An einem Teiche ging ich vorbei, in dem schwammen Enten und quakten. Sie schienen mit dieser ihrer Beschäftigung zufrieden zu sein, denn ihr Quaken klang gesättigt. Manchmal kam jemand, tötete eine Ente und aß sie, und die Ente schwamm nicht mehr und ließ auch das Quaken sein, und schien auch mit ihrer jetzigen Beschäftigungslosigkeit zufrieden zu sein, denn ihr Nichtquaken kam aus sattem Magen und klang mir gesättigt . . .
Ein Land ging ich entlang, in dem waren Menschen und quakten. Sie schienen mit dieser ihrer Beschäftigung zufrieden zu sein, denn ihr Quaken kam aus vollem Magen und klang gesättigt. Manchmal kam jemand, ein Tod, tötete einen Menschen und aß ihn. Der Mensch ließ dann das Quaken sein und war auch damit zufrieden, denn sein Quaken der Ruhe klang mir gesättigt . . .
Heute werde ich an den Teich gehen und die Enten fragen, warum sie schwimmen, quaken und zufrieden sind. Heute werde ich in das Land gehen und die Menschen fragen, warum sie sind, quaken und zufrieden sind. Heute werde ich zum Tod gehen und ihn fragen, warum er ist, Dinge tötet, sie ißt und dann zufrieden rülpst. Heute werde ich den Schreiber dieser Worte fragen, warum er lebt, quakt und unzufrieden ist . . .
Und sie alle werden mir sagen: „Wir quaken, weil wir quaken. Wir sind, weil wir sind. Wir quaken, solange wir sind, sind wir nicht mehr, so lassen wir es sein. Zufrieden oder unzufrieden quaken wir, sind wir, weil es uns so gefällt und gut dünkt. Qua, qua . . .“ . . .
*
Mich schmerzt mein Kopf, mein Körper ist müde, ich möchte mich auf den Boden fallen lassen und aufhören, mich aufrecht zu erhalten. Doch ich darf es nicht, der Lehrer scheint mit mir sprechen zu wollen, ich muß „Aufmerken“ markieren, und deshalb nicke ich des Öfteren mit dem Kopf und lächle, als wäre das, wovon der Lehrer spricht, mir sehr einleuchtend und als würde ich ihm großes Interesse entgegenbringen. Gut ist es, daß ich dabei nicht direkt auf den Lehrer schaue, die Leere und Starre meiner Augen müßte dem Lehrer sagen, daß mein Lächeln eine Lüge ist. Doch weiß ich, im Notfalle könnte ich auch meine Augen aus ihrer Starre reißen, mit ihnen lächeln, mit ihnen lügen. Es scheint, der Lehrer will es, er spricht mich an. Ich muß seine Worte erst in meinem Hirn aufnehmen, denn sinnlose Laute hört bisher nur mein Ohr. Es ist mir endlich geglückt, und schon sagt mir mein hilfreicher Nachbar, was der Lehrer zu hören wünscht. Gut, daß der Lehrer schon von mir abläßt, sonst hätte ich ihn noch gefragt — was die ganze Zeit mich schon bedrückt — wozu das alles ist, wozu ich im Trauerspiel „Schule“, dessen Dauer ohne erlösendes Ende zu sein scheint, mitspielen muß, weshalb das Stück überhaupt aufgeführt wird, und warum es durch so viele tote Saisons geschleppt wird. Doch ich weiß, nie werde ich den Lehrer fragen, denn aufschreiend würde ich ihm auf seine Lügenantwort antworten: „Non vitae, sed scholae discimus!!!“ Er würde das aber nicht verstehen, wie auch, wenn ich ihm sagen würde, daß die Schule und das Leben, beides, Lügen sind. Unverständig würde mein Verstand seinem Unverstand scheinen, deshalb unterlasse ich alles Sprechen und lebe weiter in der Schule, wie ich im Leben weiterleben werde, eben weil ich noch nicht tot bin.
