„Warum hast du dir kein Nest gebaut wie andere ordentliche Vögel?“ fragte der junge Kuckuck. „Und deine Eier ausgebrütet? Und deinen Kindern Futter gebracht? Warum hast du das nicht getan?“

Die alte Kuckucksmutter schüttelte schwermütig den grauen Kopf und seufzte:

„Jeder hat sein Kreuz zu tragen. Es ist nicht so leicht, ein Kuckuck zu sein, das kannst du mir glauben! Ja, du wirst es noch selbst erfahren, wenn du im Sommer wieder nach Norden ziehst und Eier legen mußt.“

„Glaubst du etwa, daß ich mich dabei ebenso garstig benehmen werde wie du?“ fragte der junge Kuckuck höhnisch.

„Du kannst mir glauben, daß ich mir lieber ein Nest gebaut und meine Kinder bei mir behalten hätte, bis sie erwachsen gewesen und in die Welt hinausgeflogen wären!“ rief die Alte. „Schweren Herzens lege ich jeden Sommer die Eier in fremde Nester; und es betrübt mich stets, nichts darüber zu erfahren, was aus ihnen wird.“

„Warum tust du es denn dann?“

„Ich kann ja nicht anders,“ sagte der alte Kuckuck. „Das ist eben das traurige Geheimnis unseres Geschlechtes. Hör’ mich an, dann will ich es dir erzählen! Sieh mal, ich kann nur jeden achten Tag ein Ei legen. Begreifst du nun, daß das eine Ei verfaulen würde, bis das nächste gelegt ist, und daß ich sie nicht selber ausbrüten kann?“

„Warum legst du die Eier denn nicht schneller?“ fragte der junge Kuckuck. „Hast du keine Lust dazu? Der Zaunkönig sagte, du wärest faul.“

„Ich möchte es ja so gerne! Und ich täte alles, um nur meine Kinder bei mir behalten zu dürfen. Aber ich kann nicht. In meinem Körper ist jedesmal nur Platz für ein Ei; und jedes Ei braucht acht Tage, bis es entwickelt ist.“

Der junge Vogel sah den alten mißtrauisch an.