Sobald er draußen war, las der alte Herr weiter in dem Buche, das er vor sich liegen hatte; und erst als es Abend wurde, nahm er uns und legte uns in eine alte große Truhe, in der er sein Geld und seine Papiere aufbewahrte, und zwar in ein geheimes Fach. Während aber die andern gleich auf den Boden fielen, wurde ich in eine Spalte eingeklemmt, so daß ich fast ganz versteckt war. Und nun beginnt eigentlich erst meine Geschichte.“
„Du kamst wohl bald wieder heraus aus deinem Versteck?“ fragte das Eisen.
„Nein, eben nicht!“ war die Antwort. „Ich lag gut versteckt — ich glaube, ich habe nicht weniger als hundert Jahre so gelegen.“
„I du Barmherziger!“ rief das Blei. „Wie in aller Welt hast du denn dann überhaupt etwas erleben können? Wenn du hundert Jahre lang in einer Spalte eingeklemmt warst?“
„Wenigstens konntest du währenddessen nicht sündigen,“ meinte der Adler. „Ich fange an zu verstehen, daß deine Geschichte wirklich hübsch werden wird.“
„Ja, was ich hier erzähle, hab’ ich ja eigentlich erst hinterher erfahren,“ sagte der Dukaten. „Aber ich erzähle es so, wie es wirklich passiert ist. Denn weil ich da so versteckt lag, konnte ich ja weder hören noch sehen, falls nicht gerade Geld aus der Schublade genommen oder hineingelegt wurde, und das kam oft genug vor. Und dann merkte ich es natürlich auch, wenn die Truhe von einer Stelle zur andern bewegt wurde, ohne freilich zu wissen, was es zu bedeuten hatte. Ich verstand eigentlich erst alles an dem Abend.... Na, nun will ich aber das ganze erzählen, wie es sich zugetragen hat.“
„Erzähle!“ bat das Eisen.
„Der Graf, von dem ich schon erzählt habe, war sehr reich, sehr vornehm und hochbetagt. Seit langer Zeit nahm er nicht mehr teil am Leben, sondern saß in seinem Stuhl, las und erwartete ganz ruhig den Tod, denn er hatte ja längst seine Rechnung abgeschlossen. Und schließlich suchte ihn denn der Tod auch wirklich heim, und das Begräbnis war sehr groß. Alle Vornehmen im Lande nahmen daran teil, die Pferde waren mit schwarzem Tuch behangen und trugen silbernen Schmuck. Als das Begräbnis vorüber war, wurde das Testament in Gegenwart aller Erben geöffnet. Der Haupterbe der Güter und des großen Vermögens war der einzige Sohn des Verstorbenen, ein hochmütiger junger Herr, den niemand leiden mochte. Es nahmen denn auch alle alten Dienstboten sofort ihren Abschied, als der alte Herr in der Erde lag. Aber außerdem hatte der alte Graf allen denen, die seinem Herzen nahe gestanden hatten, Geschenke und Legate vermacht.“
„Was wurde aus der alten Truhe?“ fragte der Adler.
„Sieh mal an, wie genau du aufpaßt,“ sagte das Eisen spöttisch. „Du bist ebenso neugierig wie wir.“