*
Er war Repetent. Ich hatte Nachprüfung gehabt. Wir gefielen einander und wurden Freunde. Gegenseitig schrieben wir die Schularbeiten von einander ab, machten uns auf Fehler aufmerksam. Doch bei der lateinischen Schularbeit zeigte er mir einen Fehler nicht, und als er die bessere Note bekam, lächelte er. Zur Strafe dafür, daß er mir die Freundschaft beschmutzt hatte, beschmutzte ich ihm das Lineal. Er verlangte, daß ich es reinige, ich tat es nicht. Schulrecht und Schülerstolz hatte ich. Und als er mir mit Klage beim Lehrer drohte, sagte ich ihm verächtlich, er möge nach seinem Belieben verfahren, ich möge ihn nicht mehr. Ich wandte mich von ihm ab und meiner Beschäftigung zu, verfolgte Harun al Raschid durch tausendundeine Nacht. Der Verräter an meiner ersten Freundschaft zeigte mich und meine Tat dem Lehrer an. Solche Schandtat verstand ich nicht und nahm das Urteil des Lehrers wortlos entgegen. Der Lehrer hätte mich doch nicht verstanden, wenn ich ihn über Schulrecht belehrt hätte. Nach dieser Affäre sandte mir der Judas einen Unterfreund und bot mir neuerdings seine Freundschaft an. Ich wies sie ab. Und wandelte allein, über dieses Vorgehen meines Freundes a. D. nachdenkend. Und dieser Schurke ließ eine schurkische Rachetat folgen. Am nächsten Morgen stand er auf und sagte dem Lehrer, sein Reißzeug fehle ihm, noch vor dem Unterricht hätte er es besessen, wie Augenzeugen bezeugen könnten. Und er wandte den Verdacht, ihm das Reißzeug gestohlen zu haben, auf mich, und der Lehrer, der mir nicht gefiel, und dem ich deshalb nicht gefiel, gab ihm recht und sagte zu mir: „Sie scheinen der Dieb zu sein!“ Der Lehrer hatte die Angelegenheit vorher nicht geprüft, mich nicht sprechen lassen. Dieb hieß er mich vor der ganzen Klasse, Dieb echoten die Schüler, und der Verräter grinste mich an. Ohne Träne, weinend, fiel ich in die Bank . . .
*
Ich sitze vor der Uhr und starre sie an. Das ist meine tägliche Beschäftigung. Ihr werdet sagen, das sei eine nutzlose Beschäftigung. O nein, das ist nicht wahr, denn ich werde dafür bezahlt. Ja, etwas eintönig ist sie, da die Uhr nur eine Gangart hat, in der sie seit ihrer Erschaffung geht und in immer gleicher Tonlage und Tonart zu mir spricht. Aber das macht mir nun nichts mehr. Ich habe mich damit abgefunden, d. h. ich mußte, denn würde ich mit meiner Beschäftigung nicht zufrieden sein, so würde man mir sie nehmen, ich würde nichts bezahlt bekommen, könnte nicht weiter leben und arbeiten, um zu arbeiten. Es ist nämlich jetzt so schwer, Arbeit zu finden, alle Arbeiten sind vergeben. Die Mondanstarrer brauchen keinen neuen, und auch bei den Auf-die-Erde-Spuckern sind alle Posten besetzt. Deshalb trachte ich, meinen Vorgesetzten keinen Anlaß zur Klage zu geben und starre die Uhr gut an. Ich glaube, niemand kann das so gut wie ich. Manchmal, um mich ein wenig zu unterhalten, folge ich den Sekunden- und Minutenzeigern mit meinen Zeigefingern, obwohl das sehr strenge verboten ist. Doch ich wurde noch nie auf diesen Abwegen betroffen, denn, kommt jemand zu mir in meine Zelle, so gebe ich, bevor er noch bei mir ist, schon wenn ich das geringste Geräusch von Tritten höre, schnell die Finger von der Uhr und starre sie vorgeschriebenermaßen bewegungslos an. Doch immer, wenn ich meine Finger denen der Uhr folgen lasse, schaut sie mich spottend an, denn sie weiß, daß meine Finger nicht soviel aushalten können wie ihre und daß ich meine Finger bald fallen lassen werde. Auch meine Augen halten nicht soviel wie die Uhr aus, müde fallen mir oft die Lider über meine Augen. Doch sofort reiße ich die Lider empor, und meine Augen starren die Uhr an, denn ich will meine Pflicht erfüllen und will nicht die Leute, die mich bezahlen, betrügen, indem ich ihnen für ihr Geld nicht den vereinbarten Gegenwert leiste.