Im selben Augenblick flog sie auf, und der Neuntöter folgte ihr schleunigst; denn er fürchtete, sie könne in ihrer Aufregung zu Schaden kommen.

Aber als die beiden soeben fortgeflogen waren, setzte sich ein andrer Vogel neben das Nest und starrte hinein.

Er war viel größer als der Neuntöter und ganz graubraun mit hellen Flecken auf Brust und Bauch. Im Schnabel trug er ein Ei, das er vorsichtig neben die anderen Eier ins Nest legte. Es war nicht größer als sie und glich ihnen aufs Haar.

Einen Augenblick blieb der fremde Vogel noch sitzen und betrachtete traurig das kleine, warme Nest, in das er sein Ei gelegt hatte. Dann lüftete er die Flügel und flog über die Wiese in den Wald hinein. Auf einem hohen Baume saß dort das Männchen und wartete.

„Hast du das Ei untergebracht?“ fragte der Vogel die zurückkehrende Gefährtin.

„Ja,“ erwiderte das Weibchen, „ich habe es den Neuntötern im Dornengebüsch drüben auf der Wiese ins Nest gelegt. Das sind brave Leute; sie werden gut zu unserm Kinde sein.“

„Mehr können wir nicht tun,“ meinte der andere Vogel. Und dann rief er: „Kuckuck!“, und beide flogen davon.

Als die Neuntöter nach Hause kamen, bemerkten sie nicht, daß nicht mehr drei Eier, sondern vier im Neste lagen. Einmal waren sie beide im Rechnen nicht besonders gut beschlagen; und außerdem war Frau Neuntöter jetzt besser gelaunt. Sie setzte sich ganz fromm auf die Eier, und ihr Mann sang ihr etwas vor, so daß es weithin durch den Wald schallte.

Vierzehn Tage lang saß sie getreulich auf den Eiern und brütete, während der Neuntöter umherflog und Schmetterlinge, Larven und Fliegen fing. Er spießte sie auf die Dornen dicht neben dem Nest, so daß das Weibchen mit Leichtigkeit hinüber huschen, danach schnappen und dann flugs wieder zurück sein konnte.