§ 1. Mythische Zeit.
Der Name Griechen ist deutsche Umformung des von den Römern gebrauchten Namens Graeci.[9] Sie selbst nannten sich Hellenen; als Ureinwohner ihres Landes bezeichneten sie die Pelasger. Alte Heiligtümer des pelasgischen Zeus waren zu Dodōna in Epirus und auf dem Berge Lykaios in Arkadien. Der Name Hellenen erscheint bei Homer noch nicht als Gesamtname des Volkes; die später gewöhnliche Ansicht unterschied vier Hauptstämme des hellenischen Volkes: Äŏler, Achäer, Dorier, Ionier.
Merkwürdige Überreste aus der hellenischen Vorzeit sind seit 1870 durch die von Schliemann und seinen Nachfolgern zuerst in Troja (Hissarlik), dann in Amyklä, Mykenä, Orchomenos, Tiryns veranstalteten Ausgrabungen zu Tage gekommen. Man fand in den Unterbauten weit ausgedehnter Königspaläste und in wohlerhaltenen Gräbern vielerlei Waffen, eine erstaunliche Menge Goldschmuck, Wandmalereien, bemalte Tongefäße und anderes. »Schatzhaus des Atreus«, Löwentor in Mykenä. Weitere Grabungen auf den Inseln, namentlich Cypern, Rhodos, Thera, Kreta, haben gezeigt, daß eine frühe altertümliche Kultur die Küsten und Inseln des Ägäischen Meeres umfaßte und unter orientalischem Einfluß, hauptsächlich infolge der regen Handelsbeziehungen mit den Phönīkern, sich höher entwickelte. Die Zeit dieser Mykenischen Kultur, deren bedeutsamster Mittelpunkt Kreta war (König Minos), ist 1500 bis 12 v. Chr.; eine jüngere Zeit schildern die Homerischen Gedichte. Von alters her viele kleine Staaten unter kriegerischen Königen, aber kein grausamer Despotismus wie bei den Assyrern; milde Behandlung der Sklaven.
Religion. Die den arischen Völkern gemeinsame Verehrung der Naturkräfte bildet sich bei den Griechen frühzeitig um zur Verehrung persönlich gedachter Götter. Aus dem Chaos sollen Himmel und Erde (Urănos und Gaia) entstanden sein, von diesen stammt das Göttergeschlecht der Titanen (Krŏnos, Rhea, Promētheus u. a.). Dieses verdrängen die olympischen Götter, an ihrer Spitze der Himmelsgott Zeus, Sohn des Kronos und der Rhea, welcher die Herrschaft der Welt mit seinen Brüdern Poseidon (Meer) und Hades oder Pluton (Unterwelt) teilt. Als olympische Götter werden besonders folgende 12 zusammengefaßt: Zeus, Hera, Poseidon, Demēter, Hestia, Hephaistos, Ares, Apollon, Artĕmis, Pallas Athene, Aphrodite, Hermes (die letzten 7 gelten als Kinder des Zeus). Andere Gottheiten: Persephŏne (Tochter von Zeus und Demeter, Gemahlin Plutons), Eros, der ständige Begleiter der Aphrodite, Dionysos oder Bakchos (Sohn des Zeus und der thebanischen Königstochter Semĕle), in seinem Gefolge der Hirtengott Pan, die Satyrn und Nymphen; Asklepios (Sohn des Apollon), die 9 Musen (Klio, Euterpe, Thalīa, Melpomĕne, Terpsichŏre, Erăto, Polymnia, Urania, Kalliŏpe, Töchter des Zeus und der Mnemosy̆ne), ferner Eos, Iris; die Meergottheiten Nereus (seine Töchter die Nereĭden), Amphitrīte, Triton, Proteus, Glaukos.
Die Abhängigkeit des Menschengeschlechts von den Göttern gibt sich kund in Gebeten, Opfern, Festzügen; durch Orakel, Vorzeichen (Weissagung aus dem Vogelflug und aus den Eingeweiden der Opfertiere) geben die Götter ihren Willen kund. Glaube an ein Fortleben nach dem Tode (Elysion, Tartăros).
Reiche Entwickelung der Götter- und Heldensage, ein Schatz für die griechische Poesie der folgenden Zeiten.
Die Erinnerung an die Tatsache, daß Griechenland die Anfänge höherer Kultur von den Völkern des Ostens erhalten hat, spiegelt sich wieder in den Einwanderungssagen:
Danăos, Gründer der Burg von Argos, soll aus Ägypten gekommen sein, seine 50 Töchter, die Danaiden, ermorden ihre Männer, die Söhne des Äigyptos; nur Hypermnestra rettet den Lynkeus. Ihr Nachkomme Perseus, Sohn des Zeus und der Danae, gründet nach der Rückkehr von seinen Heldentaten (Medusa getötet, Andromĕda befreit) die Burg von Mykēnä als Herrschersitz. Aus seinem Geschlecht stammen Eurystheus und Herăkles.
Pelops, Sohn des Königs Tantălos, soll aus Lydien nach Elis gekommen sein. Seine Söhne Atreus und Thyestes bemächtigen sich, nachdem Eurystheus im Kampfe gegen die Herakliden gefallen ist (s. S. 25), der Herrschaft in Mykenä. Atreus’ Sohn Agamemnon herrscht nach ihm in Mykenä, der jüngere Sohn Menelāos in Sparta als Erbe des Königs Tyndareos, dessen Tochter Helĕna ihm vermählt ist.
Kadmos, Sohn des phönikischen Königs Agenor von Sidon, gründet die Burg von Theben (Kadmēa), wo seine Nachkommen herrschen; er soll den Griechen die Buchstabenschrift gebracht haben.