Gleich am Eingange der Stadt wurden wir von einem Manne, der dreierlei Farben an seinem Rocke trug, angehalten, und gefragt: woher wir kämen, und ob wir Pässe hätten. Als wir das letzte mit Nein beantworteten, fragte er weiter: wer wir wären. Erdenbürger, sagten wir. „Wo liegt dies Land?“ fuhr er fort. Es liegt in einer andern Welt, antworteten wir, die man Erde heist: „Ich will Euch Euren Spaß vertreiben,“ schrie der Mensch mit dreierlei Farben, „Wache raus!“ In dem Augenblick erschienen mehrere seines Gleichen, alle bewafnet, und umringten uns. „In Arrest mit den Kerls,“ rief er, „bis auf weitere Ordre! es sind verdächtige Schliffl (Halunken).“
Man führte uns demnach, unter dem Zusammenlaufe vieler Menschen, in ein großes Gebäude, wo uns ein Mann empfing, der uns zugleich ein finsteres Loch zu unserer Wohnung anwieß. Ehe er uns aber verließ, durchsuchte er jedem seine Taschen, und nahm uns all unsere Papiere, worunter auch unsere Empfehlungsbriefe waren. Er sah sie an. „Was?“ rief er, „die Kerls haben gar Briefe an unsern Hochgewaltigen bei sich.“ Wir erkundigten uns hierauf, wo wir dann wären, und erfuhren, in Wirra, der Hauptstadt vom Königreiche Plumplatsko, welches eben diejenige war, wohin wir Empfehlungen hatten.
Man nahm indeß unsere Briefe mit fort, und schloß uns hier ein. „Verflucht und verdammt,“ schrie ich, „sei die Reise in den Mars! Zu Papaguan fielen wir unter die Hände der Pfaffen — hier sind wir wahrscheinlich unter die Hände der Soldaten gefallen. Gott mag wissen, welches schlimmer ist! Beide Stände scheinen hier eine Art von Despotismus auszuüben.“
Eine ganze Nacht hatten wir nun wieder fast eben so übel, als jene in Papaguan zubringen müssen; als wir des anderen Morgens abgeholt, und in ein besonderes Zimmer des Gebäudes geführt wurden, wo einige Offiziere zugegen waren, die uns andeuteten, daß wir, als verdächtige Leute, die keine Pässe bei sich hätten, entweder Kriegsdienste nehmen, oder fünfzig Stockschläge jeder auf öffentlicher Schandbühne bekommen sollten. Vergebens beriefen wir uns auf unsere Empfehlungen. Man hieß uns schweigen, und drohte uns mit Stockprügeln, wofern wir noch ein Wort sprechen würden.[4]
Hiermit ließ man uns wieder in unseren Arrest zurück führen, indem man uns andeutete: daß morgen der Tag wäre, wo wir unsere Strafe erhalten würden, wenn wir nicht indeß Dienste nähmen.
Bei unserer Zurückkunft ersuchten wir, um unsere Leiden zu vergessen, den Gefangenwärter, daß er uns einiges Getränk für unsere Bezahlung holen mögte, die wir ihm, nebst einem kleinen Geschenke, reichten. Er that es, und bracht uns ein Paar große Kannen voll köstlichen Trankes. Wir boten ihm ebenfalls davon zu trinken an. Er ließ sichs nicht zweimal sagen, und ward dadurch etwas zutraulich.
Ich merkte es, und fing an, ihm unser hartes Loos zu klagen. „Ja!“ sagt er, „unser Herr braucht halt Leute.“ Und nun erzählt er uns, daß sie in einen sehr blutigen Krieg verwickelt wären, der sie bereits schröcklich ausgezehrt habe, und der doch ihr Land im Grunde gar nichts anginge; denn eine fremde Königin habe ihn mit einem fremden König angezettelt, und ihr Hochgewaltiger habe sich drein gemischt, weil er die fremde Königin liebte, und sich zugleich seine Riemen aus der Haut des Feindes zu schneiden dachte; denn er sei eben so schwach gegen die Weiber, als habsüchtig — Aber die Sache ging schief, und er hatte noch dazu das Heer seiner geliebten Bundesgenossin zu unterhalten oben drein — denn die Leute waren kaum bedeckt, und es mangelte an Proviant und allem, und die Kerls starben zu Haufen, wie das Vieh, von Kälte und Hunger. Da sucht man dann Geld und Leute zu kriegen, wie und woher man kann. Kein Reisender ist sicher. Den Einwohnern des Landes reißt man ihre Kinder aus den Armen, und sie müssen noch neue schwere Auflagen bezahlen obendrein, unter denen sie fast erliegen. —
Wir hatten ihm indeß mit dem Trunke immer mehr zugesetzt, und als wir seine Unzufriedenheit merkten, priesen wir dagegen unser Vaterland, sagten ihm viel von der Macht, dem Ansehn und den Reichthümern, die wir darinn besäßen; von der Erfindung, die wir gemacht hätten, in der Luft zu fahren, und von dem Luftschiffe, das wir bei uns hätten. Er wollte es kaum glauben, so staunte er darüber; und bezeigte endlich sein Verlangen, auch so in der Luft zu fahren. Dieß könne er, sagten wir ihm, wenn er mit uns reisen wolle; und wir schwuren ihm, in unserm Vaterlande ihn zu einem reichen, angesehenen Mann zu machen. Er schien darüber ausser sich vor Freuden, und kurz, wir wurden einig, sobald es Nacht wäre, miteinander zu entfliehen.
Indeß ließen wir noch ein Paar Kannen füllen, und tranken tapfer drauf los, während wir die Einbildung unseres neugeworbenen Reisegefährten mit Träumen seines künftigen Glückes beschäftigten. So rückte die Nacht heran. Der Gefangenwärter brachte uns andere Kleidung, die wir, um unerkannt zu sein, über die unserige zogen; und so schlich er mit uns aus dem Hause, und führte uns durch Abwege glücklich zum Thore hinaus.
Nun eilten wir blitzschnell auf unser Luftschiff zu, fanden es mit unsern Ruderknechten, gottlob! noch wohlbehalten an seinem Orte; trieben es in die Höhe, und fuhren damit glücklich über alle Berge. So entkamen wir mit heiler Haut den fünfzig Stockschlägen, und waren schon in einem andern Königreiche, als man zu Wirra in Plumplatsko die fürchterlichen Zubereitungen machte, unsere Hintern zu bewillkommen.