Mädchen, du, ich liebe dich. Sagen werde ich es dir nie, denn zu große Trauer gebar dir Liebe schon, und du würdest meiner Liebe nicht glauben, würdest nicht glauben, daß ich nur Mensch bin und daß mein Tier tot ist. Wie geschah es, liebes Kind, daß dich Tierfeuer schon einmal sengte und du trotzdem nochmals dem Feuer zu nahe kamst? Wolltest du, da du schon unten warst, unten bleiben? Waren dir schon alle Dinge nebensächlich, so sich mit dir ereigneten? Warum ließest du die Befleckung deines Körpers zu? Sicherlich fandest du sie angenehm, wußtest noch nicht um das Erwachen zum häßlichen Leben. So geschah es, daß du aus dir Nichtgewesenem Wesenheit gabst. Nicht lieb wars dir, und trotzdem: nochmals hättest du, wäre es wohlweislich nicht verhindert worden, unempfindlichem Nichtlebendem zum Lebenstod verholfen. Warum ereigneten sich diese Dinge? Ließest du dich denn vom Zeuger deiner Qualen gerne zu weiteren drängen? Wolltest du ihm sagen und zeigen: „Sieh! welche Schmerzen du mir zufügst, und sieh: ich ertrage sie!“ Wolltest du ihn so deinen Schmerz fühlen lassen? Auf alle meine Fragen wird mir wahrscheinlich nicht Antwort werden, denn wir werden einander wohl nie mehr sehen. Du Licht, das mir von ferne leuchtet, und so mir nicht leuchtet, o, laß doch dich und deine Strahlen näher zu mir kommen, auf daß mir Wärme werde.

Warum ist wohl meine Liebe zu dir, Mädchen? Weil du mir wie eine Jüdin schienst, die ich in England sah, mit rotem Haar, oder weil mein Auge Ruhe fand an deinem, und an der Stille deines Körpers? Ich weiß nicht, warum meine Liebe ist, aber sie ist. Nur eines gibt Schmerz meiner Liebe, daß du vielleicht sie nicht willst. Und ich will dich nicht beleidigen durch das Anbieten meiner Liebe. Und da ich dir nicht meine Liebe sagen werde, so werde ich ohne deine sein, die du mir aber vielleicht auch nicht geben würdest, wenn ich dir meine Liebe sagen würde. So ist mein Leben, aussichtslos. Zu ewigem Nichtsprechen bin ich verurteilt. Und es gibt keinen Richter, an den ich mich wegen ungerechten Rachspruchs wenden kann, denn der Richter, der beim jüngsten Gericht amtieren und sich rächen wird, der ist bis dahin still und tot. Und auch mein Leben kann nicht seinen Spruch erwarten, denn dann wird es tot sein, wie jetzt Gott.

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Regen, Wind, Sturm, ihr seid mir lieb . . . . Im Sturme kletterte ich auf die hohe Föhre und ließ mich auf ihrem höchsten Aste nieder, und ließ mich wiegen und werfen vom Sturm. Der Wind sauste durch den Wald über die Wiese zu mir auf die Anhöhe, und ich, auf der Föhre stehend, sang und schrie im Sturm . . . . Ich war Herrscher. Auf einem Schiff. Ich kämpfte mit dem Feind. Ich besiegte alle. Der Sturm hörte auf. Die Sonne gab schöne Wärme. Die Ameisen zogen wieder den Baum auf und ab. In ihre Höhlungen. Ich sah ihnen lange zu. Ich stieg vom Baum, ging zu einem der Bergwerke der Ameisen. Der Duft der Ameisen, der feuchten Wiese, des Waldes und des nassen Heues war mir angenehm. Nachdem ich den Ameisen, den kleinen, schwarzen, zugesehen, ging ich zum Ameisenbergwerk der roten. Bald waren die Roten und Schwarzen im Kampf. Ich war die Ursache der Völkerschlacht. Ein Heerführer der Schwarzen schrie unaufhörlich: „Rettet die Ungeborenen, die Zukunft!“ Mir ward dies bald zu eintönig, und zwei Ameisenvölker wurden ausgerottet. Dann ging ich auf die Wiese und träumte vom Mädchen meiner Träume. Ich bin mit ihr zusammen. Ich spreche zu ihr. Und sie ist mir gut . . . Ich steuere ein starkes Schiff im großen Meer. Sie sitzt vor mir in langen Gewändern, und ihre Augen leuchten schön zu mir . . . Friede habe ich, Freude, Lilith . . . Lilith, darf ich mit dir sprechen und dir sagen, daß ich dich liebe? . . . Keine Antwort werde ich erhalten, denn ich werde nicht fragen, wissend und fürchtend, daß du mich ablehnen würdest . . . Und so werde ich dir nie sagen können, wie wert du mir bist, daß du das Mädchen meiner Träume und meines Denkens bist, daß ich seit den Tagnächten meiner Kindheit immer deiner gedacht, daß ich die Augenblicke, da ich dich gesehen habe, aufbewahre und sie mir immer hervorhole, um schön von dir zu träumen, daß du der Anfangsgedanke meiner Träume bist, daß der Gedanke an dich vielleicht mein letzter sein wird . . . . Dies alles werde ich dir nicht sagen, denn du würdest es mir nicht glauben . . . . So werde ich von dir nur immer träumen, denn ich werde nie mit dir sprechen . . . . Träumen, träumen. Mein Leben ist träumen, mein Träumen mein Glück . . . . Und mein Leben ist tot. Du wirst mir nicht helfen, denn du wirst niemals wissen um meine Not . . . . Ich hungere nach deiner Liebe. Und ich werde verhungern, denn ich werde nicht betteln. Ich kann mich nicht beugen und bitten. Das Nein fürchtend. Und ich wüßte mich nicht zu benehmen, abgelehnt . . . Ohne Denken würde ich vor dir stehen, dumm und lächerlich . . . Ich will keine Niederlage, deshalb keinen Kampf. Du unterschätzest und geringschätzest mich sicherlich als Gegner. Und so kann ich dir nicht sagen, daß ich der Stärkere bin . . . Nur im Traum.

