Die Finger meiner linken Hand bewegten sich auf der Platte des Tisches. Gingen an sein Ende. Stiegen von dort in die Luft, waren rastlos in Bewegung und schrien rastlos: „Wir sind die fortschreitenden Finger. Wir sind die Fortgeschrittenen. Wir gehen zur Sonne. Wir kommen zur Zukunft. Wir werden immer weiter schreiten.“
Die Finger meiner rechten Hand bewegten sich nicht. Schwer lagen sie auf der Platte des Tisches. Und keine Worte kamen von ihnen. Und keine Bewegung.
Und ich, ich sah zu. Daß die Finger der linken Hand sich bewegten, die der rechten aber nicht, beides war mir gleich, und beides gleich-gültig. Nutz- und zwecklos beides mir. Denn sie werden tot sein, und würden sie auch immer weiter leben, sich bewegen oder auch nicht, es wäre mir dieselbe Gleichgültigkeit für diese Ereignisse.
Doch wünsche ich meinerseits: Das mir Gleichgültige, und das sich gleichbleibende Schauspiel, möge mich nicht mehr lange zum Zuschauer haben, denn meine Augen schmerzen, ich will sie schließen.
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Während des Seins der Tage zweier Jahre sah ich auf meinem Weg ins Schulgefängnis stets ein Mädchen auf der Straße gehen, dem ich meine Liebe geben mußte. Denn die Ruhe ihres Antlitzes, wie die ihres ganzen Wesens, nahm mir meine Ruhe und gaben mir die Unruhe, das Leid, die Liebe. Ich traf sie bei der Kirche des Ortes, in die sie verschwand, und ich neidete sie Gott, der mir sie nahm, denn sicherlich, sie gab sich ihm, und deshalb wird sie sich nicht mir geben. Der Körper des Mädchens war in ein blaues Kleid gehüllt, und ich nannte sie deshalb, da mir ihr Name unbekannt war, in meinen dichtenden Träumen Blaumädchen. Blaumädchen trug einen Hut, dessen Farbe, wie auch die einer weithin sichtbaren Feder, ebenfalls die blaue war. Und täglich auf meinem Gang zur Schulsklaverei freute mich der Schmerz, Blaumädchen wieder zu sehen. Mich schien sie nie anzusehen, und ich glaube deshalb, daß sie von mir nichts weiß. Nicht immer wagte ich sie anzusehen, denn manchmal hielt mich eine Scham, deren ich mich schämte, davon ab. Ich weiß nicht genau die Farbe ihres Haares. Ich weiß nur, daß ihr Haar vom Winde zerzaust war. Nachdem ich schon viele Monate Blaumädchen bei der Kirche gesehen hatte, wollte meine Neugier wissen, von wannen das Mädchen zur Kirche komme und wohin sie sich hernach begebe. Und so raffte mich einmal der Entschluß auf, dem Mädchen zu folgen. Und ihre Schritte führten uns zu einer Fabrik, von wo sie nach elf Stunden in ein Haus ging, das in einem anderen Viertel des Vorortes lag. Blaumädchen ist also ein braves Bibelkind, betet und arbeitet. Als ich zu diesem Wissen kam, wurde ich aus dem Schulgefängnis in ein überseeisches Geschäftsgefängnis deportiert. Blaumädchen aber blieb, und nur in meinen Träumen konnte ich sie sehen, bis ich nach einem Jahre wieder an ihren Ort zurückkam und das Mädchen mir wieder in Wirklichkeit ward. Das heißt: sie wurde mir nicht, denn als ich eines Tages meine Scheu und Feigheit überwand und Blaumädchen höflich fragte, ob sie mir erlaube, sie und ihr Denken kennen lernen zu dürfen, da verwies sie es mir. Und ich schäme mich, daß hernach sie mich täglich sehen mußte, denn mein Weg in mein neues Gefängnis kreuzte den ihren, einen andern Umweg gibt es nicht als den um das Leben, und diesen werde ich begehen, denn ich will mit meiner Person niemanden in seinen Wegen stören.
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Es läutet. Wer will zu mir? Ich erwarte niemand, Ein Bettler wird es sein, der von mir Armen Dinge verlangen wird, die ich nicht geben kann. Vielleicht jemand, der fragt, wo oder ob hier Herr Meijar wohnt. Sonst wüßte ich niemand, der es sein könnte, oder etwas von mir möchte. Kein Briefträger bringt mir Botschaft, denn niemand ist, der mir sie senden könnte. Niemand kann zu mir kommen, niemand von mir etwas wünschen, das ich erfüllen könnte, und so werde ich nicht öffnen. Schreie. Ach so: Rauch dringt in mein offenes Fenster. Das Haus wird wohl brennen. Mag es brennen und ich. Leute versuchen die Tür aufzubrechen. Merkwürdig: wie ich lebe, das ist den Leuten gleichgültig, wie ich aber sterbe, nicht. Um mein Leben kümmerte sich niemand, niemand trat bei mir ein, obwohl ich gern geöffnet hätte, und da nun der Tod zu mir kommen will, verhindern sie ihn am Eintritt. Warum? Der Tod ist doch der einzige Besuch, den ich erwarten kann. Da sind schon Leute. Sie haben mich „gerettet“. Wozu? Damit ich noch einige Zeit warten soll, bis der Tod mich abholt und zu sich in sein Haus nimmt, ohne daß die Leute einen Grund sehen werden, gegen den Tod einzuschreiten, ihn zu verhindern, zu mir zu kommen. Ich werde dann nicht verbrannt sein, sondern nur verhungert.
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Die Tinte ist zur Neige gegangen, ein schmutziger Satz ist am Boden des Tintenfasses übrig geblieben. Ich fühle: auch die Tinte in meinem Körper ist zur Neige gegangen, nur ein schmutziger Satz ist übriggeblieben. Und der Rest erstarrt. Und meine Finger erstarren. Und meine Augen erstarren. Und keine Hilfe kommt, niemand giebt Tinte in mein Faß, und die Leere im Faß schlägt ihm den Boden aus. Denn den Außendruck kann ich nicht mehr ertragen. Ich falle in mir zusammen, erdrückt von der Leere meines Lebens.