Swirlu — so hieß unser neuer Reisegefährte — konnte sich gar nicht von seinem Erstaunen erholen; und er würde vor Freuden über diese Luftfahrt toll geworden sein, wenn diese Freude nicht durch die Furcht von Zeit zu Zeit wäre gemäßiget worden. Als wir ihm sagten, daß wir nach der Hauptstadt Sepolis im Königreiche Biribi wollten, um von da nach Momoly zu kommen, so rieth er uns, dort gar nicht niederzusteigen, sondern oben drüber weg zu segeln; weil wir in diesem Lande — wo der Militärdespotismus eben so wohl, als in Plumplatsko zu Hause sei — gar leicht in eben dieselben Verdrüßlichkeiten gerathen könnten, besonders da wir nun keine Empfehlungen mehr hätten. „In Momoly,“ sagt er, „hat es keine Noth, das ist ein gar besonderes Land; da ist ein Mensch wie der andere. Sie werden ohnehin nicht viel verlieren,“ setzte er hinzu, „wenn Sie in der Höhe von Biribi bleiben. Das Land ist entnervt, wie das unsrige; der itzige Regent ist ein Schwachkopf, wie der unsrige; der aber noch überdies von Pfaffen gegängelt wird. Erst kürzlich hat er es wieder durch ein öffentliches Edikt bewiesen, das allen gesunden Menschensinn zu ersticken sucht, und puren Pfaffenunsinn schwatzt. Er sucht, wie Schwachköpfe pflegen, den Stein der Weisen; verliert aber, indem er ihn sucht, vollends den kleinen Rest seiner Vernunft, und hat immer einige Adepten um sich, die ihn durch ihre Betrügereien um große Summen prellen. Ein Glück für das Land ist es noch, daß ein fremder Fürst und ein Paar Minister, die Kopf und Herz besitzen, manchmal die Mentors dieses Schwachkopfes machen, und sich einmischen, wenn die Sache zu ernsthaft wird.“

Wir befolgten diesen guten Rath, und steuerten gerade auf die Himmelsgegend von Momoly los; indem wir uns nur so hoch erhoben, daß wir mit unseren Sehrohren die unteren Gegenden und die Städte beobachten konnten. Und da Swirlu schon einmal in Momoly gewesen war, und das Land und die Hauptstadt desselben wohl kannte; so liefen wir um so weniger Gefahr, dasselbe zu verfehlen.

Wir waren itzt, nach Swirlu’s Zeugnisse, ohngefehr noch 200 Meilen von Whashangau, der Hauptstadt von Momoly entfernt. Wind und Wetter aber waren so günstig, daß wir in einem Tage, der hier etwas kürzer, als bei uns ist, den weiten Weg glücklich vollendet hatten.

Um dem Zusammenlaufe des Volks nicht ausgesetzt zu sein, senkten wir uns abermal eine gute Strecke weit vor der Stadt herab, ließen die Ruderknechte beim Schiff zurück, und gingen nach der Stadt.

Hier war weder Thor noch Wache; kein Mensch mit dreierlei Farben fragte uns, wer wir wären, noch ob wir Pässe hätten; und was noch weit sonderbarer war: alle Menschen gingen im bloßen Gewande der Natur, womit sie Gott gekleidet hatte. Ihre Wohnungen waren kleine niedrige Hüttchen, ohne Kunst und Pracht.

Aber wie erstaunten wir erst, als wir auf offener Straße vor den Augen vieler Menschen, Bursche und Mädchen sahen, die sich hier öffentlich begatteten! Um der Ehrbarkeit meines Sohnes zu schonen, wollt’ ich über Hals und Kopf eine Seitengasse einschlagen, allein es war so nahe keine; wir mußten an dem Specktakel vorbei, woran sich die Acteurs ihrer Seits gar nicht stören ließen, und die Vorbeigehenden nicht den geringsten Anstoß zu finden schienen.

Ich ärgerte mich nicht wenig über dieß Verderbniß der Sitten, wofür ich es hielt, und wollte eben die beiden Sünder auseinander jagen, als mich Swirlu mit einem unbändigen Gelächter bei der Hand faßte: „Was wollen Sie machen?“ sagte er, „denken Sie doch, daß wir in Momoly sind. Das, was Sie sehen, ist hier eben so wenig unerlaubt, als bei uns das Wasser lassen; und Sie werden es hier noch so gewohnt werden, daß Sie eben so gleichgültig daran vorübergehen, als die Leute, die Sie sahen.“

Ich verbiß meinen Unwillen, und um nicht auf eine zweite Scene dieser Art zu stoßen, fragt’ ich ihn um einen Gasthof. Er fing noch mehr an zu lachen. „Dieß sind lauter Gasthöfe,“ sagte er, „Sie haben hier nur zu wählen; eines jeden Haus steht hier dem andern offen; und wo Sie nur eintreten, werden sie willkomm seyn. Was aber dabei das Bequemste ist — die Bewirthung kostet nichts! Man weiß hier gar nichts vom Geld. Es lebe Whashangau! und die Momolyten! das heiß ich mir ein Land, das sich gewaschen hat!“

Mit diesen Worten lief er auf ein blühendes, vollwüchsiges Mädchen zu, das er auf gut momolytisch salutiren wollte, die ihn aber mit einer derben Ohrfeige abfertigte, welches mir mit der Sitte dieses Volks einigen Kontrast zu machen schien.

Wir sahen uns nunmehr nach der ansehnlichsten Wohnung um, die in unserem Gesichtskreise lag, und traten daselbst ein. Ein alter Mann, mit ehrwürdig grauem Haupte, reichte uns treuherzig die Hand, und bot uns freundlichen Willkomm. Aber was wir sahen, war reinlich und in seiner Art schön. Nirgends zeigte sich Luxus oder Reichthum; überall Einfalt und Wohlbehaglichkeit. Wir fragten durch Swirlu — der uns hier bei jeder Gelegenheit zum Dollmetscher diente, weil er die Landessprache konnte — ob wir auf einige Tage Herberge haben könnten, und mit freundlichem Lächeln antwortete der Greis: „Herzlich gerne!“ Sogleich ließ er Früchte und Milch aufsetzen, die zwar aus einer andern Art von Thieren, als bei uns gemolken wird; aber nicht weniger kräftig und noch wohlschmeckender als jene ist.