Da wir uns außer Gefahr und wieder stark genug fanden, giengen wir selbst, den Fürsten zu besuchen. Er erkannte uns kaum noch, dann reichte er uns die Hand: „Ich bestätige durch mein Ende,“ sagte er, „die Wahrheit dessen, was ich Ihnen gestern von unsern Pfaffen sagte — ich bin nicht der Einzige, der von ihnen hingerichtet worden ist. Gottlob nur! daß Sie der Gefahr entgangen sind. Lassen Sie sich das Beispiel zur Warnung dienen, und sein Sie vorsichtig gegen diese heiligen Bösewichte.“

Wir waren allein: als er dies sprach. Die Fürstin und die Kinder hatten sich in ihre Gemächer zurückgezogen, um ihrem unbändigen Schmerzen freien Lauf zu lassen. Der älteste Prinz allein war zugegen. „Versprich mir,“ sprach der Fürst zu ihm: „meinen Tod an niemanden zu rächen, noch zuzugeben, daß man ihn räche, und gieb mir deine Hand darauf.“ Der Sohn stürzte sprachlos zu den Füßen seines Vaters, ergriff dessen Hände und vergoß Ströme von Thränen. „Meine Briefe,“ fuhr er zu uns fort, „liegen für Sie an meine Freunde fertig in meinem Kabinette. Bringen Sie ihnen zugleich das letzte Lebewohl ihres sterbenden Freundes. Leben Sie wohl, und erinnern Sie sich auch noch auf Ihrem Planeten eines unglücklichen Fürsten hieroben, der ein besseres Schicksal verdient hätte.“

Wir konnten vor Schmerzen nicht sprechen, küßten ihm die Hände und weinten. Ich versuchte einige Worte von Dank und Verehrung zu stammeln, aber sie erstickten mir in der Kehle. Der Fürst sah unsere Liebe zu ihm, und unsern innigen wahren Schmerz; er drückte uns die Hände — „Gottlob!“ sagte er, „daß ich noch vor meinem Ende Freunde fand. Die Fürsten unserer Welt haben keine Freunde!“ —

Er hatte es kaum ausgesagt, als sein Mundschenk wild hereinstürzte, und sich vor ihm auf die Knie warf. „Verzeihung! Verzeihung! Fürst! Vater! Verzeihung dem Mörder — und dann Strafe — die grausamste Strafe — aber Verzeihung!“ So rief er schluchzend, und streckte bittend seine Hände empor. „Wem dann?“ fragte der Fürst. „Mir! mir! ich bin der Verruchte, der Bösewicht, der Giftmischer! Wehe mir! die Pfaffen haben mich betrogen, haben mir gesagt, daß ich eine gute That thue, haben mir Nachlassung all meiner Sünden[3] und die ewige Seligkeit dafür versprochen, haben mir mit der Hölle gedroht, wenn ichs nicht thäte — Weh mir! ich fühle, daß ich Böses gethan habe — die Hölle brennt mich schon in meinem Busen!“—

Der ohnehin schon äusserst schwache Fürst ward dadurch heftig angegriffen. „Unglücklicher!“ sprach er matt, „geh, lauf aus meinem Lande, sonst wird man dich ergreifen, und dich ums Leben bringen; und was würde es mich helfen, wenn nebst mir noch ein Mensch umkommen sollte.“ Er nahm hierauf Geld, und gabs ihm mit den Worten: „Mach, daß du fortkömmst.“

Der unglückliche raufte sich die Haare aus; „Nein,“ rief er: „sterben, sterben will ich den grausamsten Tod, ich Bösewicht! O! ich habe den besten Fürsten gemordet! unsern Freund! unsern Vater! und er — verzeiht mir, beschenkt mich!“ Ein Schluchzen erstickte seine Sprache; er krümte sich an der Erde, wie ein Wurm, und raufte Hände voll Haare aus seinem Kopfe. Man mußte ihn wegbringen. Die schröckliche Scene wirkte zu heftig auf das gute Herz des ganz entkräfteten Fürsten.

Er verlohr itzt alle Sprache; die Konvulsionen wurden stärker; die Augen brachen ihm; er streckte nochmal seine Hand aus, als wollte er noch den letzten Abschied nehmen, und — verschied!

Ich vermag es nicht, den Jammer der Fürstin und der Kinder zu schildern. Das Herz blutete uns. Wir konnten itzt nicht genug eilen, aus diesem Lande weg zu kommen, wo wir unser Leben und unsere Freiheit keinen Augenblick mehr sicher glaubten.

Ganz in Geheim ließen wir demnach noch vor Tages Anbruch die Anstalten zu unserer Abreise machen, steckten unsere Empfehlungsbriefe zu uns, und nachdem wir uns mit Thränen der Wehmuth von der fürstlichen Familie — die uns reichlich beschenkte — beurlaubt, und dem Todten, ewig lebenswürdigen Fürsten die Hände geküßt hatten, gingen wir mit anbrechendem Tageslicht zu Schiffe, stiegen in die Höhe, und entflogen glücklich aus diesen grauenvollen Gegenden, wo die Priester ihren Gott fressen, und ihre Fürsten morden!! — — — — — —

Wir hatten uns vorsichtiger Weise erkundigt, nach welcher Himmelsgegend wir los zu steuern hätten, und folgten genau dieser Route. Als wir ohngefehr einen halben Tag, mit ziemlich günstigem Winde, in der Luft gefahren waren, sahen wir eine große Stadt unter uns liegen. Wir ließen uns ohngefehr eine halbe teutsche Meile von derselben nieder, und gingen zu Fuße dahin.