„Noch nicht,“ fiel da der Sauerstoff ein. „Aber es wird so kommen. Alles, was der Stickstoff und die Kohlensäure erzählen, mag sein, wie es will; es hat mit der Sache nichts zu schaffen. Die Stube ist nur klein, und ich bin nur ein Fünftel der Luft, wie ihr gehört habt. Die Lampe kann nicht ohne mich brennen, und ihr könnt nicht ohne mich atmen. Je mehr Wesen mich brauchen, desto schneller bin ich aufgebraucht. Darum wollte der Doktor, daß der Kanarienvogel hinausgebracht würde. Darum hätte die Pelargonie heute nacht nicht im Zimmer stehen dürfen. Darum war es dumm von der Mutter des kranken Jungen, daß sie die Lampe in die Höhe schraubte. Und darum bleibt nichts andres übrig, als nach ihr zu klingeln, damit sie hereinkommt und das Fenster öffnet. Da draußen ist viel Sauerstoff. Hier drin aber ist nur noch wenig; und wenn der verbraucht ist, so erstickt ihr. Punktum.“
Der Junge lag regungslos da und lauschte und starrte. Jetzt glaubte er nicht länger, daß es ein Märchen sei. Er atmete schwer auf; und er bekam Tränen in die Augen, als er sah, wie der Kanarienvogel den Kopf hängen ließ und die Blätter der Pelargonie immer schlaffer wurden, während die alte Lampe flackerte und flackerte.
„Ich will nicht ersticken,“ jammerte der Kanarienvogel. „Könnte ich nur wieder vors Fenster kommen! Da war viel bessere Luft. Könnte ich nur aus dem Bauer hinausschlüpfen und durch die Scheibe fliegen... Ja, dann würden mich freilich die häßlichen Spatzen tothacken, aber das wäre doch besser, als hier zu ersticken.“
„Ich will lieber sterben als meinen Kanarienvogel missen,“ sagte der Junge und warf ihm einen zärtlichen Blick zu.
„Ich will nicht ersticken,“ verkündete die Pelargonie. „Ich bin so jung und habe so wunderschöne rote Blüten. Ich freute mich so, als ich heute morgen auf dem Markte stand, obwohl es da bei weitem nicht so schön war wie in dem Treibhaus des Gärtners, wo ich groß geworden bin. Aber ich will nicht ersticken... ich will nicht ersticken.“
„Ersticken?“ sagte die alte Lampe. „Das bedeutet wohl dasselbe wie ausgelöscht werden. Dann bin ich wirklich oft im Leben erstickt. Gewöhnlich einmal am Tage. Es ist wirklich nicht so gefährlich. Man wird einfach wieder angezündet. Aber ich gehe ungern aus, bevor ich muß. Denn wenn sie kommen und sehen, daß ich Petroleum und Docht genug habe, und trotzdem ausgegangen bin, so glauben sie natürlich, daß ich ganz altersschwach bin, und setzen mich in die Rumpelkammer.“
„Daran läßt sich nichts ändern,“ sagte der Sauerstoff.
„Kann ein kleiner Junge auch wieder angezündet werden, wenn er erloschen ist?“ erkundigte sich der Junge.
„Nein,“ belehrte ihn der Sauerstoff. „Wenn ein Junge erloschen ist, so ist er weg. Und genau ebenso ist es mit der Pelargonie und dem Kanarienvogel. Die Lampe kann wieder angezündet werden, aber dann hat sie eben niemanden mehr zu bescheinen.“
Der Junge streckte die Hand aus, um die Schelle zu ergreifen. Er stieß daran, so daß sie auf den Fußboden fiel und ganz unters Bett rollte. Sie machte ja freilich Spektakel, aber niemand hörte es. Eine Weile lauschte er, ob Mutter nicht kommen werde, aber sie kam nicht. Er wollte rufen, aber die Stimme fror in seinem Halse fest, so große Furcht hatte er.