„Ew. Majestät geruhen zu beachten, daß die Buche grün ist,“ sagte die Ameise. „Sie hat die gleiche Farbe wie der allergrößte Teil der Natur. Grün ist nämlich so gut für die Augen — für die Augen Ew. Majestät. Ferner wollen Ew. Majestät den Buchfink beachten, der dort drüben im Busch seine Triller schlägt. Er und eine Menge andrer Vögel bilden die Hofkapelle Ew. Majestät. Die Musik ist so wunderbar gut für die Verdauung. Auch gut, um dabei einzuschlafen. Und dann für festliche Gelegenheiten. Zum Beispiel nun, da Ew. Majestät geruhten, das königliche Puppengehäuse zu verlassen und die Regierung zu übernehmen. Das nennt man Frühling!... Warum weiß ich nicht, aber der Name enthält zweifellos irgendeine Andeutung auf einen Vorgang in der Geschichte der Ameisen. Dann singen die Vögel besonders schön. Gleichzeitig kommen hübsche Blumen aus der Erde hervor. Die Knospen der Bäume springen auf... kurz, es ist ein wahres Volksfest zu Ehren Ew. Majestät. Und damit alle froh sein sollen, ist man auf so mancherlei verfallen. So zum Beispiel bekommen die Vögel ihre Jungen; andere, tieferstehende Insekten verlassen gleichfalls ihr Puppengehäuse in aller Dürftigkeit. Und noch vielerlei anderes.“

„Sehr schön,“ sagte die Königin. „Es geschieht ja alles, um mich zu ergötzen; und es ist möglich, daß es mir Spaß macht. Aber ich muß ja auch an mein Volk denken. Ist da nichts, das ihm Nutzen bringt?“

„Aber natürlich!“ erwiderte die alte Ameise. „Da ist ja die Sonne, und da sind alle die Tiere, die von den Untertanen Ew. Majestät gefressen werden. Aber besonders möchte ich Ew. Majestät Aufmerksamkeit auf zwei Geschöpfe lenken, die überhaupt keine andere Aufgabe in der Welt haben, als die, den Ameisen zu dienen; die hat der liebe Gott offenbar einzig und allein für uns geschaffen. Das sind die Tanne und die Blattlaus.“

„Wie verhält es sich mit der Tanne?“ fragte die Königin.

„Das ist ein sehr hoher Baum... Wenn Ew. Majestät in die Höhe sehen wollen, ein wenig nach links, dann werden Ew. Majestät ihn erblicken. Ew. Majestät werden bemerken, daß die Blätter der Tanne ganz anders sind als die andrer Bäume ... es sind spitze, harte Dinger, die Winter und Sommer über grün sind. Sie bilden das Bauholz, aus dem der überirdische Teil des Ameisenhügels gebaut wird.“

„Ich sehe es,“ sagte die Königin. „Und die Blattlaus?“

„Ja... die kann ich Ew. Majestät leider im Augenblick nicht zeigen. Sie kommt etwas später im Jahre... in wenigen Tagen wird sie hier sein, wenn die Sonne fortfährt zu scheinen. Es ist ein höchst sonderbares Tier, eigentlich ganz unbedeutend und nur bemerkenswert durch den Nutzen, den sie den Untertanen Ew. Majestät bringt. Sie ähnelt einem kleinen Klecks und tritt immer in großen Scharen auf, die auf der unteren Seite der Blätter sitzen, ganz dicht zusammen, manchmal sogar aufeinander. Die Blattlaus steckt ihren Rüssel in das Blatt hinab und saugt den Saft heraus. Etwas andres tut sie überhaupt nicht. Sie bewegt sich nur höchst ungern von der Stelle, denkt an nichts und tut nichts.“

„Und welchen Nutzen haben wir von dem dummen Tier?“

„Sehr großen, Majestät. Es ist unsere Kuh. Sie sondert einen außerordentlich wohlschmeckenden Saft ab, der unsere beste Nahrung bildet. Ew. Majestät haben ihn mehrmals verspeist, aber natürlich nicht darüber nachgedacht, woher er kam. Darum schätzen wir die Blattlaus sehr, beschützen sie gegen ihre Feinde und halten überhaupt unsere mächtige Hand über sie. Die Blattläuse sind unsere Haustiere, Ew. Majestät.“

„Laß mich eine Blattlaus sehen!“ sagte die Königin.