Flieht eine Krähe und schreit: „Kahl, kalt, Tod.“ . . . Ein nackter Baum ist in meinem Garten. Die Winterkrankheit kam über ihn, und bar seiner grünen Kleidung schauert er im Winde. Mein Garten ist leer, und ihn friert. Eine Krähe flieht vor ihm und über ihn und schreit: „Kahl, kahl.“ Auf dem Baume ein leerer, umgestülpter Handschuh. Einst scheint er einem Mädchen gehört zu haben, im Sommer dürfte er zum Baume geflogen sein. Baum, Garten, Krähe, sie wissen von einem Frühling, einem Sommer, einem Herbst. Sie wissen im Winter: Sommer wird sein. Der Handschuh weiß von einem Sommer, einem Mädchen. Und ich, ich weiß nur von einem Winter. Der dauert nun schon mein ganzes Leben. Kein Frühling kommt, keinen Frühling, keine Jugend hatte ich, kein Sommer wird mir werden. Kalt, kalt, kräht es um mich.
Ich bin im kahlkalten Zimmer, bin leer und umgestülpt, Handschuh auf dem Baume. Doch in sein Sein griff ein Mädchen ein, warf sie ihn auch fort, so weiß er doch von einem Mädchen, dem er gehörte, das ihm ward. Ich aber weiß von keinem Mädchen, keines griff in mein leeres Leben ein, keines brachte mir Sommer, Sonne, nein, sie lassen mich alle dem kalten Winter, lassen mich frieren im Leben, allein sein.
Außer meinem Winter kenne ich noch eins: einen Namen. Lilith, er ist der Name eines Mädchens und eines Engels. Das Mädchen ist das Mädchen meiner Märchen und Träume, der Engel Todesengel. Wenn es mir zu kalt ist, sage ich mir den Namen des Mädchens und träume mir ein Märchen. Das Märchen wärmt mich ein wenig. Wird es aber in meinem Winter zu kalt werden, so daß Blut in meinem Thermometer gefriert, wird kein Märchenmädchen mich aus der Kälte erlösen. Wird ein Engel kommen, Lilith, der Tod, mich befreien aus meiner kalten Nacht. Der Winter wird zwar vorüber sein, aber keine andere Zeit wird mir sein. Nichts wird mehr sein, kein Winter, kein Märchen, kein Mädchen, kein Engel, kein Tod.
Flieht eine Krähe und schreit: „Kahl, kalt, Tod.“
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Mir als Abstämmling alter Priesterfamilie verbeut es das Gebot, mich dem Acker Gottes, in den diesseitige Früchte für jenseitige Blüte gepflanzt werden, zu nähern oder auf ihm zu weilen. Nicht des Verbotes halber war ich gern dort, sondern weil der Friede des Ortes auch mir Frieden gab, Frieden mit mir. Ich lag dort im Grase neben zwei Gräbern. Sah zur Sonne, gedeckt durch ein Tuch, und schaute die schönsten Farbenwunder. Wirkliche Pegasusse, geflügelte Heupferde ließen Musik aus sich ertönen. Grillen vertrieben mir mit ihren Tönen meine Grillen. Bienen flogen zu Disteln, Schmetterlinge schwärmten. Kein Mensch störte, die Tiere freuten mich. Und ich war voll Ruhe und Friedens mit mir. Hie und da lagen Grasbüschel auf den Steinen der Gräber, aber immer und überall konnte das Auge, nach und nach, graue Grabschnecken von den grauen Steinen unterscheiden . . . Im Grabe, neben dem ich lag, war seit geraumer Zeit ein Mädchen gefangen. Ich hatte es einst, da es noch vom Leben gefangen war, beleidigt. Es kam einmal in meinen Garten, Wind hatte ihm ein schönes Tüchlein, Kleid einer Puppe, zu mir vertrieben. Mädchen verlangte das Tüchlein von mir, zaghaft. Ich hob das Tüchlein von der Erde, unrein wie es war, und warf es auf das Mädchen, sein Haar beschmutzend. Traurig sah das Mädchen auf mich ob meiner Untat, traurig ging es von mir, ohne Wort, und des Mädchens Augen sagten mir, daß sein Mund sich mir geöffnet und zu mir gesprochen hätte, wär ich nicht so bös gewesen . . .
