„Das hab’ ich schön bleiben lassen. Ich habe niemanden gesehn, denn niemand durfte mich ja sehn. Sobald das geringste Geräusch auf der Treppe ertönte, wurden wir verwahrt, der Deckel wurde zugeschlagen und der Schlüssel aus dem schloß gezogen. Aber ich hörte sie alle, hörte sie klagen und um Aufschub bitten; und ich hörte auch drohen und schelten; aber das half alles nichts. Und ich vernahm die dünne, scharfe Stimme meines Herrn — ich hörte ihr immer gleich an, was der, mit dem er sprach, zu erwarten hatte.“
„Ich denke, du wolltest von der Tochter erzählen,“ sagte das Eisen.
„Ganz recht. Sie hatte sich gegen den Willen ihres Vaters mit einem armen Manne verheiratet. Er war im Elend gestorben, und nun war sie Witwe und hatte einen kleinen Sohn zu ernähren. Sie selber war auch nicht gesund — ich hörte sie oft hohl und heftig husten. Arbeiten konnte sie nicht recht, und so kam sie also zum Vater. Aber da kam sie an den rechten. Wenn sie bettelte und bat, schalt er sie in den ärgsten Worten, weil sie einen solchen Bettlerprinzen geheiratet habe; nun müsse sie selber sehen, wie sie fertig werde. Sie könne jeden Sonnabend kommen und die Zimmer fegen und wischen, wenn sie Lust habe, und zwar für denselben Lohn wie die Frau, die jetzt die Arbeit besorge, obwohl sie’s ja eigentlich für die Hälfte tun müsse, da er ihr Vater sei und sie ihm ihr Leben verdanke. Aber von dem Jungen wolle er nichts wissen. Vergebens bat sie, ob er ihn denn nicht wenigstens sehen wolle; und einmal brachte sie ihr Söhnchen auch mit, aber da wurde ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen. Und sobald sie fort waren, schloß der Alte seine Truhe auf und nahm uns hervor. Seine Greisenaugen glänzten vor Gier; und niemand hätte ihm angesehen, was soeben geschehen war.“
„Ist das nicht grauenhaft?“ rief der Adler. „Hab’ ich es nicht gesagt? Überall, wo das Gold ist, entsteht Sünde und Verbrechen.“
„Weiter, weiter!“ rief das Eisen.
„Zuweilen war es auch anders,“ fuhr der Dukaten fort. „Dann war sie ganz verzweifelt und drohte und schalt so sehr, daß der Alte Angst bekam oder sich wenigstens den Anschein gab, als fürchte er sich. Dann wurde seine Stimme ganz wehleidig, er schwur einen heiligen Eid, daß er ein armer alter Mann sei, der kaum trocknes Brot zu essen habe, und forderte sie auf, für ihn zu sorgen, sie, die jung und stark sei. Mochte es sich nun aber so oder so abspielen, das Resultat war immer das gleiche, daß sie nämlich nichts bekam. Und wenn sie dann schließlich fortging, nachdem sie mit der Faust auf den Tisch geschlagen und ihn verflucht hatte, dann war er außer sich vor Freude darüber, daß er sie genarrt hatte. Er sprang im Zimmer umher, lachte wie toll und schlug sich auf die Schenkel; und wenn er uns dann aus der Truhe nahm und uns klirren und leuchten ließ, so wollte seine Lustigkeit gar kein Ende nehmen.“
„Was ist denn schließlich aus ihm geworden?“ fragte der Adler.