Wir verneinten es, weil es leblose Dinge wären.

„Also wäre der Vorzug, den Ihr vor der Pflanze habt, gerade die Ursache, warum Ihr Euch zu schämen hättet? Oder sind etwa Eure Menschen so abscheuliche, böse Geschöpfe, daß es Sünde und Schande ist, derer zu zeugen?“

Wir verneinten es abermal, und fügten hinzu: daß wir die Zeugung des Menschen keineswegs für sündlich hielten, vorausgesetzt nur, daß gewisse Cärimonien vorhergegangen wären, die man die Trauung heiße; daß aber auch dann die Begattung allemal in heimlichster Verborgenheit geschehen müsse.

„Welche Widersprüche!“ versetzte der Alte. „Ists möglich von vernünftigen Geschöpfen solchen Unsinn zu hören, der überdieß durch die Gesätze autorisirt wird? Ist eine Sache sündlich: wie kann sie durch alle Cärimonien der Welt nicht sündlich gemacht werden? Ist sie aber erlaubt: was brauchts der Cärimonien, um sie erst erlaubt zu machen? — Und warum sich einer Handlung schämen, die mit, oder ohne Cärimonien erlaubt ist? warum heimliche Winkel suchen, um sie zu begehen?“

Wir wandten ihm das Sittenverderbniß und die Unordnung ein, die daraus entstehen müßten, wenn man die Sache allgemein erlaubte, und öffentlich verübte. Die Menschen — sagten wir — würden sich dann durch allzufrühzeitigen und unmäßigen Genuß entnerven; die Ehen würden aufhören, und Entvölkerung würde einreißen; niemand würde wissen können, wer Vater eines Kindes sei, und keiner würde eben darum die Vaterpflichten an seinem Kinde erfüllen wollen.

„All diese Folgen,“ versetzte der Alte, „liegen nur in Eurer Einbildung, oder in Eurer üblen Statsverfassung. Wisset! indem Ihr den Genuß zum Laster und zu einer Heimlichkeit macht, reitzt Ihr nothwendig die Lüsternheit darnach; denn nichts macht lüsterner nach dem Genusse, als Verbottensein; nichts reitzt mehr den Vorwitz, als geheimnißvolles Wesen.[5] Warum entnervet sich dann das Vieh nicht durch allzufrühen und unmäßigen Genuß? Gleichwohl ist es noch niemanden eingefallen, dem Viehe Zwang darinn anzulegen. Glaubt mir, eben diese Freiheit, eben diese Unheimlichkeit im Genusse, die Euch bei uns befremdet, ist gerade das Mittel, den Misbrauch derselben zu verhindern. Die Leichtigkeit zu geniesen, und die Gewohnheit Scenen des Genusses täglich und stündlich zu sehen, macht, daß wir gegen diese Handlung nicht lüsterner als gegen jedes andere Bedürfniß der Natur sind: statt daß die Beschwerlichkeit und die Heimlichkeit, womit man bei Euch zum Genusse gelangt, der Sache, wie jeder andern, nothwendig neue Reitze giebt, die sie sonst nicht hat. Liebe Freunde! folget der Natur. Sie ist die sicherste Führerin, die gewiß keines ihrer Geschöpfe in sein eigenes Verderben leitet. Aber sie rächt sich dafür, sobald man ihr Bande anlegt, und durch jegliches derselben zieht sie den Menschen in sein Elend. Sie ist ein Strom; man lasse ihm seinen Lauf, und er wird keinen Schaden thun; aber man setze ihm Dämme entgegen, und er wird in wilden Fluten ausbrechen, und Felder und Wiesen verwüsten, die er vorher fruchtreich benetzte. O Menschen! Menschen! wie könnt Ihr doch blind genug sein, Euch von der Natur zu entfernen — den Pfad aus dem Auge zu verlieren, den sie Euch so liebreich vorzeichnet? Wie könnt Ihr glauben, durch Zwang und Gesätze es besser zu machen, als es Gott machte, der diese Natur in Euch legte, und Euch durch ihre Stimme väterlich zuruft? Seht Ihr nicht, daß Ihr Euch Eurem Verderben immer mehr nahet, je weiter Ihr Euch von dem Pfade der Natur entfernet? Verzeiht mir, liebe Fremdlinge!“ fuhr er mit feuchtem, glänzenden Auge fort: „verzeiht, wenn ich mit Hitze zu Euch spreche. Es ist nicht blinde Vorliebe für mein Vaterland, nicht Eigensinn für die Sache, die ich vertheidige; es ist wahrer Eifer für Menschenwohl, wahre Ueberzeugung, daß es ihnen so besser wäre, und warme, innige Theilnahme an dem unglücklichen Schicksale der Menschheit, die das traurige Opfer einer unnatürlichen Gesetzgebung ist.“

