Zwar besitzt das deutsche bibliopolisch-typographische Reich in Leipzig einen Mittelpunkt des Verkehrs, der in mehrfacher Hinsicht einzig in seiner Art dasteht; zwar haben sich in Leipzig, einer Provinzialstadt mittleren Umfanges, durch die eigene Kraft und Thätigkeit bei kluger Benutzung günstiger Umstände nicht allein der ganze Kommissionsbuchhandel, sondern auch eine grossartige Verlags- und typographische Wirksamkeit entwickelt, und die Stadt gilt noch heute mit Recht als das Zentrum der bibliopolisch-graphischen Thätigkeit Deutschland-Österreichs. Es war jedoch in den Verhältnissen begründet, dass Berlin mit der zunehmenden Wichtigkeit der Machtstellung Preussens mehr und mehr ein Sammelpunkt wissenschaftlicher, künstlerischer und journalistischer Kräfte werden und damit für den Buchhandel und die Typographie eine hohe, sich namentlich über den Norden erstreckende Bedeutung gewinnen musste. Dass dies in einem noch weit höheren Masse von der jetzigen Reichshaupt- und Millionenstadt gilt, bedarf kaum der Erwähnung.
Andererseits entwickelte sich in dem Süden ein in mancher Beziehung schon aus religiösen Gründen von dem nordisch-protestantischen abweichendes Geistesleben, das in seiner Sonderrichtung zumteil von divergierenden politischen Neigungen genährt wurde. München, das durch seine Stellung in Kunst und Wissenschaft und durch seine Bedeutung als Hauptstadt des zweitgrössten Staates Deutschlands zur Führung des Südens berechtigt war, wusste nicht diese Berechtigung geltend zu machen. Wie im Zentrum, so gelang es auch im Süden einer Mittelstadt durch günstige Verhältnisse, Rührigkeit und Intelligenz den ersten Platz einzunehmen und es wurde Stuttgart möglich, wennauch nicht Leipzigs Bedeutung für das Ganze, so doch eine bevorzugte Stellung für den süddeutschen Buchhandel zu erreichen und letzterem eine gewisse Selbständigkeit in dem deutschen bibliopolisch-typographischen Reich zu erwerben.
Eine ausschliessliche Konzentration fand mit alledem nicht in den drei erwähnten Emporien statt. In Nürnberg, Augsburg und Frankfurt a. M. lebten die alten Traditionen noch lange fort; die freien Hansastädte waren nicht Provinzialstädte im englisch-französischen Sinne geworden, und in mancher der kleinen Residenzen spross öfters ein unabhängiges reiches Kulturleben hervor. Während in Frankreich z. B. ein in Nantes oder Bordeaux, in England ein in Liverpool oder Manchester erschienenes Verlagswerk, welches sich Geltung zu verschaffen wusste, ein Phänomen blieb, war es, um in Deutschland mit einem Werke durchzudringen, nicht notwendig, dies in Leipzig, Berlin oder Stuttgart erscheinen zu lassen, wenn dies auch seine geschäftlichen Vorteile hatte. Ein Verleger in Braunschweig, Gotha, Altenburg oder in jeder anderen kleinen Druckstadt konnte, wenn er der rechte Mann und seine Artikel gute waren, diese zur Geltung bringen. Infolge davon verbreiteten sich auch die typographischen Anstalten gleichmässiger über das ganze Reich.
Dies war der Segen der eigentümlichen Organisation des deutschen Buchhandels, der in der Zeit der nationalen Drangsale Deutschlands fast das einzige Band war, welches das politisch zersplitterte Reich zusammenhielt.
Solange der politische Druck auf Österreich und seiner Hauptstadt lastete, war es mit dem Press- und Buchgewerbe dort nur kümmerlich bestellt. Es konnte jedoch nicht fehlen, dass mit dem Fallen der Fesseln dies anders werden musste. Es war nicht denkbar, dass Wien, damals im Range die dritte der Weltstädte, sich einer Provinzialstadt Mitteldeutschlands bibliopolisch und typographisch unterordnen sollte. In rapider Weise entwickelte sich dort der Verlag und die Buchdruckerkunst und um die Kaiserstadt herum gruppierten sich nun wieder die Provinzialstädte des Reiches, die früher vollständig isoliert gestanden hatten.
So sehen wir nunmehr das deutsche Pressgewerbe, unter Beibehaltung seines eigentümlichen Wesens, namentlich in vier Emporien repräsentiert: Leipzig im Zentrum, Berlin im Norden, Stuttgart im Süden, Wien im Osten, während die übrigen Teile und Städte Deutschland-Österreichs sowohl als der von diesem geschäftlich abhängigen Umländer, je nach Lage, Sympathien oder nach der politischen oder geschäftlichen Attraktionskraft der Mittelpunkte, sich um diese gruppieren.
Von einer scharfen Abgrenzung kann dabei selbstverständlich nicht die Rede sein. Da es jedoch die Übersicht sehr erleichtert, den massenhaften Stoff nach den natürlichen Kreisen zu scheiden, so ist diese Vierteilung für die folgenden Kapitel beibehalten, jedoch unter Voranstellung einer Gesamt-Übersicht der Schriftgiesserei, der Xylographie, der Maschinenfabrikation und sonstiger für die Gesamtheit gleichen Verhältnisse.