In all dieser Arbeit und unter den Ängsten seines für die eingeborenen Christen so besorgten Herzens hatte Mackay noch Zeit und Freudigkeit, sich für andere zu verwenden und Gastfreundschaft zu üben. Zwei berühmte Forscher in der Nähe Ugandas waren damals durch den Mahdistenaufstand völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Mackay verwandte sich für sie beim Könige und erwirkte ihnen in dieser politisch überaus aufgeregten Zeit die seltene Erlaubnis, nach Uganda kommen zu dürfen. Der erste war der russische Reisende Dr. Junker, den Mackay aus der schwierigsten Lage rettete und ihm zum sicheren Geleit nach der Küste verhalf. Der zweite war der in ägyptischen Verwaltungsdiensten stehende und um Afrika so außerordentlich verdienstvolle Deutsche Dr. Schnitzer, bekannt unter dem Namen Emin Pascha, der später (1892) von Arabern ermordet wurde. »Mackay hat«, so berichtet Emin Pascha, »in der großartigsten und selbstlosesten Weise für mich gesorgt. Er hat uns geholfen, obgleich er persönlich dafür büßen mußte, und ist mir ein treuer Freund und Berater gewesen. Als ich völlig mutlos war, haben mich seine Briefe gestützt und aufrecht erhalten und mir frischen Mut zu neuem Handeln eingeflößt. Er hat alles, was er besaß, mit mir geteilt und sich beraubt, um mich mit Geschenken auszurüsten. Möge Gott, in dessen Schutze wir alle stehen, es ihm reichlich vergelten. Ich bin nicht imstande, es zu tun.«

Der Khedive von Ägypten verlieh Mackay auf Emin Paschas Mitteilungen hin den Osmanieorden vierter Klasse. Ein Anerbieten des weithin bekannten Generals Gordon, eine hohe Stellung in seinem Dienste im Sudan anzunehmen, nahm Mackay nicht an. Er zog es vor, seine Arbeit in Afrika in bescheidenerer Weise zu tun.

Fünfzehntes Kapitel.
Zurückgeschlagen.

Mackays Lage wurde immer unhaltbarer. Es war ihm nicht möglich, den unseligen politischen Verdacht, der sich auf ihn wälzte, gänzlich abzuschütteln. Einmal wallte sein Hochlandsblut über, als der König ihm vor versammeltem Hofe zurief: »Oli Mukasa, du bist ein Heuchler!«

»Ich bin kein Heuchler!« fuhr er zornig auf und erwartete dabei einen blutigen Ausgang. Die Sache nahm aber plötzlich eine komische Wendung, als Muanga unvermittelt seine Diener anschrie: »Gebt den Weißen ein paar Kühe, damit sie sich wieder beruhigen!«

Die wachsende Furcht der Machthaber Ugandas vor der Besitznahme ihres Landes durch die weißen »Länderfresser« war nicht unberechtigt. Denn heute hat die Selbstherrlichkeit der afrikanischen »Könige« längst aufgehört. Die Länder, von denen wir in diesem Buche hörten, sind seit zwanzig Jahren Kolonialbesitz von Deutschland und England. Man darf das nicht bedauern, denn die schwarzen Fürsten hatten das Maß ihrer Sünde voll gemacht und ihre Unfähigkeit, menschlich zu regieren, längst erwiesen. Mackay hat sich hierüber mit rücksichtsloser Offenheit ausgesprochen und deshalb manchen Tadel in Europa erfahren. »Wir fordern für uns und unsere schwarzen Brüder das Recht, Gott zu dienen, ohne dem Feuertode als Strafe dafür ausgesetzt zu sein. – Das Recht der Unglücklichen, die in Frieden leben wollen, steht höher als das Recht königlicher Räuber und Mörder. – Daraus, daß zu Neros Zeit keine christliche Macht da war, die dem Blutmenschen in den Arm fallen konnte, um dem Christentum Duldung zu verschaffen, folgt nicht, daß die kleinen Könige Afrikas in derselben Weise wirtschaften dürfen, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. – Brutalität und Mord müssen in Gottes Weltall aufhören, denn die Welt ist Gottes und nicht des Teufels. – Afrika soll für die Afrikaner sein, aber Afrika wird niemals durch Afrikaner gerettet werden können. – Eine starke Hand muß gegen Tyrannei und Unterdrückung wirksam werden. Das Wort muß freie Bahn bekommen, daß es laufen und gepriesen werden kann.«

Unter der »starken Hand« verstand Mackay allerdings die sogenannten christlichen Staaten, besonders England. Er hielt die christlichen Völker für berufen, den menschenunwürdigen Zuständen in Afrika, dem Sklavenhandel und der Christenverfolgung, ein Ende zu machen und erhob freimütig seine Stimme, nicht zur gewaltsamen Ausbreitung des Christentums, wie man ihm vorgeworfen, sondern in erster Linie um Beistand und Schutz für die Verfolgten und Unterdrückten. Sein Herz brannte für sein geliebtes Afrika.

Muangas Argwohn gegen Mackay erhielt durch die fortwährenden Einflüsterungen der Araber und durch das Achselzucken eines befragten katholischen Missionars immer neue Nahrung. Als endlich noch die Meldung kam, daß der große Stanley mit einem zahlreichen Gefolge sich Uganda nähere, befürchtete der König seine Bestrafung für die Ermordung des Missionsbischofs und gab Befehl, Mackay solle sofort das Land verlassen. Der Häuptling Nautinde wurde beauftragt, den Ausgewiesenen zu begleiten und den Missionar Gordon, dessen Name dem Könige sehr gefiel, als Ersatz – eigentlich als Geisel – mitzubringen.

So war denn die gefürchtete Stunde des unfreiwilligen Scheidens von dem geliebten Uganda gekommen. Noch einmal versammelte Mackay die Gemeindeältesten um sich und legte ihnen die Sorge für die Herde Christi auf Herz und Gewissen. Noch einmal füllte sich das Haus mit seinen geistlichen Kindern, die mit Tränen von ihrem geliebten Vater Abschied nahmen. Dann verschloß er das Haus, übertrug die Bewachung desselben vier treuen Männern und zog schweren Herzens am 21. Juli 1887 von dannen. Am Hafen besserte er erst das Boot aus und segelte nach Ukumbi am Südende des Sees, wo er Gordon vorfand, der den lobenswerten Mut hatte, mit dem Häuptling zu gehen und den verlassenen Posten in Uganda einzunehmen.

Der vertriebene Held wollte seinem lieben Uganda so nahe als möglich bleiben und schlug deshalb sein Zelt nach verschiedenen Abenteuern in Usambiro im Gebiete eines befreundeten Häuptlings auf. An ein Ausruhen dachte er auch jetzt noch nicht, obwohl er hart mitgenommen war, sondern legte sofort eine neue Missionsstation an. Da galt es monatelang wieder Häuser zu bauen, Gestrüpp auszuroden, Ställe und Schuppen zu bauen, kurz gesagt: Pionierdienste zu tun. Daneben widmete er sich einer Schar von Christen, die aus Uganda zu ihm geflohen waren, und führte sie tiefer in die Schrift ein, um sie später als Evangelisten zurückzusenden.