbeiten der Meister aus der Renaissancezeit an und seine Technik ist geradezu ein Gegenstück zu dem englischen. Der „tüchtige“ deutsche Xylograph unterordnet sich vollständig dem Zeichner und entsagt dem Ruhm, auf Kosten des Urhebers der Zeichnung ein schaffender Künstler zu sein. Er ist bestrebt, jeden Strich genau so wiederzugeben, wie er in der Zeichnung dasteht. Er lässt nichts weg, setzt nichts hinzu. Der deutsche Holzschnitt steht deshalb öfters gegen den englischen in der glänzenden Technik zurück, aber er hat den Vorzug, die Zeichnung in ihrem eigentümlichen Charakter wiederzugeben und er verdient deshalb die lebhafteste Unterstützung der Künstler.


Während die Geschichte der Buchdruckerkunst in Frankreich und England ziemlich mit der Schilderung der typographischen Wirksamkeit der beiden Metropolen Paris und London zusammenfiel, lagen die Verhältnisse in Deutschland etwas anders.