Gott war es, der aus Luzifer Satan schuf . . . .
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Merkwürdig ist es, eigentlich: Immer schreie ich nach einem Mädchen, nach einem Tod, und verlange diese Dinge, obwohl ich mir diese Dinge doch, ohne nach ihnen zu schreien, einfach nehmen könnte, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Und deshalb deucht mir, daß es mir eigentlich nicht um diese Gegenstände zu tun ist, sondern daß mir das Schreien darnach behagt, Mittel mir Zweck geworden. Denn wollte ich wirklich Mädchen, Tode, ich könnte doch zu einem Mädchen gehen und für geringes Geld geringes Mädchen eine kleine Dauer haben. Ist es die zu kurze Zeit des Besitzes, was mich davon abhält, könnte mich ja die Dauer eines Todes, die von unbegrenzter Zeit ist, entschädigen. Nein, es scheint, ich will es umgekehrt: Mädchen für unbeschränkte Zeiten, Tode für begrenzte. Doch glaube ich nicht, daß die Dinge, dem Gesetz der Trägheit folgend, meines Willens wegen aus ihrer Bahn weichen werden in die, welche ich ihnen vorschreibe. Und so werde ich auch des Ferneren schreien: „Ein Mädchen, einen Tod.“ Man achte darauf, daß ich Mädchen vor Tod schreie, denn ich könnte ja auch ungestört umgekehrt schreien, aber ich brülle das nur so, weil ich auch sonst, um den Kellner mit den Speisen an mich zu locken, schreie: „Kellner, zahlen!“ Doch auch durch diesen Kniff konnte ich bis jetzt noch keinen Kellner, kein Essen ködern . . .
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Schmerzen fühle ich. Und die Schmerzen freuen mich. Wenn Schmerz zu meinem Herzen kommt, mich sticht, erhoffe ich den letzten Stich. Doch der Tod will mich nicht einstechen. Ich scheine ihm zu wertlos . . . Der Tod spielt mit mir Schach. Ich gab ihm die Dame vor. Und noch immer will er mich nicht matt machen. Und davon bin ich matt. Will die Partie aufgeben. Er nimmt aber nicht an. Will der Tod mich leben lassen, wo das Leben mich nicht leben läßt? Gibt mir der, von dem ich nichts will? Ja. Denn so ist es immer. Da ich das Leben will, will es mich nicht. Vor den Toren, zwischen den Toren zweier Höllen bin ich, und kein Teufel läßt mich ein. Ich bitte Gott, der Teufel möge mich erhören. Doch beide sind taub. Beleidigt, irgend einer Tat wegen, die ich nicht mehr weiß. So ward ich aus allen Höllen der Welten ausgeschlossen. Für die Dauer meiner Spielzeit.
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Der Tod kommt auf einen Markt. Er gleicht einem Hausierer mit seinem Kram und spricht wie ein solcher. „Billige Tode, noch nie dagewesene, sensationelle Tode. Bei mir bekommen Sie jeden Tod. Prompte und reelle Bedienung. Ich bin ohne Konkurrenz. Bei mir sterben Sie garantiert gut. Was haben Sie davon, wenn Sie sich teures Leben, teure Krankheiten anschauen? Das kostet Sie nur viel Geld. Heben Sie sich doch lieber das Geld und das Leben für den Tod auf. Ich weiß überhaupt nicht, weshalb, wozu und wieso Sie leben. Das Leben ist eine schlechte Gewohnheit. Hören Sie mir doch mit dem Leben auf. Glauben Sie, es macht gar so einen schönen Eindruck, wenn Sie unaufhörlich sich oder andern in der Nase bohren? Ich sage Ihnen, das schönste und beste Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenk ist z. B. so ein Revolver. Sehr billig, und ein äußerst amüsantes Gesellschaftsspiel für sechs Personen. Hier habe ich auch etwas für größere Gesellschaften: einen Krieg mit drei Schlachten täglich. Kaufen Sie, kaufen Sie. Kaufen Sie nicht heut’, so morgen. Ich warte. Ich habe immer Zeit. Wenn Sie mich brauchen: — Karte genügt, komme sofort.“ Der Tod geht weiter, immerwährend, seine Waren preisend und ausrufend.
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Kälte dringt auf mich von allen Seiten ein. Schließt mich ein und will mich erdrücken. Ich verkrieche mich in mich hinein, wie eine angegriffene Schnecke in ihr Haus. Doch ich weiß: nutzlos ist es. Und ich fürchte den Augenblick, da ich aus mir treten, die kraftlose Verschanzung aufgeben werde, und mich, aufschreiend vor innerem, wesenlosem Weh, der Kälte preisgeben werde. Ohnmächtig werde ich zusammensinken. Kälte wird wie ein Vampyr Wärme, Leben aus mir saugen und mich leblos lassen. Wozu wurde ich in den Kampf gesetzt? Nutzlos muß ich Kampf-Hasser kämpfen und fallen. Im Tode lallen: Wozu? Wozu kriech’ ich weiter? Warum? Warum laß’ ich mich nicht fallen? In den unbekannten Abgrund, ihn zu ergründen? Den grundlosen Grund des Lebens zu finden. Und ich falle. Bin auf dem Grund. Und es ist kein Grund. Der Abgrund, der ohne Grund ein Abgrund ist, wie jeder Grund hier auf Erden ohne Grund ist, grundlos nimmt er mich nicht in sich auf.
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