„Ich bin groß genug, mich allein zu verteidigen,“ rief er. „Ich sehe aber, daß der Schein gegen mich ist; darum will ich meiner Wege gehen. Ich danke meinen Pflegeeltern für alles Gute, das sie mir erwiesen haben; aber ich glaube nicht an die Geschichte des Zaunkönigs; so wahr ich lebe, will ich die Wahrheit an den Tag bringen, und wenn ich auch bis ans Ende der Welt reisen müßte!“
Dann flog der junge Kuckuck davon — über die Wiese und den Wald hin. Im Fliegen merkte er an der Kraft seiner Flügel, daß er jetzt erwachsen war. Über Felder, Wälder und Wiesen flog er weit fort in fremde Länder.
Sooft er sich niederließ, um auszuruhen, mußte er an die Geschichte denken, die er gehört hatte. Er konnte und konnte sie weder verstehen noch glauben; denn er wußte, daß er nicht schlechter war als die anderen Vögel, und er konnte nicht begreifen, warum ihn seine Mutter der Verachtung und dem Haß der andern Vögel preisgegeben hatte.
Dann hielt der Winter seinen Einzug im Norden.
Im Walde fielen die Blätter von den Bäumen, und die grüne Wiese verbarg sich unter einer dicken weißen Schneedecke. Mitten aus dem Schnee ragte der Dornbusch wie ein Bündel schwarzer Reiser in die Luft. Hier und da hing an einem Zweig noch eine in der Kälte zusammengeschrumpfte Beere.
Die Schmetterlinge, Fliegen und Larven waren verschwunden; und von den Vögeln waren nur die Sperlinge, Buchfinken und Meisen übrig und dann noch die großen Krähen, die unaufhörlich krächzten und mit den Flügeln um sich schlugen, um warm zu werden. Zaunkönig, Neuntöter, Stieglitz und alle die andern waren gen Süden geflogen, wo die Sonne wärmer scheint und die Blätter immer grün sind.
Dort in einem der warmen Länder saß der junge Kuckuck am Weihnachtsabend auf einem hohen Baume und starrte traurig über die Gegend hin. Die Sonne ging eben unter, und viel tausend Blumen erstrahlten in ihrem Glanze. Aber der Kuckuck sah nichts von alledem. Er hatte seine Mutter nicht gefunden, doch die Geschichte des Zaunkönigs konnte er nicht vergessen. Er hatte drei andre junge Kuckucke getroffen, die ganz dasselbe erlebt hatten wie er; und es kam ihm so vor, als gehöre er zu einem fluchbeladenen Geschlecht, das nicht wert sei, von der Sonne beschienen zu werden.
Wie er hier so seinen trübseligen Gedanken nachhing, da raschelte es im Laube neben ihm, und ein großes altes Kuckucksweibchen streckte den Kopf hervor und betrachtete ihn.
„Du siehst nicht besonders vergnügt aus,“ sagte die Alte. „Warum läßt du den Schnabel hängen? Ist es dir hier etwa nicht warm genug, oder findest du nicht genug zu essen?“
„Ich suche meine Mutter,“ erwiderte der junge Kuckuck.