Er hielt hier vor Empfindung einige Augenblicke inne. „Glaubt Ihr mir noch nicht,“ so sprach er weiter, „was ich Euch von den Vortheilen unserer Verfassung sagte, so seht unser glückliches Völkchen an! Ihr werdet keinen darunter finden, der durch Liebe entnervt ist; Jünglinge und Mädchen blühen voll Gesundheit; keinen, der durch Liebe unglücklich ward, denn der Genuß wird ihm nicht dadurch erschwert. Bei all dem werdet Ihr keinen ausschweifenden Kerl, noch eine lüderliche Buhldirne sehen; und der mögte übel wegkommen, der mit wildem Feuer auf die erste Beste losstürmen zu können glaubte.“ — Swirlu ward hier feuerroth — „unsere Jünglinge und Mädchen haben darum nicht weniger ihre sanften, zärtlichen Gefühle, und werfen sich nicht jeglichem in die Arme. Die Ehen hören daher auch keineswegs bei uns auf, wie ihr fürchtet. Es ist gar nichts Seltnes, daß Mann und Weib sich miteinander unter der Bedingung verbinden: daß beide sich künftig alleine geniesen wollen. Dieser Vertrag wird dann vor Zeugen errichtet, und von dem Augenblick an ist den Verbundenen fremder Genuß aufs Strengste verboten. Ihr könnt daher in diesem Lande, das Ihr für barbarisch haltet, eben so viele und vielleicht weit mehrere Bilder häuslicher Glückseligkeit finden, als in dem Eurigen. Ich selbst habe mit meinem Weibe 15 Jahre[6] lang ein himmlisches Leben gelebt, habe 20 Kinder mit ihr gezeugt — und ewig werd’ ich ihren Tod beweinen!“

Hier stockte seine Sprache; er wischte sich eine Thräne aus dem Auge, und fuhr fort: „Es ist noch übrig, daß ich Euch den Einwurf beantworte, den Ihr mir machtet: daß man bei unserer Verfassung nicht wissen könne, wer eines Kindes Vater sei, und daß eben darum keiner die Vaterpflichten an seinem Kinde würde erfüllen wollen.“

„Wenn Ihr unsere ganze Einrichtung wüßtet, so würdet ihr diese Einwendung wohl schwerlich gemacht haben. Ich will Euch also davon unterrichten. Wir haben — kein Eigenthum, denn die Natur hat keines; sie hat jedem gleiche Rechte, gleiche Bedürfnisse gegeben. Alles, was wir haben, das ist Feld und Frucht und Vieh, ist daher unter uns gemeinschaftlich. Niemanden fällt es ein, sich davon mehr zuzueignen, als er braucht. Und was sollte er damit thun? wozu würde es ihm helfen, als daß es ihm eine unnöthige Last machte? Denn wir haben ja keine Bedürfnisse, als jene der Natur; unsere Nahrung besteht aus dem, was unser Feld und unser Vieh giebt; unsere Wohnung ist eben so einfach, und unsere Kleidung noch einfacher; denn wir tragen, wie Ihr seht, das blose Gewand, das uns die Natur mit auf die Welt gab, und behängen uns, wenns sehr kalt ist, mit den Häuten unserer Thiere. Aber die weise Mutter Natur hat dafür gesorgt, daß die Menschen — woferne sie den Gesätzen der Natur getreu bleiben — so viel auch derer immer da sind, genug haben, und daß von den Menschen, wie von den Pflanzen, nicht mehrere hervorkommen, als der Erdstrich, worauf sie wachsen, ernähren kann. Keiner unter uns hat also jemals Mangel; denn keiner hat Ueberfluß. — Sagt mir nun, meine Freunde! warum sollte der Vater sein Kind verläugnen? Warum die Mutter den Vater? Nehmt auch an, daß jener es nicht gewiß wisse — welcher unter Euch weiß es dann gewiß, daß er Vater ist? — so weiß es doch die Mutter; und da diese unter uns ganz und gar keine Ursache noch Vortheile hat, einen andern Vater anzugeben; so kann man sich auf ihre Aussage sicher verlassen, welches man, dünkt mich, bei Euch nicht immer kann.

Aber gesetzt nun sogar, daß die Mutter es nicht wisse; gesetzt, daß der Vater sein Kind verläugne — welches bei uns ein fast undenklicher Fall ist; so würde daraus hier weiter gar nichts folgen, als daß ihn das Kind nicht Vater, und dieser den Sohn nicht Sohn nennen würde: denn der junge Ankömmling hat nun sein Theil in unserer Gemeinschaft, wie jeder andere. Der Vater — er mag das Kind als das Seinige erkennen, oder nicht — braucht ihm nichts zu geben, nicht für ihn zu sorgen — und der Mutter entgeht eben so wenig das Geringste dabei, ob der Vater sich als Vater bekenne oder nicht; denn sie macht deswegen an den Vater keine Ansprüche; kann, in jedem Falle, keine machen, und hält sich für die kleinen Mutterbeschwernisse, durch die Mutterfreuden reichlich entschädigt.“