Ihre klagenden Augen erschienen mir wieder. Ich sah sie, durch Glas hindurch, das auf ihnen lag. Einen Einschnitt hatte sie auf der Stirne, einen auf ihrer Brust. Damit die Seele aus ihr könne, glaube ich, wurde so ihr Körper verletzt. Weshalb aber Glas ihre Augen deckte, weiß ich nicht. Vielleicht auch, daß ich Glas und Schnitte sah, die nicht vorhanden waren. Leute, die ein Recht auf das kleine Mädchen zu besitzen wähnten, wälzten sich und heulten vor dem Mädchen, das traurig dalag auf der Bahre, vor seinem Grabe. Ein Rabe krächzte über die Menschen und floh den Friedhof, dessen Ruhe durch unruhige, lebende Menschen gestört war. Lange Zeit nachher, als schon keine Spuren der Menschen mehr am Orte des Nichtseins zu entdecken waren, ging ich hin und bat das Mädchen, mir die Untat zu verzeihen. Ich opferte ihr, sie zu versöhnen, meine Gedanken und Worte. Und ich glaube, sie nahm das Opfer an, selten lasse ich mir ihr trauriges Gesicht, ihre trauernden Augen erscheinen.
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Weite Ebene, ruhig wie See, wenn Wind nicht weht, ist. Tag ist tot. Nacht lebt. Knabe ohne Schlaf traumwebt. Mädchen zu ihm kommt. Legt Körper zu Körper. Knabe weint: „Du bist gut.“ Liegen und träumen. Gedanken: Sterne sind schön, wie Wunder herrlich. Ruhe ist groß. Knabe: „Mädchen, bist du fraulich schon, oder noch jungfräulich? Bist du Frau: Deinen Körper, Wunder will ich schauen. Bist du jungfräulich: Heiliger Tempel bist du, den ich anbeten will.“ Knabe wacht auf. Kälte und Tod.
Ich habe dich oft gesehen und mit dir gesprochen. Habe von dir deinen Körper verlangt. Aber du sagtest immer: „Nein.“ Ich verstand nie, weshalb du nicht einwilligtest. Bin ich denn häßlich, dumm, nicht verlangenswert? Ach so! da ich dich verlange, weisest du mich zurück. Was du haben kannst, willst du nicht. Und hätte ich dir gezeigt, daß ich dich nicht will, du würdest gewußt haben, daß ich Trauben, die ich nicht gekostet, sauer weiß. Oder würdest, da ich dir dann nicht mehr begegnet wäre, mich bald vergessen haben. Und ich bin ja auch nicht der einzige, der dich begehrt. Du findest das Geschlecht unschön, willst Mädchen bleiben. Aber ich weiß, du wirst heiraten. Einen Geistproleten, Geldbesitzer. Und ich, der ich ein armer Geisteskapitalist bin, werde dich nicht kaufen können. Nur ein goldbeladenes Kamel zieht durchs Öhr ins Himmelreich ein. Wenn ich deinen Namen hörte, mein Herz, das schmerzte mich, der Hals war zugepreßt, und ich, ich schmähte dich. Weil ich dich nicht küssen darf und kann, muß ich dich schlagen, hassen. Aber ich will dich nicht hassen, ich will dir meine Liebe zeigen. Und da du mich nicht läßt, verpanzere ich mich in mir, hohnlächle. Und glaube, ich werde nie mehr lieben können. Da man mir meine Liebe immer aufs neue zertrat, riß ich sie aus mir, verschloß die Wunde mit Eis und Eisen. Kann nicht sagen: „Ich liebe dich“, denn ich glaube es nicht mehr. Liebe, Leben und Glas, wie schwer bricht das. Und ihr, die ihr mich gebrochen, an euch, an euch werde ich mich rächen. Rächender Richter werde ich sein, Schrill wie Klavier, das zerstört, so grell schreit meine Liebe nun. Ich hasse, mein Gesicht ist verzerrt, meine Zähne knirschen . . .