Eigentlich: wozu ich die Uhr anstarren muß, weiß ich nicht. Aber dies weiß mein Herr. Denn er spricht sehr groß davon, und ich ahne, auch ich werde bald meine Arbeit verstehen und zu würdigen wissen. Sagte mir doch gestern der Herr, wenn ich größer sein werde, würde ich all dies verstehen, und bis dahin erfülle ich getreulich meine Pflicht, worob mich mein Herr auch lobt und liebt. Und ich warte, daß meine Jahre kommen, mich älter und größer machen, mir das Verständnis für Arbeit und andere Dinge geben.

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Mein Wecker schrillt mir in die Ohren. Mein Tag fällt mich an. Ins Gefängnis. Arbeite, Sklave! Ich der Herr, peitsche dich mit Befehlen. Du bist meine Hur für Dirnenmonatslohn. Sklave, sklave mehr! Schneller, sonst gibt es Peitsche! Hier nimm deinen Lohn! Leck mir die Hand! Sklave schufte! Schneller! Diese Bücher auf deinen Kopf! Schleppe sie den Tag! Höre Sklave, ich bin auch in der Nacht dein Herrdämon! Trage sie nachts in deine Träume auch! Ich sitze auf deinem Bauch. Ich rauche dich an. Drossle und presse dich. Fresse dich. Bei lebendem Leben. Stöhnst du Sklave? Mein Fuß ist auf deinem Kopf. Ich reiße dich nieder an deinem Schopf. Werfe und schlage dich. Denn du bist mein Sklave. Mir verkauft fürs tägliche Brot. Um Schandenlohn. Ich gebe dir auch Hohn. Brichst du zusammen, werfe ich dich fort. In den Ab-Ort des Lebens. In den Arbeitstod. Nicht in den wirklichen, Törichter. Nein. Weiter renne du dann, aber als kranker Hund in der Mühle deines Lebens, das du mir verkauft hast. Weiter gehe in deiner Krankheit. In die Arbeit. Du entkommst mir nicht aus dem Gefängnis. Flüchtest du für kurze Zeit, größre Last werfe ich auf dich. Langsam werde ich dein Licht ausblasen. Und entzünden werde ich es mit der Peitsche. Sklave! sklave!

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Gefangen bin ich, kann nicht entkommen, wo ich mich auch hinwende, sind Tage. Enteile ich vorwärts, laufe ich hintwärts, ich komme zu Tagen. Sie lassen mich nicht aus, eingekerkert bin ich von ihnen, von allen Seiten. Bleibe ich ruhig, bewege ich mich nirgendhin, es hilft mir nichts, die Tage kommen über mich. Ein böser Zauberer, dem etwas angetan zu haben ich mich nicht entsinne, muß mich verflucht, zu ewigen Tagen verdammt haben. Die Tage, sie sind ohne Unterschied, sie gleichen einander, wie ein Tag dem andern. Ich kann sie nicht voneinander unterscheiden, auseinander halten, sie sind Meer, das keinen Rand hat, Raum ohne Ende, greifen ineinander, keine Marke zu merken, zu erkennen. In diese Tage bin ich gesetzt, kann nicht aus ihnen. Es wird mich nicht von ihnen erretten, wenn ich vielleicht nicht mehr wissen werde, daß ich bin, der ich bin, wenn ich tot sein werde, wenn ich in andere Formen umgeformt werde. Der Kerker der Tage, der Kerker der Zeiten und Räume wird weiter bestehen, ewig sein. Denn es ist keine Aussicht dafür vorhanden, daß jemand käme und Zeit und Raum vernichte, töte.

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Einmal, ja, da muß es doch ganz anders gewesen sein als jetzt. Ich erinnere mich. Die Lampe brannte hell, der Ofen war warm und im Zimmer war eine zufriedene, gesättigte Stimmung. Der Vater kam lächelnd ins Zimmer, es war abends, er kam aus der Fabrik, in der tagsüber er gearbeitet hatte. Die Mutter empfing ihn mit guten Worten, und auch die andern begrüßten ihn freudig. Im Zimmer war es wohnlich, ein runder Tisch, ein Teppich darunter, Gardinen vor den Fenstern . . . Und neben der Mutter war eine Wiege, und in der Wiege, da war ich. Und damals, als ich noch in der Wiege lag, da war eben alles anders als jetzt. Jetzt ist es dunkel im Zimmer, keine Wärme ist darinnen und keine Wohnlichkeit. Finster ist der Vater, kommt er nach Hause, und finstre Worte bekommt er. Friede ging von denen im Zimmer, und Haß kam zu ihnen. Und mir ist es kalt, so kalt. Ich bin nicht mehr in der Wiege. Halberwachsen bin ich, und soll verdienen. Und dieses ist mein Tod, denn als ich in der Wiege war, da wiegten mich andre Worte und Träume als: Verdienen, Dienen. Und als ich noch ein Embryo war, da dachte ich nicht daran, daß ich geboren werden würde, um zu dienen, und nicht um zu leben. Und jetzt, da ich erwachsen bin, bin ich noch weniger als zuvor gesinnt zu dienen, Herr will ich sein.

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Ich warte auf Dinge. Und sie ereignen sich nicht. Ich weiß nicht, was für Dinge sich da ereignen sollen. Aber ich warte. Will mir nicht sagen, daß es nutzlos sei, zu warten. Kein Ereignis gab mir ein Stelldichein. Und deshalb wird keines kommen. Leer läuft mein Leben. Ohne Inhalt. Warum werfe ich es nicht wie ein inhaltloses Buch von mir? Warum gehe ich nicht aus dem Theater, da mir das Stück nicht gefällt? Es ist in mir die Furcht des Tieres vor dem Tode. Das fürchtet das Unbekannte. Und hängt an dem Bekannten. Trotzdem, daß dies Bekannte das Schlechteste des zu Denkenden ist, und das Unbekannte nur besser sein kann. Und das Tier stöhnt in mir. Ich kann ihm nicht helfen. Es will mit dem Leben ringen. Doch das stellt sich ihm nicht, und der Tod sich nicht mir. Das Tier in mir will leben. Und kein Leben wird ihm gegeben. Ohnmächtig schlafft es durchs Leben. Und neben dem Tier gehe ich einher. Es aber ist mein Treiber. Es treibt mich schlecht. Es treibt mich allein. Und der Trieb ist für zwei. Ich will ein zweites Tier. Will Wärme, Sonne. Ein Mädchen. Doch die Dinge wollen nicht mich. Und so muß ich warten.

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