Da hüpfte das alte Kuckucksweibchen auf den Zweig neben ihm und sah ihn aufmerksam an.

„Vielleicht bin ich deine Mutter. Ich hab’ dich schon heute mittag im Walde beobachtet. Mein Herz sagt mir, daß du mein Fleisch und Blut bist.“

„Wenn du meine Mutter bist, so hast du gar kein Herz. Meine Mutter ist schlecht. Sie hat mir viel Böses angetan.“

Und dann erzählte der junge Kuckuck seine Geschichte. Das alte Weibchen hörte ihm aufmerksam zu und nickte von Zeit zu Zeit.

„In einem Dornbusch, sagst du? In einem großen, großen Walde hoch im Norden? Ja, das paßt alles. Du bist mein Kind. Wie groß und schön du geworden bist!“

Der alte Kuckuck strich dem jungen zärtlich mit dem Schnabel über den Flügel; doch dieser flog mit einem lauten Schrei in die Höhe und schüttelte sein Gefieder.

„Rühr’ mich nicht an,“ schrie er. „Du bist schlecht, ich hasse dich!“

„Herr Gott!“ sagte die alte Kuckucksmutter, ohne den Zorn ihres Kindes zu beachten. „Es ist mir, als ob es gestern gewesen wäre. Wie lange bin ich mit dem Ei, worin du lagst, umhergeflogen und habe nach einem Neste gesucht! Ich mußte ja ein Nest finden, in dem die Eier den meinen ähnlich sahen; sonst hätten die fremden Eltern es bemerkt und hinausgeworfen. Das dauerte sehr lange; und zuletzt bin ich so müde geworden, daß ich Angst bekam, es zu verlieren.“

„Ich wünschte, du hättest es verloren!“ schrie der junge Kuckuck. „Dann wäre ich nie zur Welt gekommen, hätte meine lieben Pflegegeschwister nicht umgebracht und die armen, treuen Neuntöter nicht zu quälen brauchen. Es wäre mir erspart geblieben, mitanzuhören, wie man meine Mutter einen schlechten, faulen Vogel schimpfte, ohne daß ich ein Wort zu ihrer Verteidigung anführen konnte.“

Der alte Kuckuck sagte nichts, sondern starrte bloß sein erzürntes Kind an.