„Die Truhe bekam eine junge Dame, die niemand von der Familie kannte,“ erzählte der Dukaten weiter. „Das heißt, der junge Graf kannte sie sehr gut. Sein Gesicht verfinsterte sich, als der Notar, der das Testament vorlas, ihren Namen nannte. Außerdem hatte ihr der alte Herr für jedes Jahr eine kleine Summe ausgesetzt. Der junge Graf hatte sie nämlich einmal betrogen. Er hatte ihr vorgeredet, er werde sie heiraten, und hatte sie aus dem Hause ihrer Eltern entführt, die brave, aber ganz einfache Leute weit unter seinem Stande waren. Dann hatte er sie verlassen. Der alte Graf aber hatte Wind von der Geschichte bekommen und seinen Sohn gezwungen, das Mädchen zu heiraten. Er hatte ihn auch dazu zwingen wollen, sie der Welt als Gräfin vorzustellen, doch das wollte sie nicht. Da er sie nicht mehr liebe, so sagte sie, und da er sie so schändlich betrogen habe, so wolle sie auch nicht Gräfin sein. Die Heirat wünschte sie nur um des kleinen Kindes willen, das sie erwartete. Und so wurde es auch. Gleich nach der Hochzeit trennten sie sich und sahen sich niemals wieder. Der alte Graf bot ihr Geld an, aber das wollte sie nicht nehmen. Sie werde schon für sich und ihr Kind sorgen, sagte sie. Oftmals schrieb er an sie oder ließ bei ihr fragen, ob sie etwas brauche. Einmal ließ er sich sogar, so krank und alt er war, zu ihrer Wohnung fahren. Aber sie war in eine andere Stadtgegend verzogen; und es glückte ihm nicht, sie wieder aufzuspüren. Nun bekam sie also die Truhe und etwas Geld, falls sie sie nur finden konnten.“
„Die Sache ist wirklich spannend!“ sagte das Blei. „Hat man sie gefunden? Schnell. Du siehst, wie ungeduldig wir sind.“
„Laß mich doch erst mal zu Atem kommen, es eilt doch gar nicht so. Wir werden ja wohl hundert Jahre hier liegen können, ehe ein Mensch kommt und uns findet.“
„Kann sein,“ sagte das Eisen. „Aber vielleicht kommt auch schon morgen ein Mensch hierher.“
„Allerdings hat man sie gefunden,“ erzählte nun der Dukaten weiter. „Die Polizei suchte in allen Winkeln der Stadt und entdeckte sie schließlich ganz draußen in einem Vorort. Dort lebte sie mit ihrem kleinen Knaben und ernährte ihn und sich durch Musikunterricht. Der Knabe war jetzt zwölf Jahre alt und sah wie ein richtiges Grafenkind aus. Aber er kannte seine Herkunft nicht. Sie meinte, es sei früh genug, wenn er es als erwachsener Mensch erführe, wer sein Vater sei. Nun, das Geld schlug sie wiederum ab, wie sie es schon immer getan hatte. Die alte Truhe aber nahm sie an, weil der alte Graf ja immer gut zu ihr gewesen war und getan hatte, was er konnte, um das Unrecht seines Sohnes wieder gutzumachen.“
„Und in der Truhe warst du?“ fragte das Eisen.
„Allerdings,“ erwiderte der Dukaten. „Aber das wußte niemand. Ich lag ja in meiner Spalte, wo ich die ganze Zeit über gelegen hatte. Alle die andern Dukaten, die vorher in derselben Schublade gewesen waren, waren jetzt fort, draußen in der Welt, ich aber saß gut fest. Es wurden Papiere in die Schublade hineingelegt, sie wurde auf- und zugemacht, und die Klappen wurden gleichfalls geöffnet und geschlossen; doch an mich dachte niemand, weil niemand etwas von mir wußte. Manchmal dachte ich selber, daß ich nie mehr ans Tageslicht kommen werde oder wenigstens erst, wenn die alte Truhe auseinanderfallen würde. Und das hatte noch gute Weile; denn sie war aus starkem Eichenholz gemacht.“
„Du langweiltest dich also?“ fragte das Silber.