Wir standen verstummt und erstaunt über alle die praktische Weisheit, die uns der Greis hier vorgetragen hatte, und über die Wahrheit, der wir darinnen nicht zu widerstehen vermochten. Noch nie hatte ich die Sache in diesem Lichte betrachtet. Erziehung, Gewohnheit, Vorurtheile umzogen sie vor mir stäts mit Dämmerung. Jetzt fiels wie Schuppen von meinen Augen, und mir war plötzlich wie einem Menschen, der zum erstenmale in seinem Leben den Tag erblickt.
Wer ist, fragt’ ich mit Lebhaftigkeit, der weise Regent und Gesätzgeber Eures Landes? Und, zu meiner noch größeren Verwunderung, vernahm ich: daß hier keine Menschen, die man Könige heißt, noch andere Herrscher, sich vom Schweis und Blute eines ganzen Landes mästen, und für mehr tausend andere davon verzehren; sondern daß drei der Klügsten und Rechtschaffensten aus dem Volke, worauf die Uebrigen alle kompromittirten, jeden vorkommenden Streithandel entscheiden, und durch klugen Rath und väterliche Fürsorge dem Lande und jeglichem Innwohner in allen Fällen beistehen. „Zwar kommen hier nur äusserst selten Streitigkeiten vor;“ setzte der Greis hinzu, „denn da wir kein Eigenthum haben, so hört unter uns die Hauptursache aller Zwietracht auf, und wir leben unbeneidet in glücklicher Ruhe und Eintracht.“
Die Rede des Greisen hatte mich sehr unruhig und tiefsinnig gemacht. Wir gingen itzt mit ihm, das Luftschiff ihm zu zeigen; aber ich weiß nicht mehr, wie wir hin und her kamen. Das Bild, das mir der Alte von der Glückseligkeit seines Landes geschildert hatte, beschäftigte unaufhörlich meine ganze Sele. Ich betrachtete es von allen Seiten, und fand immer mehr, daß dieses Volk, das ich für roh und barbarisch gehalten hatte, das glücklichste und weiseste, das ich kenne, in der Schöpfung sei. Ich verglich damit unsere Statsverfassung, und fühlte den betrübten Abstand, den wir mit unserer eingebildeten Aufklärung und Verfeinerung dagegen machen; fühlte, wie glücklich auch wir, unter solch einer Einrichtung sein könnten — und welche unglückliche Sklaven unnatürlicher Gesätze, des Betruges, der Habsucht und des Despotismus wir wirklich sind! Ich sah an uns — die Barbaren, und in Momoly — die aufgeklärte Nation!
Je länger wir uns in Whashangau aufhielten, desto mehr ward ich in meiner Ueberzeugung bestärkt. Ich sah überall Güte, Menschenfreundlichkeit und Herzlichkeit; jedermann bestrebte sich, dem andern gefällig zu sein; nie hört’ ich, oder sah Feindschaft, Streit oder Zänkerei. Allgemeine Eintracht und Freude herrschte unter dem Volke. Des Abends versammelten sie sich gewöhnlich, bei schönem Wetter, unter einem alten großen Baume. Die Aeltern saßen in einem Zirkel auf einer Bank, und die Jüngern tanzten, Jünglinge und Mädchen beim Tone einer Art von Schallmeien um sie her. Auf allen Gesichtern blühte Gesundheit, und Saft und Nervenkraft strotzte in ihren Muskeln und den vollen fleischichten Lenden. Hier sah ich kein von Kummer und Noth entstelltes Gesicht; keine von Ausschweifungen abgebleichte Wange. Man wußte hier von Krankheiten nur sehr wenig; die meisten starben aus Entkräftung des Alters: hingegen wußte man auch nichts von Aerzten und Arzneien; einige Kräuter ausgenommen, die das Land hervorbringt, und die gegen die gewöhnlichen Krankheiten fast immer ein sicheres Mittel sind.
Eines Tages mit aufgehender Sonne, kam unser liebreiche Wirth zu uns, und trug uns an: ob wir nicht heute wollten ihrem Gottesdienste beiwohnen, weil eben einer der Tage sei, wo sie sich gewöhnlich alle dazu versammelten. Wir willigten sehr gerne ein, und gingen mit ihm. Er führte uns auf eine Anhöhe, von der man die schönste Aussicht, besonders gegen Aufgang hin, hatte.
Als hier die ersten Stralen die kommende Gottheit verkündeten, erschallte ein feierlicher Hochgesang voll der rührendsten Empfindung und Einfalt. Indeß stieg die Sonne, im glänzenden Purpur, langsam und majestätisch herauf — ihre Stralen vergoldeten den Erdkreis, und die ganze Natur schien milde und lächelnd sich der kommenden Sonne zu freuen. Immer begleitete sie Gesang voll Empfindung und Ausdruck. Nun stand Sie da! — und alle schwiegen — fielen aufs Angesicht nieder, und beteten in stiller Andacht. Dann stunden sie auf — warfen sich noch einmal nieder vor der Gottheit; küßten die Erde, die sie beschien — und gingen schweigend . . . . . .
Nie war mir ein Gottesdienst rührender, nie ehrwürdiger vorgekommen, als dieser. Ha! in dem großen, offenen Tempel der Natur — lauter lebende Bilder der wohlthätigen Schöpfung um uns her — und das große würdige Bild der Gottheit im Angesichte — ha! wie so anders empfindet, und betet man hier, als zwischen den Mauern, die wir Tempel nennen, vor einem grotesken Bilde der Gottheit und dem noch groteskeren eines vermumten Pfaffen! Ich kann nicht beschreiben, was ich hier empfand. Mein Herz schwoll von heiligen Empfindungen — mir war, als säh’ ich Gott — im Ausbruche des Gefühls stimmten wir alle in das Lied ein — warfen uns, von Empfindung hingerissen, mit den Uebrigen an die Erde — und beteten mit Inbrunst.
Mein Herz war noch lange nachher so voll, daß ich auf unserem ganzen Rückwege kein Wörtchen sprach; nur empfand, und dachte. Ich hatte nun wieder eine Ursache mehr gefunden, die mir die Momolyten beneidenswerth machte. O drei und viermal glückliches Land! rief ich endlich voll Begeisterung aus: das keine Pfaffen, keine Aerzte, keine Soldaten und — keine Könige hat!!!!
Gerne würde ich hier mein ganzes Leben zugebracht haben, wenn nicht der Gedanke an die Meinigen mich an meinen Planeten hingezogen hätte; wozu sich noch der fromme Wunsch gesellte: das, was ich hier gesehen und gehört hätte, zum Besten meines Vaterlandes zu benutzen. Vielleicht, dacht ich, wird einmal Warheit, durch Beispiele und Erfahrungen unterstützet, Eingang finden. Mein Entschluß ward dadurch beschleunigt, unmittelbar in mein Vaterland zurücke zu kehren, und die Videnda in der Venus, die mir mein Freund, der große Astrolog auf Erden in meine Schreibtafel notirt hatte, einem andern zu überlassen.
Ich theilte dies Vorhaben meinen Reisegefährten mit; und wir machten die nöthigen Anstalten zu unserer Rückkehr. Unser Wirth und alle Whashangauer verloren uns sehr ungerne, und drangen in uns, noch länger zu bleiben. Allein wir traten, ohne ferneren Verzug, wiewohl mit schweren und gepreßten Herzen, unsere Rückreise, unter allgemeinem Zusammenlaufe und Erstaunen des Volks, an, und verliesen vom lauten Zurufe der Segenswünsche begleitet, dies Land, wo noch itzt meine Sele oft im Dämmerscheine wandelt.