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Lilith! Ich grüße dich, aber den Hut nehme ich nicht ab, so wirst du nicht wissen, daß ich dich grüße. Und du staunst, wie auch darüber, daß ich mich trotzdem neben dich setze und nicht mit dir spreche. Weißt du noch, wie vor vielen Jahren, als wir wie heute in der Elektrischen fuhren, ich, da du mich nicht sahst, dich berührte, grüßte und dann mit dir nichts sprach, weil meine Zunge dumm ist. Wie du schnell auf dem Eise warst und ich immer auf dem Boden. Aber Schnurspringen konnte ich besser als du. Du hast mich Bier holen gesehen und Einkäufe mit der Markttasche besorgen. Wie fuhr ich auf dem Velozipedkarussell so schnell — und du lachtest. Und als ich abstieg, bemerkte ich, daß die Sohle meines Schuhes im Begriffe war, ihn zu verlassen, getrennt von ihm leben wollte, und rächender Richter war ich. Uns hatte sie entzweit, in meinem Jähzorn tat ich mit ihr und dem Schuh desgleichen. — Es irrt der Mensch, solang’ er richtet!

Deiner Puppe brach ich lachend den Kopf ab, und als du weintest, da, nein, ich will mich an meinen Gefühlsausdruck nicht erinnern, an mich verfärbende Ereignisse. Ich kenne dich nicht, dein Denken und Dichten. In einem anderen Hause wohnst du, und nur manchmal kamst du in unsern Hof und da verkroch ich mich oft und spielte nicht mit dir. Ich kenne bloß deinen Namen, der mir Fetisch ist, und ich liebe dich, weil ich von meiner Kindheit an von dir geliebt sein wollte. Ich bin schwerkrank, morgen werde ich operiert werden. Lilith, Todesengel, komm, küsse mich.

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Einziges Mädchen meiner Kindheit, der wenigen Spiele, die wir selten gespielt, Zeugin meiner Scheu und Furchtsamkeit, ich sah dich heute, und wann werde ich dir wieder begegnen und dir sagen können, daß du mich lieben sollst, daß ich bei dir Frieden suche, meinen Kopf an dir ruhen lassen will, du mich küssen sollst und zu mir sprechen! Meine geliebten Sterne in schwarzer Nacht über uns! oder am Meeresstrand im Sand, von den tönenden Wogen nicht berührt, allein mit dir! Und ich werde zu dir weinen und du wirst mich liebkosen, und wirst mir Mutter sein, denn meine Mutter war es nicht. Freude, Liebe kenne ich nicht. Und ich bin doch so gut, Gott liebte mich, das weiß ich, und er war der einzige. Wirst du es nun sein? Denn ihn habe ich abgesetzt. Er ist Gottgeist und ich verlange nach Menschkörper. Aber ich weiß, mein Wille wird nicht geschehen, wie überall auf Erden, mein Wunsch wird Traum bleiben, ohne dich werde ich das Leben sein lassen, ohne Leben und Lieben sterben.

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