Das französische Papier hat einen verdienten Ruf erworben und Frankreich gehört die Ehre der Erfindung der Papiermaschine. Auf Anregung Didots liess Pierre Montgolfier das erste ungerippte Velinpapier anfertigen und adoptierte das holländische System der Zerfaserung der Lumpen durch Schneidecylinder statt durch Stampfen. Die erste Idee des Papiers ohne Ende hatte der Werkführer Louis Robert in der Papiermühle Didot-Saint-Légers in Essonnes gefasst. Letzterer erwarb die Rechte Roberts und erhielt von der Regierung 8000 Livres zu seinen Versuchen. Infolge der Revolution begab sich Didot nach London, wo die Papiermaschine durch die Talente des Ingenieurs Donkin und die Kühnheit der Papierfabrikanten Gebr. Foudriner ihre Vervollkommnung erhielt. Als Didot 1814 nach Frankreich zurückgekehrt war, wurde nach seinen Angaben die erste Maschine von Berthe in Sorel gebaut, es folgten solche in Saint Jean-d'Heures und in Mesnil. Zu gleicher Zeit wurde sie durch Canson in Annonay errichtet.
An Papierfabriken besitzt Frankreich 524 mit 28656 Arbeitern und mit einer Betriebskraft von 21000 Pferden. Sie produzieren jährlich Ware zu einem Werte von 104 Millionen Franken. Die wichtigsten Produktionsorte sind Annonay, Angoulème und das Departement Isère. Die Papiersteuer brachte 16439000 Franken.
Die Buchbinderkunst.
In der Kunst des Buchbindens steht Frankreich obenan. Von dem Bücherleinen hat es sich im ganzen genommen freigehalten. Fast alle neuen Bücher werden im broschierten Zustand in den Handel gebracht. Ausgenommen davon ist die Litteratur der Andachtsbücher, in deren Herstellung zu fabelhaft billigen Preisen bei reicher Ausstattung Mame & Co. in Tours Bedeutendes leisten. Neben diesen billigen Einbänden kommen jedoch auch die kostbarsten aus Seide, Sammet, Leder und Elfenbein mit echten Spangen und Beschlägen vor, die sich in die höchsten Preise versteigen. Die Handarbeit, unterstützt durch Reichtum und Geschmack einer bedeutenden Zahl von Bücherfreunden, hat in Frankreich noch einen grossen Spielraum. Sie übertrifft an Geschmack die englische, muss aber dieser den Vorzug in der Behandlung des Leders einräumen. Verwendet werden gewöhnlich Chagrin und Corduan. Die Mosaikarbeiten der Franzosen sind nicht eigentlich eingelegte Arbeiten, sondern die betreffenden Stellen werden ganz dünn geschabt, das andere farbige Leder darauf gelegt und die Ränder mit Goldverzierungen bedruckt.
Auf die strenge Einteilung der Arbeit in der Buchbinderei wurde schon hingewiesen. In den einzelnen Offizinen sind wieder die einzelnen Beschäftigungen gruppenweise verteilt. Viele der Arbeiter, die in ihrer Spezialität Vorzügliches leisten, würden nicht imstande sein, allein ein Buch leidlich zu binden. Dieses System mag allerdings der allgemeinen Ausbildung des einzelnen Individuums hinderlich sein, das Publikum erhält jedoch durch dasselbe billigere und bessere Bände.
Neben der Anlehnung an die goldene Zeit hat sich eine selbständige moderne Dekorationsweise ausgebildet, die vieles Hübsche liefert. Die Führerschaft dürfte Lortic zukommen, der sich ganz besonders durch die Wissenschaftlichkeit seiner Arbeiten auszeichnet. Jeder Einband ist in dem Geist der Zeit, welcher das Werk angehört, streng durchgeführt; für die jetzige Zeit hat er sich einen eigenen Stil des XIX. Jahrhunderts gebildet. Bände von ihm werden bis mit 3000 Franken bezahlt.
Fußnoten:
[82] Die obigen Worte sind der von dem Verfasser dieses Handbuches als Mitglied der Internationalen Jury für die Gruppe XII der Wiener Ausstellung, im Jahre 1873 und Berichterstatter derselben abgefassten Motivierung des Antrages der Jury entnommen: dem Cercle de la Librairie die goldene Ehrenmedaille zu erteilen. Überhaupt kommen in dem Versuch der Charakterisierung der modernen Typographie in den verschiedenen Gruppen öfters Anführungen vor aus der im Auftrag der Kaiserlich Deutschen Ausstellungs-Kommission abgefassten Schrift: „Die graphischen Künste auf der Weltausstellung zu Wien. Offizieller Bericht von Carl B. Lorck. Braunschweig 1874“. Diese Entlehnung aus eigener Arbeit wird wohl niemand als Plagiat betrachten.
[83] Nachdem dieser Abschnitt bereits gesetzt war, geht uns ein Artikel des bekannten Fachjournals L'Imprimerie zu, in welchem einer der tüchtigsten Typographen Frankreichs, Motteroz, nicht allein das obengesagte zugiebt, sondern noch viel weiter geht und eine Überlegenheit Deutschlands nicht nur in der Typographie und der Schriftgiesserei, sondern auch in der Xylographie und der Papierfabrikation anerkennt und für die Franzosen nur den Vorzug in der Maschinenfabrikation beansprucht. Im Gegensatz zu einer öfters vorkommenden Überhebung seiner Landsleute scheint Motteroz fast in eine Kleinmütigkeit zu verfallen, die doch wohl zu weit geht, wenn er schliesst: „Noch wäre es vielleicht Zeit, sich aufzuraffen, besitzen wir aber hierzu die nötige geistige Kraft?“
[84] H. Smalian, Praktisches Handbuch für Buchdrucker im Verkehr mit Schriftgiessereien. 2. Aufl. Leipzig 1877.