Er erkundigte sich itzt, woher wir dann kämen, weil unsere Tracht Fremde zu verkündigen schien. Wir sagtens ihm, und erzählten ihm unsere wunderbare Reise und alles. Der Mann war eben so erstaunt über unsere Erzählung, als erfreut, daß er solche Gäste zu beherbergen habe. Er konnte nicht satt werden, uns zuzuhören, und wir mußten ihm versprechen, ihn des andern Tages zu unserm Luftschiffe zu führen, und ihm alles daran genauer zu erklären.

Wir hatten unvermerkt ziemlich tief in die Nacht geplaudert, als wir endlich unserm liebreichen Wirthe, mit freundlichem Händedruck, guten Schlaf wünschten, und uns zur Ruhe begaben.

Kaum als des andern Tages die Sonne aufgegangen war, hörten wir auf den Gassen schon eben die Bewegung, die man bei uns erst gegen Mittag zu hören pflegt. Wir sahen hinaus, neugierig, was es wohl gebe: aber wir wurden nichts gewar.

Da uns unser Wirth gehört hatte, so kam er auf unser Zimmer, um uns an unser Versprechen zu erinnern. Er bemerkte, daß wir, allem Anscheine nach, sehr gut geschlafen hätten, weil die Gottheit, seinem Ausdrucke nach, schon eine Stunde lang die Welt beleuchte. Wir fragten, ob man dann alle Tage hier so frühe aufstehe. „Alle Tage, sobald Gott erscheint;“ war seine Antwort. „Wir versammeln uns um diese Zeit an gewissen Tagen unter Gottes freiem Himmel auf dem Felde — denn welcher Tempel ist herrlicher und der Gottheit würdiger, als die Natur? — sehen Gott in seiner Majestät zu uns heraufkommen, werfen uns vor ihm aufs Angesicht nieder, und beten ihn an!“

Ihr betet also die Sonne an? fragten wir.

„Allerdings,“ erwiederte der Alte. „Strahlt nicht aus ihr Gottes Güte, Gottes Milde, Gottes allernährende Wohlthätigkeit, Gottes Größe, Herrlichkeit und Majestät? Giebts unverkennbarere, sichtbarlichere Zeichen der Gottheit?? Ich weiß zwar, es sind auf unserer Welt Völker, die sich ihren Gott selber schnitzen, ihm kostbare Steinhaufen errichten, ihr geschnitztes Bildchen darin einsperren, vor ihm hinknien, und es anbeten, wie wir die Sonne — und sich darob weit klüger dünken, als wir. Aber sind wohl solche Thorheiten eines Einwurfs werth? Wir lachen darüber, und haben Mitleid mit dem verblendeten Volke, das das Spiel seiner Pfaffen ist, die den Gottesdienst als den wahren, gottgefälligen vorschreiben, der sie am Besten nährt. Ihr sollt einmal unserem Gottesdienste mit beiwohnen, um zu sehen, welcher Euch besser erbaut. Ihr dörft aber darum keineswegs die Gebräuche desselben mitmachen, wenn Ihr nicht wollt. Jeder hat bei uns freien Willen, zu glauben, und zu beten, was und wie er will, wenn er nur ein guter Mensch und ein rechtschaffener Bürger ist, der Ruhe und Ordnung nicht störet. Wir würden unsere Religion entehren, und ihre Gründe verdächtig machen, wenn wir jemand durch Zwang nöthigen wollten, die Wahrheit derselben zu glauben, und die Gebräuche derselben zu befolgen. Der Glaube muß die Folge von der Ueberzeugung sein. Ohne Ueberzeugung glauben müssen, ist thierisch und sklavisch, folglich des vernünftigen, freien Menschen unwürdig. Ueberzeugung aber erhält man nicht durch Zwang und Gesätze; sondern durch den freien Gebrauch unserer Vernunft, dieses edlen Geschenks der Gottheit, das uns allein über andere Thiere erhebt. Sünde ist es demnach bei uns, den Gebrauch der Vernunft im Geringsten einzuschränken.“

Wir fragten: welches dann die Lehrsätze ihrer Religion wären.

„Unsere Religion,“ erwiederte der Alte, „hat keine besonderen Lehrsätze. Die Vernunft lehrt uns das Dasein eines Wesens, das wir Gott nennen; sie lehrt uns dies Wesen lieben und verehren, weil wir ihm Dasein und Erhaltung zu danken haben; und fürchten, weil es gerecht ist; sie lehrt uns, was übel und gut sei; lehrt uns jenes vermeiden und dieses thun. Natur und Vernunft sind demnach unsere Gesetztafeln, worinn Gott seinen Willen jedem Menschen mit deutlichen Zügen eingrub — und darinn besteht unsere ganze Religion.“

Wir erstaunten, so viel reine Simplicität, so viel schlichten Menschensinn unter einem, nach unserer Meinung, so rohen Volke zu finden. Aber ich konnte nicht umhin, ihm den Widerspruch entgegen zu setzen, den die scandalöse Scene vom gestrigen Abend mit seiner ebenerwähnten Gesetztafel, wie ich dafür hielt, machte.

Er lächelte, als ich von der Sache, wie von Laster und Schande, sprach. „Allumstralende Gottheit!“ rief er endlich mit Begeisterung, „verzeih Deinen Geschöpfen, die den heiligsten Trieb, den Du in ihren Busen legst, und durch Deinen Einfluß darinnen erhältst, den Trieb der Fortpflanzung für unerlaubt, das Werk der Menschenzeugung für lasterhaft halten können! Ist es dann auch Laster und Schande unter Euch, eine Pflanze zu stecken, ein Feld zu besäen, ein Blumenbett zu begiesen?“