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Er tötete sich nicht, weil er dazu zu tapfer und gewiß auch zu feige war. Ihr Kind aber tötete er, weil er es, weil er sie liebte. Das Kind war schön, häßlich aber wäre sein Leben gewesen, seine nun niemals werdende Zukunft wußte er aus den nicht materiellen Gütern der Mutter zu lesen. Und das Kind wäre schwere Last der Mutter gewesen, wenn auch liebe, süße. So befreite er die Mutter von der Last des Kindes und das Kind von der Last des Lebens. Die Mutter wird ihm zürnen. Das Kind aber nicht, das weiß er, denn er sah, wie ihm das Kind dankbar zulächelte. Mehrere Stunden saß er nun bei der Kindesleiche. Der Mutter versprach er treue Hut, und sein Wort, er hat es gehalten, hat das Kind vor dem Leben behütet. Bald nun müssen sich Dinge ereignen, der Mutter Klagen und Weheschreie wird er hören, die Leute, die sich das Unrecht hiezu nehmen, werden ihn greifen und gefangen nehmen, werden ihn töten oder auch nicht. Er wird zu allem lächeln, weiß er doch sein Recht. Nur die Mutter möchte er noch einmal küssen, denn er wird mit ihr vielleicht nie mehr zusammen sein. Die Leiche lächelte ihn an, er beugte sich zu ihr, küßte sie und schlief neben ihr ein. Den Schlaf des Gerechten.
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Ich will diesem meinem Leben, das kein Leben ist, ein Ende machen. Selbstmörder will ich nicht werden. Obwohl ich mein Leben morde. Und die mich töten, die anderen, töten, das will ich auch nicht. Weltverbesserer, Antianarchist sein, das will ich auch nicht. Ich will nur mein Leben bessern. Ich will nicht länger arbeiten, um dadurch in der Lage zu sein, weiter arbeiten zu können. Mich widert die Eintönigkeit meiner Tage und Nächte an. Mein Tun und Nichttun ist immer das gleiche. Mein Schlaf, mein Essen, mein Nichtruhen immer dasselbe . . . Doch wenn mein Kopf voll sein wird, wird mein Verstand überlaufen. Und ich komme vielleicht dann in eine Körperbewahranstalt für Geistlose. Unselig bin ich. Reicher an Geist und werde dann selig werden. Denn mein ist der Umnachteten Asyl. Warum entlaufe ich nicht in einem Anfall von Geistesumtagung meinem Gefängnis: ins Freie? Wann wird mich das Leben in den Tod lassen, da es mich nicht zu sich läßt? Wann? Wann werde ich meinen Tod erleben, der mein erstes und letztes Erlebnis sein wird? Wann? Kommt der Tod nicht zu mir, will ich ihm entgegenkommen . . . Ich ging in einen Waffenladen und verlangte einen Revolver mit Patronen, scharf geladen. Dann wünschte ich, ihn auf dem Schießstand einzuschießen. Der Händler setzte mir ein Ziel. Ich schoß versuchsweise nach der Scheibe. Und traf. Ich schoß nach dem Händler. Und traf. Ich habe ihn getötet, um mein totes Leben zu töten. Denn nun werde ich leben. Die Polizei wird nach mir jagen. Ich freue mich. Mein Leben wird nicht mehr öde sein. Abwechslung werde ich endlich haben. Vor Gericht gestellt, werde ich anklagen. In ein Gefängnis werde ich kommen. Oder in eine Irrenaufbewahrungsanstalt. Und ich werde meinem alten Leben entgangen sein. Ich werde Ruhe haben und in Ruhe denken können. Sollte es mir im Gefängnis nicht behagen, so werde ich mir ein anderes suchen. Denn ich weiß: solange ich im Lebens-Gefängnis bin, kann ich nicht frei sein . . . Sie klagen mich an, weil, ich getötet habe. Ich klage euch an. Ihr habt mein Leben getötet. Eure Weltordnung hat mich zum lebenslänglichen Sklavendasein verurteilt. Und ich wollte mich befreien. Und es ist mir geglückt. Denn glaubt nicht, daß mir eure Gefängnisse Gefängnisse sind. Ich werde in ihnen kein Arbeitstier sein. Ich werde frei sein. Ich werde keine Arbeit verrichten müssen, die mir fern und fremd ist. Ich werde keinen haben, der sich vor mein Leben setzt. Keinen Vorgesetzten. Keinen Herrn. Doch weiß ich, daß meine Freiheit im Gefängnis, obwohl sie größer sein wird als in der bisherigen „Freiheit“, nur eine bedingte ist. Denn solange ich im Leben gefangen bin, kann ich nicht freier Herr sein. Werde nicht mein eigener Herr sein können. Andere werden mich immer daran verhindern . . . Wird mein Leben, immer so grau und trüb sein, so trüb wie meine Kindheit, wie meine ganze Jugend? . . . Meine Jugend hatte keine Jugend . . . Feuer und Flamme wäre ich, hätte ich eine Flamme . . . Doch alles um mich her ist erloschen. Ich auch. Alles ist kalte, graue Asche. Und ich bin gezwungen zu warten, bis der Tod sie auseinandertreibt . . . Bis Wind kommt und mich in alle Richtungen bläst . . .
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Eine häßliche, mit vertrockneten Grasbüscheln — die in großen Zwischenräumen stehen, vielmehr halb auf der Erde liegen — bewachsene ebene Fläche dehnt sich entlang eines schmutzigen, tiefen Teiches aus. Beim Wasser sitzt ein krankes Kind. Grind bedeckt seinen Kopf, Ausschlag sein Gesicht, Rippen drohen den mit dürrer Haut überzogenen Körper zu zerreißen. Aus verklebten Augen schielt das Kind. Die Leiden des Kindes machen mich mitleiden. Die Häßlichkeiten der Natur um uns her, die des Kindes und meine, sie lassen mich alles hassen. Ich wünsche, alles Garstige möge vertilgt werden. Alles Leidende, das ohne Hoffnung auf Erlösung leidet, alle, die nicht mehr vom kommenden Wunder etwas erwarten, da sie wissen, daß keines kommen wird, und die deshalb auch nicht mehr träumen vom Wunder: alle, die eine häßliche Wunde sind, die keine Zeit und kein Leben heilt, sie alle sollen getötet werden. Ihre Wunde soll durch den Tod geheilt werden. Das dachte ich und stieß das Kind mit dem Fuß ins Wasser. Rücklings fiel es in den Teich, breitete seine Arme aus, schielte aus seinen armen Augen auf mich, und versank stumm. Ich starrte auf das Wasser, auf die Blasen, die zur Oberfläche kamen, starrte und sah dann nichts. Dann ließ ich mich fallen. Nicht in das Wasser, nein, auf die gesprungene Erde, auf das verdorrte Gras. Meine Augen starrten zum Himmel. Schwarze Wolken fuhren rasend über dunklen Horizont. Donner krachten. Ein Blitz zerriß zerzackend die Luft. Meine Augen starrten ungeblendet in das Wetterleuchten und Blitzen. Ich zog eine halbvolle Flasche aus der Tasche, ließ sie fallen, dann ein Messer, ließ es fallen, dann zog ich mich zum schmutzigen Wasser, und ließ mich fallen . . . Nicht in den Tod . . . Stand auf. Ging weiter. Dem Leben zu. Dem Tode entgangen, gehe ich. Wohin? Ins Unbekannte . . .
ENDE